Rabenschwarz und Naseweiß Foto: Georg Poehlein - Georg Poehlein

Eine wunderbare Schwarz-Weiß-Malerei auf der Leinwand, eine witzige Sardinenjagd, eine tragische Flucht aus Syrien: Das internationale Kindertheaterfestival an der Esslinger Landesbühne zeigt unterschiedliche Stücke von hoher Qualität.

EsslingenEs war einmal ein kleines Weiß“, spricht der Maler ruhig und malt einen kleinen weißen Fleck, doch schon in Kürze ist die ganze schwarze Tafel voller hübsch verzierter Blumen und Tiere. Der Schauspieler Joachim Torbahn hat sie alle in einem Schwung gemalt, ohne die Kreide auch nur einmal abzusetzen. Doch als die Tafel fast ganz weiß ist, muckt jemand auf: „Ich bin’s, das Schwarz, hier, hinter dem Weiß.“ Und jetzt beginnt ein krasser Kampf: Wer von den beiden, Schwarz oder Weiß, gewinnt wohl die Oberhand?

Die große Tafel ist die doppelgesichtige Hauptperson in „Rabenschwarz und Naseweiß“, einem Ein-Personen-Stück in der Regie Tristan Vogts, das jetzt beim Internationalen Kindertheaterfestival der Esslinger Landesbühne (WLB) im Studio am Blarerplatz zu sehen war. Torbahn bearbeitet die Tafel 50 Minuten lang mit weißer Farbe, Wasser aus einer Sprühflasche und einem Schwamm, Pinseln, Spachteln und Wasserziehern: Er malt, zerstört, verwischt, lässt Neues aus dem Chaos entstehen, immer wieder. Er sprüht, putzt, modifiziert, schabt – eine ständige Metamorphose. Herrlich, was da alles in atemlosen Fluss auf der Tafel entsteht: Gebirgslandschaften, wasserspuckende Elefanten, ein Zauberwunderwald, eine orientalische Stadt, ein Badeparadies, eine gewaltige Sturmflut und plötzlich gar schreckliche Monster. Die Dialoge zwischen Rabenschwarz und Naseweiß sind nur karg, das Stück funktioniert ohne viel Gedöns. Gegensätze ziehen sich eben an. Derweil quietschen die Kinder im Publikum vor allem dann vor Vergnügen, wenn auch der Maler laut wird und beim Ungeheuermalen Monstergeschrei loslässt.

Abenteuer mit Sardine

Diese Produktion des Nürnberger Puppentheaters Thalias Kompagnons zeigte vorbildlich, wie man sein kleines oder großes Publikum ohne viel bühnentechnisches Klimbim durchaus hintergründig unterhalten kann. Die italienische Gruppe La baracca aus Bologna, die mit ihrem Stück „Der Geschmack von Salz“ im Podium 2 an den Start ging, fuhr da schon einiges mehr auf an Technik und Requisiten. Es geht um zwei clowneske Fischer, denen eine mühevoll gefangene Sardine ins Meer zurückflutscht. Sie machen sich daran, das Fischlein zu verfolgen bis in die Wüste und sogar an den Nordpol, geraten in abstruse Abenteuer, werden mehr und mehr zur Beschützerin von „Dine“. Überall lauern nämlich hungrige Möwen und Haie. Um die verrückten Verfolgungsfahrten zu visualisieren, hat man sich eine Szenerie aus lauter weißen Fischtransportkisten ausgedacht. Mal dienen sie einzeln – von innen illuminiert – als Minibühnenbild, in dem das Fischerkähnchen fröhlich wippt oder die Sardine hin und her pendelt, mal ergeben die Kisten zusammen eine Projektionsfläche für Unterwasserweltfilmchen. Doch am besten funktioniert das Stück dann, wenn die Technik zurückgefahren wird. Dann dürfen die beiden Bruno Cappagli und Fabio Galanti, die in Esslingen einen witzigen italienisch-deutschen Slang kultivieren, sich dem Slapstick hingeben, gegen Möwen kämpfen, kleine Kraken tanzen lassen. Weil La baracca auch Theater für die ganz Kleinen – nämlich Zweijährige – macht, wird Cappagli für diese jüngste Zuschauergruppe an der Jungen WLB das Projekt „Gefühlsstrudel“ inszenieren. Ende März 2020 ist Premiere. Dann sollte Cappagli den Lautstärkepegel der Musik von der Konserve mal ganz unten halten – in „Der Geschmack von Salz“ ist die Attacke aufs Trommelfell ein Manko .

Live und mitreißend gespielte Musik auf Trompete und Gitarre empfing dagegen das Publikum in „We come from far, far away“, einer Produktion in der Regie von Alex Byrne mit der britisch-norwegischen Theatertruppe NIE (NewInternationalEncounter). Ein Junge erzählt seine tragisch verlaufende Flucht aus dem syrischen Aleppo durch ganz Europa ins norwegische Oslo. Er erzählt von seiner Stadt, über die Tod und Verderben kam, von seiner Sehnsucht, in Freiheit zu leben. Aber zuerst einmal heißt es fürs Publikum, die Schuhe auszuziehen, denn auf der Bühne des Schauspielhauses ist ein großes Zelt aufgebaut (Bühne und Kostüme: Katerina Housková). Darin sitzen die Zuschauer, sechste Schulklassen, dicht gedrängt auf dem Boden. Innendrin gibt es noch einmal ein Zelt, ein ganz kleines, in dem Omar und sein bester Freund Abdulah (Iva Moberg und Nora Svalheim) sich gelegentlich verkriechen. Aber meist rennen sie fort vor Menschen, die ihnen Böses wollen. Schließlich landen sie im ersehnten Boot nach Europa, nachdem Schlepper ihr ganzes Geld genommen haben.

Jenseits aller Klischees

Die Qualität des Stücks ergibt sich aus der Vielfalt künstlerischer Mittel, mit denen man jedem Klischee ausweicht. Die zynisch witzelnden Polizisten sind bloß Puppen aus Gelbe-Tonne-Material. Die Ländernamen der langen Route, die die beiden Jungen durchqueren, verarbeiten die beiden Musiker in einem Country-Song. Das kleine Zelt wird schnell umfunktioniert zum Fluchtmittel: Die Fahrten ohne Fahrschein im Zug gelingen, weil Abdulah sich hinter einheimischen Zeitungen unsichtbar macht. Einer, der die „Zeit“ liest, kann ja wohl kein Flüchtling sein. Gleichzeitig wagt sich das Stück äußerst sensibel an das Thema Tod heran. In der Mitte spielt sich eine Tragödie ab, als das Boot der beiden Jungen bei stürmischer See mit einem Schiff kollidiert. Als Omar über Bord geht, hält das Stück kurz inne: Der Junge beschreibt minutiös sein Ertrinken, sein Sterben unter vielen anderen Menschen, die neben ihm auf den Grund des Meeres sinken. Dann geht’s weiter, als sei Omar doch noch gerettet worden. Die beiden Jungen schaffen es gemeinsam bis zum Hamburger Bahnhof, wo Omar sich endlich im MacDonald über den ersehnten Milkshake hermachen kann. Dass dies und anderes nur in der Fantasie des traumatisierten Abdulah geschieht, klärt sich erst am Ende auf. Omar ist tatsächlich ertrunken, und Abdulah erreicht Oslo alleine.

„We come from far, far away“ ist noch einmal an diesem Samstag, 18 Uhr, im Esslinger Schauspielhaus zu sehen. Am Samstag (16 Uhr) und am Sonntag (11 Uhr) gastiert das österreichisch-kroatische VRUM Performing Arts Collective mit seinem Stück „Söhne“ im Podium 1 des Schauspielhauses. Das belgische Agora Theater zeigt am Sonntag „Die Kartoffelsuppe“ (16 Uhr, Podium 2).

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