Mit halsbrecherischen Tricks am Trapez ziehen die Künstler zahlreiche Zuschauer in ihren Bann. Foto: Bulgrin - Bulgrin

Insgesamt 24 regionale und internationale Künstler und Teams haben die Esslinger Innenstadt am Samstag in ein magisches Theater voller Gauklerpoesie verwandelt.

EsslingenZum dritten Mal hieß es am Samstag „Bühne frei“ für das Straßenkunstfestival, das bei bestem Wetter zahlreiche Besucher in die Stadt lockte. Insgesamt 24 regionale und internationale Acts verwandelten die Esslinger Gassen in ein magisches Theater voller zauberhafter Tricks, bizarrer Clownerie, atemberaubender Artistik und Poesie.

Irgendetwas ist anders an diesem Samstag, an dem sich bei Sonne satt Menschenmassen in der Esslinger Innenstadt drängen. An jeder Ecke locken Musik, Jonglage und Artistik und laden zum Verweilen ein. „Ich wünsche euch glänzende Darbietungen und schöne Momente“, sagt Organisator Philipp Falser bei der Eröffnung am Postmichelbrunnen. Das Straßenkunstfestival, kurz Straku, das er zusammen mit Samira Hadi, Sophia Bauer und rund 20 weiteren Helfern auf die Beine gestellt hat, ist seinen Kinderschuhen entwachsen. „Es entwickelt eine immer größere künstlerische Qualität“, sagt der Sprecher, Regisseur und Kommunikationstrainer im Gespräch mit der EZ. „Wir wollen die Stadt mit verrückten Acts ins richtige Licht setzen.“ Dazu gehört auch das aufpolierte Central-Theater, in dem um 18 Uhr die After-Show-Party stattfindet.

Manche Nummern nehmen die Zuschauer mit auf eine Reise in die eigene Phantasie. Ein riesiger Puppenspieler in Rot führt eine lebendige Marionette am Faden. Alex Bakker und Judith Kirschner lassen nicht nur die Puppen tanzen, sondern hinterfragen durch ihre schräge Performance alltägliche Begegnungen. Unterhalb des Postmichels räkelt sich derweil eine Meerjungfrau mit blaugrünem Schwanz in einer Zinkwanne, um sich kurz darauf an einem Trapez in die Luft zu schwingen und halsbrecherische Tricks zu vollführen. Viel Applaus gibt es für Meermaid Ella Just und die Doppelnummer der Tuchakrobaten Jonas Wacker und Friederike Hinrichsen. Auch Lana Ade und Lena Biedlingmaier bringen die Augen der Zuschauer am Trapez zu Leuchten. Julia Wahl und Tina Blumenstengel präsentieren eine Pole Dance Double Show.

Musik überwindet bei El-Loren aus Spanien alle Sprachbarrieren. „I speak with the music of my heart“, sagt er und lässt sein Percussion-Set klingen, swingen und klopfen. Sein ganz besonderes Schlagzeug kombiniert recycelte PVC-Röhren, Farbtöpfe, Pfannen, Fahrradklingeln, Backbleche und Aschenbecher.

Clowns sind ein Muss. Zwischen den Darbietungen in der ganzen Stadt spielen sich die Pausenclowns Rosini und Paula Pusteblume, alias Dirk Rupp und Rotraud Hahn, in die Herzen der kleinen und großen Zuschauer.

„Esslingen ist mehr als nur Mittelalter“, findet Andrea Menze. Mit ihren Künstlerkollegen vom Netzwerk Arttra und anderen Mitstreitern hat sie die Innere Brücke unter dem Motto „Urban Jungle“ in eine farbenprächtige, mediterran anmutende „Open Gallery“ verwandelt. Wer mutig genug ist, zum Pinsel zu greifen, kann sich bei Ildiko Passarge auf Leinwand knallbunt und expressiv verewigen.

Mit seiner schrägen Fakir- und Feuershow begeistert Moisés Ugidos Cedenos aus Spanien, alias Muy Moi, in der Bahnhofstraße sein Publikum. Moi ist Schlangenmensch und Feuerschlucker, was bei hohen Temperaturen an sich schon eine Herausforderung darstellt. „Here good show“, ruft der spargeldünne Kerl und lockt noch mehr Zuschauer an. Ein wenig Jonglage, ein paar freche Slapstickeinlagen, bei denen er die Zuschauer geschickt mit einbezieht, dann ist es soweit: Moi schluckt eine brennende Fackel, und aus seinem Mund schlägt eine Stichflamme zum Himmel. Entsetztes Schweigen, als er die Fackel dann in seinen Hosenbund schiebt. Ein wenig Rauch quillt hervor, ansonsten bleibt diese Aktion folgenlos.

„Would You dance with me?“ lautet der Titel der Tanz- und Musikperformance, die Grégory Darcy zusammen mit Hans Fickelscher und seinem Ensemble eigens für das Straku entwickelt hat. Fünf Hände strecken sich durch einen roten Vorhang, der am Athleteneck aufgebaut ist. Wer voller Vertrauen zugreift, lässt sich auf einen Tanz mit einem Unbekannten ein. Nach und nach erscheinen ein Rollstuhlfahrer, eine Inderin im Sari, eine Japanerin, ein Geflüchteter aus Syrien und ein junger Mann mit einer geistigen Behinderung. „Mit unserer Performance wollen wir die Leute zu ganz besonderen Begegnungen auffordern und sie einladen, sich auf Neues und Fremdes einzulassen“, sagt der Choreograph aus Frankreich.

Jonglage mit Fackeln, Hüten, Keulen und Bällen gibt es bei Herzjongleur Chris Blessing im Metzgerbach. Er lädt sein Publikum zur Castingshow ein, bei der er in verschiedene Rollen schlüpft. Alina, die ihr allerliebstes Jongleur-Herzblatt auswählen darf, entscheidet sich ausgerechnet für den zwar sympathischen, aber tollpatschigen Sachsen Hugo. Jonglage-Fans kommen auch beim virtuosen Diabolo-Meister Jonas Kerner auf ihre Kosten.

Musik steckt in allen Gassen. Handgemacht und voller Herzblut erwecken Singer-Songwriter wie die Esslinger Bea Bache und Daniel Weber, der Köngener Felix Bayer und der junge Akkordeonist Nepomuk Golding die Stadt zu Leben. Combos wie „Blurred“ aus Kirchheim, „Phi“ aus Esslingen, „GramMoQuai“ aus Stuttgart und „Daily Journey“ treten ebenfalls auf. Toni Mogens wird durch Max vertreten. „Toni ist leider auf Tournee“, sagt dieser und rockt den Metzgerbach mit softem Gitarrenpop.

Musik und Clownerie zugleich präsentieren Felice und Cortes Young aus Berlin. Mit ihrer zum Anbeten schönen Stimme bildet Felice den Gegenpol zu dem chaotischen Jongleur und Drummer Cortes, der die Ratte Tom aus seinem Verstärker holt und kurzerhand mittrommeln lässt. Über allem liegt, trotz allem Übermut, ein Hauch von Melancholie und zauberhafter Gauklerpoesie.

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