Heilanstalt Kennenburg Foto: Stadtarchiv Esslingen

Die Kirche im Stadtteil St. Bernhardt steht beinahe unverändert da - wo einst die Heilanstalt Kennenburg war ist hingegen vieles anders.

Esslingen (log/kf/daw) - Gut sichtbar auf der Anhöhe zwischen Hainbachtal und der Burg beim Friedhof - früher auf freiem Felde, heute mitten im Wohngebiet - steht die nach Bernhard von Clairvaux, einem Mitbegründer des Zisterzienserordens, benannte evangelische St. Bernhardt-Kirche. 1382 wurde sie erstmals schriftlich erwähnt, vermutlich hat es an dieser Stelle aber bereits Ende des 13. Jahrhunderts eine kleine Kapelle aus Holz gegeben.
Das Aussehen des "Kirchles", wie es gerne genannt wird, ist bis heute geprägt durch den hohen, spitzen Turm, der vermutlich Mitte des 15. Jahrhunderts gebaut wurde. Das Kirchenschiff wurde in seiner heutigen Form zwischen 1889 und 1899 gebaut, nachdem es zuvor zerstört, abgerissen, neu gebaut wurde und schließlich 1733 nach einer Erweiterung einstürzte. Seitdem hat sich das Erscheinungsbild der St. Bernhardt-Kirche kaum noch verändert.

Im Gegensatz dazu hat sich wo einst die Privatklinik Kennenburg war vieles getan. Die idyllisch oberhalb des Hainbachtals gelegene Kaltwasser-Heilanstalt Kennenburg war 1840 von einer Aktionärsgesellschaft gegründet worden und richtete „sich an Wohlhabende, die sich Hilfe für ihre meist chronischen Krankheiten versprachen“. Als die Patientenzahlen sanken, wurde die Heilanstalt 1844/45 verkauft. Der neue Leiter Friedrich Stimmel eröffnete dann eine „Privatheilanstalt für Nerven- und Gemütskranke“, die auch weiterhin den Kurbetrieb aufrecht erhielt.
Eine tragische Rolle spielte die Heilanstalt Kennenburg in der NS-Zeit. Der leitende Arzt der Heilanstalt Paul Krauß, der die Klinik 1940 von seinem Vater übernommen hatte, meldete in Frage kommende Patienten für das Euthanasie-Projekt T-4 der Nazis nach Berlin, so dass diese ermordet werden sollten. Hebammen und Ärzte wurden zur Denunziation von Menschen aufgefordert, die nicht ins Idealbild passten. Die Eltern behinderter Kinder wurden dazu angehalten, diese in Einrichtungen
zu geben. Neun Patienten der Heilanstalt Kennenburg wurden Opfer der Euthanasie, eine Gedenktafel erinnert ihrer. Die Kulturwissenschaftlerin Gudrun Silberzahn-Jandt hat das Schicksal der Opfer erforscht und dafür den Fritz-Landenberger-Preis erhalten.
1941 hat Paul Krauß die Klinik an die Stadt Esslingen verkauft. Die Stadt richtete darin ein Altersheim, eine HNO-Klinik sowie eine Frauenklinik ein. In den 70er-Jahren wurde die Klinik schließlich abgerissen und das Geriatrische Zentrum Esslingen-Kennenburg nebst Pflegestift gebaut. Von den historischen Anstaltsgebäuden ist nichts mehr übrig geblieben. An diese Zeit erinnern heute lediglich der Springbrunnen, ein Stück der Terrassenmauer, in der noch drei zugemauerte Bögen erkennbar sind, und ein kleiner Pavillon.

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