Bund und Länder haben im Kampf gegen den Coronavirus einen Notmechanismus verabredet, der sehr viel Wachsamkeit verlangt.
Berlin - Das Robert-Koch-Institut (RKI) unterstützt die neue „Notbremse“ – also die von Bund und Ländern beschlossene Regel, dass sofort wieder Beschränkungen des gesellschaftlichen Lebens erlassen werden, wenn es in einer Kommune zu mehr als 50 Corona-Neuinfektionen je 100.000 Einwohner kommt. Das sei ein „pragmatischer Grenzwert“, den er für richtig halte, sagte RKI-Vizepräsident Lars Schaade am Donnerstag in Berlin. Er mahnte aber die Wachsamkeit der örtlichen Gesundheitsämter an.
Schaade räumte ein, dass es aus epidemiologischer Sicht ein „gewisses Risiko“ sei, jetzt zu Lockerungen bei den Corona-Einschränkungen zu kommen. Er verstehe aber auch den Wunsch, das wirtschaftliche und schulische Leben wieder zu öffnen. Deshalb sei es „legitim und erforderlich, diesen Versuch zu machen“, das heißt: Lockerungen vorzunehmen und zugleich darauf zu achten, dass steigende Infektionszahlen rasch erkannt und regional bei Überschreiten des Grenzwerts bekämpft werden.
Die Gesundheitsämter spielen eine wichtige Rolle
Dass die Gesundheitsämter bei diesem Versuch eine zentrale Rolle spielen, haben auch Kanzlerin Angela Merkel und Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) betont. Spahn nennt diese Behörden den „Dreh- und Angelpunkt.“
Laut Infektionsschutzgesetz müssen sie nachvollziehen, mit welchen Personen ein Infizierter Kontakt hatte – im Schnitt sind das etwa zehn -, um mit Quarantäneanordnungen und Überwachung der Quarantäne die Infektionsketten zu brechen. Bund und Länder wollen, dass die Ämter je 20.000 Einwohner ein Team mit fünf Personen zur Nachverfolgung der Kontakte einsetzen. In Baden-Württemberg sind somit nach Angaben des Sozialministeriums 555 Teams (2775 Personen) nötig. Im März waren damit im Land gerade einmal 461 Mitarbeiter befasst – eine Zahl, die bis zuletzt auf knapp 2400 Personen stieg.
„Containment Scouts“ als Unterstützer
Das RKI stellt den Ländern so genannte „Containment Scouts“ zur Verfügung. Auf den Südwesten entfallen davon 65 Personen, die ersten von ihnen sind schon vor Ort im Einsatz. Zudem haben sich etwa 4000 Medizin-Studenten gemeldet, die bereit sind, den Behörden zu helfen. Etwa 120 Ärzte, die im Ruhestand oder in Elternzeit sind, haben sich über die Landesärztekammer (LÄK) zur Unterstützung bereit erklärt.
Das Stuttgarter Sozialministerium betont, dass die Gesundheitsämter ihre Aufgaben zur Eindämmung der Pandemie mit dem aktuellen Personalstand bewältigen können. Sollte sich zeigen, dass dies nicht gelingt – dass also die Nachverfolgung der Infektionen –scheitert, wenden sich die Ämter ans Landesgesundheitsamt, das dann seinerseits versucht, etwa aus dem Kreis der Studenten oder dem LÄK-Pool Unterstützung zu organisieren.
Doppelte „Notbremse“ im Südwesten
Im Südwesten gibt es somit eine doppelte „Notbremse“: Die Gesundheitsämter schlagen Alarm, wenn sie die Arbeit nicht mehr bewältigen. Und dazu kommt die von Merkel und den Ministerpräsidenten vereinbarte Bestimmung, dass dort die Lockerungen ein Ende haben, wo der Wert von 50 Neu-Infektionen je 100.000 Bürgern überschritten wird.
Das Ganze wäre technisch einfacher, wenn das RKI die viel diskutierte Applikation für Smartphones an den Start brächte, die die Nachverfolgung erleichtern soll. Diese App wird aber wohl noch einige Wochen auf sich warten lassen.
60 Millionen Deutsche zu impfen wird Jahre dauern
Allerdings betont die gesamte Fachwelt, dass die Pandemie auch in einigen Wochen keineswegs vorüber sei. Schaade erklärte am Donnerstag, dass sie „noch viele Monate anhalten wird und sich vermutlich ins nächste Jahr hineinziehen wird“. Ein Ende wird die Pandemie erst haben, wenn ein Impfstoff oder eine Therapie vorliegen. Beides ist nicht in Sicht. Ein Expertenkreis um den Bremer Pharmazeuten Gerd Glaeske schildert zudem, wie aufwendig es sein wird, die Impfung – wenn es sie denn einmal gibt – zu verabreichen. Wenn 60 Millionen Einwohner geimpft werden müssten, so heißt es in einem Papier des Kreises, und man die „Herkulesaufgabe schultern könnte, pro Arbeitstag 60.000 Impfdosen zu verabreichen, würde man 1000 Arbeitstage (ca. 4 Jahre) benötigen, um die Bevölkerung in Deutschland zu impfen.“ Das heißt: Früher oder später werden Bund und Länder sich etwas einfallen lassen müssen, um sehr viel mehr Personal zu gewinnen, das dann die Vakzine möglichst rasch verabreichen kann.