Viele Menschen tragen aus Angst vor einer Infektion mit dem Coronavirus einen Mundschutz. Manche bezweifeln, dass das nötig ist. Foto: AP/Jens Meyer

Im Netz sorgen Aussagen für Aufsehen, wonach das neuartige Coronavirus weniger gefährlich sei als Grippeviren. Was zeigt der Vergleich zur Influenza? Und: Sind die aktuellen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie übertrieben?

Stuttgart - Derzeit teilen viele Menschen im Netz eine Petition, in der dazu aufgefordert wird, alle „in der Corona-Krise verfügten Einschränkungen bürgerlicher Freiheiten“ sofort aufzuheben. Die Argumentation: Die derzeitige durch das Coronavirus Sars-CoV-2 verursachte Krankheit Covid-19 scheine zumindest für Deutschland weniger gefährlich als eine Grippewelle. Ein Vergleich mit den verstorbenen Grippeerkrankten aus den Vorjahren zeige zudem, dass die Mortalitätsrate von Covid-19 eher gering sei. Zitiert wird auch die Virologin Karin Mölling – mit dem Verweis auf 2000 bis 3000 Menschen, die in dieser Saison an Influenza gestorben seien, gegenüber weit weniger Toten durch Covid-19 bis Mitte März.

Noch in einer frühen Phase

Das große Problem daran: Aus den Zahlen vom März lassen sich noch keine Rückschlüsse auf die Gesamtzahl der durch das neuartige Virus ­Verstorbenen ziehen. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) haben sich in Deutschland bislang rund 80 000 Menschen infiziert, mehr als 1100 waren bis zu diesem Freitag verstorben. „Tendenz leider weiter klar steigend“, sagt Jan Steffen Jürgensen, Medizinischer Vorstand am Klinikum Stuttgart. „Jeden Tag kommt in Deutschland mindestens eine dreistellige Zahl an Toten hinzu. Wer das als harmlos bezeichnet, hat eine völlig gestörte Wahrnehmung“, so Jürgensen. Man müsse nicht nach Italien mit fast 14 000 oder nach Spanien mit knapp 11 000 Toten blicken, um zu sehen, dass diese Pandemie ein „historisches Ausmaß“ habe. „Wir befinden uns noch in einer frühen Phase – und schon jetzt verlegen Krankenhäuser in Baden-Württemberg beatmete Covid-19-Patienten, weil Kapazitäten regional überschritten werden.“ Hinzu kommt: Gegenüber dem neuen Coronavirus besteht anders als bei Grippeviren weder eine gewisse Grundimmunität, noch gibt es Impfstoffe.

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Auch die Influenza treffe die Menschen jedes Jahr schwer, sagt Jürgensen. In der aktuellen Saison wurden bislang 181 912 Fälle gemeldet. „Die Zahlen ebben jetzt offenbar ab, was wir sehr gehofft haben, um nicht zeitgleich in den Kliniken mit Covid-19 und Influenza zu kämpfen.“ Die Zahl der laborbestätigten Influenza-Todesfälle beträgt in dieser Saison bislang laut RKI 372. Allerdings schätzte das RKI die tatsächliche Zahl der Influenza-Toten in den vergangenen Jahren unter Berufung auf Hochrechnungen teilweise deutlich höher als die der durch Tests bestätigten Fälle.

Höhere Sterblichkeit als bei Influenza

Das RKI geht bei Influenza davon aus, dass bis zu 0,2 Prozent der Infizierten daran sterben. Bei Sars-CoV-2 liegt die Todesrate höher – in Deutschland aktuell bei 1,3 Prozent. Und damit steht Deutschland in Europa noch recht gut da. „Das mag zum Teil am sehr guten Gesundheitswesen liegen, aber auch daran, dass am Anfang viele Urlaubsrückkehrer ohne erhöhtes Risiko unter den Infizierten waren. Auch hier ist zu befürchten, dass die Sterblichkeit weiter deutlich steigt“, sagt Jürgensen. Da Todesfälle erst in späteren Stadien auftreten, läuft deren Zahl jener der Infizierten hinterher. Die Entwicklung der vergangenen Tage weist aber auch hier auf ein exponentielles Wachstum hin. Zuletzt verdoppelte sich die Zahl der Toten hierzulande etwa alle vier Tage.

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Klar sei, dass ein „natürlicher Verlauf“ der Pandemie ohne Gegenmaßnahmen exponentiell wäre, sagt auch Jürgensen. Und dass eine wiederkehrende Verdopplung der Fallzahlen nach jeweils wenigen Tagen eine hohe Zahl vermeidbarer Todesfälle und eine kritische Überlastung der Krankenhäuser bedeuten würde. „Diese sehr reale Gefahr können wir gemeinsam reduzieren. Darum sind die drastischen Maßnahmen leider richtig und lebensrettend“, so Jürgensen.

Grippe-Zahlen des RKI nur Schätzungen

Vergleiche zwischen den Todesfällen in Zusammenhang mit Corona oder Grippe hinken auch deshalb, weil die Zahlen auf unterschiedliche Weise zustande kommen. Während bei den Corona-Toten die Todesursache in der Regel durch einen Test eindeutig erfasst wird, muss das Robert-Koch-Institut die Zahl der gestorbenen Influenza-Infizierten wie erwähnt schätzen. „Im Gegensatz zu anderen Erkrankungen wird Influenza auf dem Totenschein häufig nicht als Todesursache eingetragen“, heißt es beim RKI. Deshalb sei es üblich, die der Influenza zugeschriebene Sterblichkeit mittels statistischer Verfahren zu schätzen. Dazu wird grob gesagt die Gesamtzahl der Todesfälle in einer Influenzasaison mit der normalerweise in diesem Zeitraum auftretenden Zahl an Todesfällen verglichen. Die Differenz wird dem Einfluss der Influenza zugeschrieben. Für die außergewöhnlich schlimme Grippesaison 2017/18 kommt das RKI so auf den Rekordwert von rund 25 000 Influenza-Toten. In rund der Hälfte der Grippeperioden seit 2001/02 lag die Zahl in der RKI-Statistik dagegen bei Null oder unter der bereits jetzt erreichten Zahl von Corona-Toten.

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