Fiebermessen gehörte zum Konzept genauso wie Tests bei Ankunft der Teilnehmer. Foto: EC-Kreisverband Stuttgart

Viele Kinder und Jugendlichen mussten in den Sommerferien zu Hause bleiben, denn viele Zeltlager und Ferienfreizeiten wurden abgesagt. Ein Pilotprojekt aus Baden-Württemberg sollte die Lösung bringen – doch die Veranstalter stießen auf Gegenwind.

Stuttgart - Eine Zeltlager-Absage nach der anderen hagelte es in diesem Jahr. Die Corona-Pandemie machte Engagierten in der Kinder- und Jugendarbeit zu schaffen. Tragisch war das gerade deshalb, weil die Freizeiten für die Teilnehmer besonders eines bedeuten: eine Auszeit von Schule, Eltern und Alltag. Für die Organisatoren der Ferienfreizeiten wurde die Planung geradezu zur Zerreißprobe.

Getroffen haben die zahlreichen Verordnungen auch die Zeltlager des EC-Kreisverbands Stuttgart („Entschieden für Christus“). Drei große Zeltlager mit mehr als 400 Teilnehmern stemmen die Organisatoren seit 55 Jahren. Mit einer Absage wollten sie sich daher auch 2020 nicht zufriedengeben.

„Die Kinder mussten das ganze Jahr zurückstecken. Eine Absage kam für mich nicht infrage“, sagt Friedemann Taut. Der 52-jährige Familienvater und Facharzt für klinische Pharmakologie erwies sich für das Zeltlager-Team als Glücksgriff. Zusammen mit dem Zeltlager-Beauftragten Frieder Gerber und den Wissenschaftlern des Gesundheitsnetzwerks BioLago am Bodensee entwarf Taut ein Konzept auf Basis von Corona-Tests, um ein Zeltlager auch in Corona-Zeiten möglich zu machen. Am Ende konnte dies stattfinden. Doch mit einer Sache hatten die Organisatoren nicht gerechnet: Kräftigem Gegenwind vonseiten der Politik und der Gesundheitsämter.

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„Unser Konzept hatte Hand und Fuß“, sagt Taut. Aufgesetzt wurde ein Testkonzept, bei dem die Teilnehmer einem Gurgeltest und einem Nasenabstrich unterzogen werden. Bis zur Ergebnis-Verkündung müssen die Kinder und Jugendlichen in ihren Kohorten in Gruppen von acht bis zehn Personen verbleiben. Sollten positive Tests vorliegen, hätte diese Kleingruppe abreisen müssen, um die anderen Teilnehmer nicht anzustecken. Am Ende des Lagers wäre in diesem Fall noch einmal getestet worden. Die Eltern trugen die Kosten der Tests von etwa 35 Euro, der Rest wurde ehrenamtlich gestemmt. „Wir waren uns sicher, dass unser Konzept auch das Zeug zum Pilotprojekt für andere Ferienfreizeiten hat“, sagt Taut.

Testungen nicht vorgesehen

Das Sozialministerium jedoch habe auf die wissenschaftliche Ausarbeitung lediglich mit einer Standardmail geantwortet. Testungen seien für Kinderfreizeiten nicht vorgesehen. „Wir finden das skandalös. Bürgerliches Engagement wird geradezu abgewürgt“, sagt Taut.

Ein Sprecher des Sozialministeriums erklärt: „Wir können verstehen, dass es für die Anbieter von Zeltlagern in diesem Jahr nicht leicht ist, entsprechende Angebote durchzuführen.“ Bürgerliches Engagement könne gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Empfehlungen und Hygienehinweise seien unter hohem Zeitdruck in einer Arbeitsgruppe zusammen mit Vertretern der kommunalen Landesverbände, der Kinder- und Jugendarbeit, der Sozialarbeit sowie des Landesjugendamtes erarbeitet worden. „Die Kritik überrascht uns an dieser Stelle etwas“, so der Sprecher.

Taut ist die Unzufriedenheit bis heute anzumerken. „Wir fragen uns, was unsere Politik priorisiert“, sagt er und stellt der Jugendarbeit Fußballspieler und Urlauber entgegen, die in großem Stil getestet würden. Aus dem Sozialministerium heißt es dazu: „Es macht keinen Sinn, gesellschaftliche Gruppen bei der Frage nach der Testung gegeneinander auszuspielen.“ Das Land veranlasse die Tests, das Land setze um. Kostenlose Tests gebe es unter anderem auch für Beschäftigte in Pflegeheimen. Das Land müsse Prioritäten setzen. Zudem seien die Tests lediglich eine Momentaufnahme und könnten eine „trügerische Sicherheit“ vermitteln. „Daher besteht überhaupt kein Anlass, Tests als einzig wesentliches Mittel zur Vermeidung eines SARS-CoV2-Ausbruchs darzustellen“, betont der Sprecher. Vielmehr setze das Land auf die Einhaltung der geltenden Hygieneregeln.

Nicht nur vom Land, auch von den Gesundheitsämtern fühlen sich Taut und Gerber im Stich gelassen. Gerade auch die Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt vor Ort sei sehr frustrierend gewesen. „Wir haben uns dort Expertise erhofft. Doch man verweigerte sich jeder sachlichen Diskussion“, sagt Gerber.

„Das Gesundheitsamt des Alb-Donau-Kreises hat sich nach Kräften, auf der Basis der geltenden Corona-Bestimmungen bemüht, die Veranstalter zu beraten“, heißt es dazu auf Anfrage aus dem Amt selbst. Auch für das Gesundheitsamt sei klar, dass die gemeinsame Freizeit für die Teilnehmer wichtig und hilfreich sei. Die Freizeit-Angebote hätten von Ortspolizeibehörde und Gesundheitsamt im Einzelfall geprüft werden müssen. „Ein pauschales Modell lässt sich nicht für jedes Zeltlager heranziehen.“

Zahlreiche Zeltlager abgesagt

Gezieltes Testen von Teilnehmern von Zeltlagern sei laut der Corona-Verordnung des Landes nicht vorgesehen, heißt es auch aus dem Landesgesundheitsamt. Der Fokus liege aktuell auf dem Infektionsgeschehen sowie auf zielgerichteten Untersuchungen von bestimmten Personengruppen, zum Beispiel medizinischem Personal. Die Corona-Verordnung für Ferienprogramme gilt seit dem 1. Juli, seit dem 1. August dürfen auch Freizeiten mit bis zu 500 Personen veranstaltet werden. „Viel zu spät!“, lautet die Reaktion von Gerber und Taut. Bis zu diesem Zeitpunkt seien zahlreiche Zeltlager bereits abgesagt worden. Außerdem seien die Bestimmungen anfangs nicht umsetzbar gewesen.

Mit der Verordnung zum 1. August gab es endlich grünes Licht für die Zeltlager in Markbronn – nur wenige Tage vor dem Start. 555 Tests führten Taut und sein Team durch. Alle fielen negativ aus. „Es war ein enormer Aufwand“, resümiert Taut. Dagegen stehe jedoch die Freude von Kindern und Eltern über das Ferienangebot. Er befürchtet bei anderen Lagern jedoch lang anhaltende Schäden für die Kinder- und Jugendarbeit, gerade weil vielen ehrenamtlichen Mitarbeitern vor den Kopf gestoßen worden sei. „So kommen wir nicht durch die Pandemie“, sagt Taut. Die Politik müsse das Potenzial kreativer Bürger nutzen. Er wünscht sich, dass die Interessen von Kindern und Jugendlichen in Zukunft wieder mehr wahr genommen werden.

Inzwischen hat Taut mit anderen das Ferienlager-Projekt ausgewertet und daraus ein Positionspapier entwickelt. Das will er nun Winfried Kretschmann zukommen lassen – und am liebsten persönlich dem Ministerpräsidenten übergeben.

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