Die Schlössle-Klinik in Nürtingen-Oberensingen. Peter Czisch ist leitender Arzt der Panoramaklinik in Esslingen und der Schlössle-Klinik in Nürtingen-Oberensingen. Foto: oh

Weil es keine Anleitung gab, wie Tageskliniken für psychisch Kranke während der Corona-Krise weiter geöffnet bleiben können, haben die Leiter von verschiedenen Einrichtungen zusammen eine Handreichung entwickelt.

Esslingen/Nürtingen - Wie kann eine Tagesklinik für psychisch kranke Menschen trotz des Kontaktverbots weiter betrieben werden? Dafür gibt es keine Anleitungen, wie Peter Czisch, Leitender Arzt der Panoramaklinik in Esslingen und der Schlössle-Klinik in Nürtingen-Oberensingen, zu Beginn der Corona-Krise feststellte. „Die Tageskliniken, die an große Häuser angeschlossen waren, wurden relativ schnell zugemacht“, sagt Czisch. Einige andere seien geöffnet geblieben.

Der Psychiater will die beiden Häuser, die zur Samariterstiftung gehören, so lange wie möglich am Laufen halten. Für seine Patienten, denn 60 Prozent von ihnen leiden unter einer Depression. Andere haben Psychosen oder befinden sich durch einen Burn-out in einer Ausnahmesituation. Sie sind aus den unterschiedlichsten Gründen „aus der Gesellschaft gefallen“, wie der Chefarzt sagt. Die fünf- bis zwölfwöchige Behandlung in der Tagesklinik soll ihnen helfen, wieder zu einem Alltag und zu ihrer Beschäftigung zurück zu finden. „Wir standen zu Beginn der Pandemie vor der Situation, dass wir Patienten, die sozusagen schon wieder auf Betriebstemperatur waren, also ihre Konflikte angehen, nicht nach Hause schicken wollten“, erklärt der Klinikleiter.

Doch mit der Entscheidung wie man den Klinikalltag sinnvoll einschränken sollte, war Czisch ebenso wie seine Kollegen auf sich allein gestellt. Als Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der baden-württembergischen Tageskliniken vernetzte er sich darum mit den Einrichtungen, die noch geöffnet hatten. „Wir wollten eine Best-Practice-Methode entwickeln.“

Zunächst galt es, die Anzahl der Menschen in den Tageskliniken zu reduzieren, um die Ansteckungsgefahr für Personal und Patienten so gering wie möglich zu halten. Dazu werden die Patienten und das Personal in eine Vor- und eine Nachmittagsklinik aufgeteilt. Auch das Mittagessen – so es noch stattfindet – wird in Schichten ausgegeben. Vollversammlungen werden ausgesetzt, Lageinformationen erhalten die Kleingruppen beim täglichen Treffen in einem gut belüfteten Gymnastikraum. „Es sind nicht mehr als fünf Leute, sodass ein Abstand von 1,5 Metern eingehalten werden kann“, sagt Czisch. Die Patienten seien aufgefordert worden, sich einen eigenen Mundschutz anzufertigen. In Vorgesprächen klären die Ärzte zudem das Corona-Risiko der Patienten ab. Die Versorgung mit Medikamenten, Arbeitsunfähigkeits- oder Krankengeldformularen findet wenn möglich ohne direkten Kontakt statt. „Es ist einsam geworden in den Tageskliniken, aber das soll ja auch so sein“, sagt er.

Darüber hinaus empfiehlt die Handreichung die Entlassung von Patienten, die zur gesundheitlichen Risikogruppe gehören oder mit solchen Personen in Hausgemeinschaft leben. Bei jedem Patienten wägt der behandelnde Arzt das statistische und das individuell erhöhte Risiko mit dem erwartbaren Nutzen ab. Auch Fiebermessungen zählen nun zur Routine und die Patienten müssen in der Lage sein, infektionsschützende Maßnahmen zuverlässig zu unterstützen. Sowohl Patienten als auch Mitarbeiter werden in Händehygiene unterwiesen und mit Begegnungsregeln auf Korridoren vertraut gemacht.

Das alles soll helfen, den Klinikalltag zumindest auf Sparflamme am Laufen zu halten. Die Patienten erleben so einen geregelten Tagesablauf, anstatt handlungsunfähig zu Hause zu sitzen, was bei einer Depression absolut kontraproduktiv sei. Derzeit sind von den insgesamt 55 Plätzen der beiden Tageskliniken nur 35 belegt. „Natürlich ist das ein Kompromiss und kein perfekter Infektionsschutz“, sagt Czisch. Aber letztendlich sei der Besuch der Tagesklinik unter den getroffenen Sicherheitsvorkehrungen nicht gefährlicher als ein Gang in den Supermarkt. „Es geht hier auch gar nicht darum, alles richtig zu machen. Es geht vielmehr darum, möglichst wenig falsch zu machen.“ Czisch ist sich bewusst, dass der Tag kommen kann, an dem die Schutzmaßnahmen in den Tageskliniken nicht mehr ausreichen. „Wir informieren auch die Patienten immer darüber, dass es passieren kann, dass wir schließen.“

Für seine Tageskliniken hat Czisch außer den Handlungsanweisungen noch einen Stufenplan entworfen, der weitere Vorsichtsmaßnahmen vorsieht, falls sich die Epidemie ausweiten sollte. Mit diesem Plan wolle er sich und seinen Mitarbeitern Sicherheit geben, in welchem Fall was für Maßnahmen zu treffen sind. Fünf Stufen hat sein Modell. Stufe fünf bedeutet, dass keinerlei Betrieb mehr möglich ist. Auch darauf hat sich Czisch vorbereitet. Aktuell befinde man sich auf Stufe zwei. „Ich bin einer, der Dinge gerne zu Ende denkt“, erklärt er. Man habe zu Beginn der Epidemie nicht wissen können, wie sich die Dinge entwickeln, daher habe er es für sinnvoll gehalten, einen vollständigen Plan zu erstellen.

Peter Czisch hofft, dass die Handlungsanweisungen, die die Tageskliniken zusammen erarbeitet haben, anderen Einrichtungen die Möglichkeit geben, ihren Betrieb weiterzuführen oder wiederaufzunehmen. „Viele haben nur zugemacht, weil sie nicht wussten, wie sie weitermachen können“, sagt er.

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