Diabetiker, deren Blutzucker gut eingestellt ist und die nicht an Folgeerkrankungen leiden, haben im Fall von Coronaviren kein höheres Ansteckungsrisiko Foto: stock.adobe.com/pikselstock

Ärzte erklären, warum das Coronavirus für Herzkranke, Diabetiker und Menschen mit Krebs oder Asthma gefährlich werden kann – und warum auch Rentner besonders gefährdet sind.

Stuttgart - Die Lungenkrankheit Covid-19, ausgelöst durch das Coronavirus, kann jeden treffen. Fakt ist aber auch: Die Wahrscheinlichkeit, dass die Erkrankung einen schweren Verlauf nimmt, ist bei Senioren aufgrund ihrer Alters und insbesondere chronisch Kranken höher. Experten versuchen anhand der häufigsten chronischen Erkrankungen die Gründe für diesen Effekt zu erklären.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Die Erfahrungen aus China haben gezeigt: Wer an einer Erkrankung des Herz-Kreislaufsystems leidet, wird im Falle einer Ansteckung mit den Coronaviren auch stärker von der Lungenkrankheit Covid-19 betroffen sein. „Bislang lässt sich aufgrund der noch dürftigen Datenlage über die Gründe nur spekulieren“, sagt Thomas Nordt, der die Kardiologie am Klinikum Stuttgart als Ärztlicher Direktor leitet. Es sei wohl aber so, dass Virusinfektionen der Atemwege bei Herzkranke häufig zu einer Destabilisierung des Allgemeinzustandes führen. Diese Zusatzarbeit kann ein durch Erkrankung geschwächtes Herz überfordern, warnt auch die Deutsche Herzstiftung.

Vielen älteren Menschen fehlen zudem die Kraftreserven, um dieser Belastung entgegenzuwirken. „Ein weiterer Punkt, den es näher zu erforschen gilt, ist, dass mit Coronaviren infizierte Herzkranke häufig zusätzlich eine relevante Herzrhythmusstörung entwickeln“, sagt Nordt, der im wissenschaftlichen Beirat der Herzstiftung sitzt. Auch dies kann zu einer Verschlechterung des Allgemeinzustandes beitragen.

Diabetes

Zur Zeit gehen Ärzte nicht davon aus, dass Menschen, deren Diabetes gut eingestellt ist und die an keiner Folgeerkrankung leiden – wie Herz-Kreislauf-Problemen oder Organschäden – ein höheres Ansteckungsrisiko von Coronaviren haben als Gesunde. Anders sieht es bei Menschen mit Typ-2-Diabetes aus, die medizinisch nicht so gut versorgt sind: „Sie haben durch ihr geschwächtes Immunsystem und eventuell bereits bestehende Infektionen ein höheres Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf“, sagt Monika Kellerer, Präsidentin der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), die als Chefärztin die Fachabteilung Innere Medizin am Marienhospital Stuttgart leitet.

Warum das so ist, ist wissenschaftlich noch nicht ganz geklärt: „Grundsätzlich geht man davon aus, dass Menschen mit Diabetes bei schlechter Blutzuckereinstellung ein schwächeres Immunsystem haben“, sagt Kellerer. Man vermutet, dass die hohen Zuckerwerte im Blut zu chronischen Entzündungsprozessen im Körper führen, die das Immunsystem auf Dauer schwächen. Gleichzeitig tauchen bei Diabetikern vermehrt bestimmte Sauerstoffverbindungen auf, die ein Protein verändern, das die Flexibilität bestimmter Immunzellen steuert. Dadurch können die Zellen ihre Aufgaben im Immunsystem nicht mehr so gut wahrnehmen.

Zudem ist die Durchblutung bei Diabetikern oftmals schlechter: Immunzellen kommen nicht in alle Gefäße. „Neben all den hygienischen Tipps, ist es für Diabetiker zudem essenziell, dass sie ihren Blutzucker gut eingestellt haben“, so Kellerer. Lieferengpässe bei Diabetesmedikamenten müssen Patienten nicht befürchten: „Diabetesmedikamente wie Insulin werden vorwiegend in Deutschland, USA, Dänemark, Frankreich, Großbritannien – nicht jedoch China – hergestellt.“

Krebs

Viele Krebspatienten leiden an einer Immunschwäche, bedingt durch die Erkrankung oder durch bestimmte therapeutische Maßnahmen. Es ist davon auszugehen, dass Menschen, deren Immunsystem geschwächt ist, schneller und möglicherweise auch schwerer erkranken als Gesunde. „Krebspatienten, die eine immunsupprimierende Therapie erhalten oder aufgrund ihrer Krebserkrankung immunsupprimiert sind – also bei denen die Abwehrkräfte unterdrückt sind –, sollten die empfohlenen Verhaltens- und Hygieneregeln besonders konsequent beachten“, sagt Susanne Weg-Remers, Leiterin des Krebsinformationsdienstes des Deutschen Krebsforschungsinstituts in Heidelberg.

Die Krebstherapie aufgrund der Coronaviren-Pandemie zu verschieben, sei allerdings nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie nicht nötig. Nur wer ein erhöhtes Infektionsrisiko hat, etwa nach Kontakt mit einem mit dem Coronavirus Infizierten, sollte den Nutzen und das Risiko der geplanten Therapie zusammen mit den Ärzten abwägen.

Lungenkrankheiten

„Menschen mit Lungenerkrankungen wie Asthma oder Chronischer obstruktiver Lungenerkrankung, kurz COPD oder Lungenfibrose genannt, haben nach den bisher veröffentlichten Berichten wohl nicht per se ein höheres Risiko bei einer Coronavirusinfektion die Erkrankung Covid-19 zu entwickeln“, sagt Claus Neurohr, der als Chefarzt die Abteilung für Pneumologie und Beatmungsmedizin in der Klinik Schillerhöhe des Robert-Bosch-Krankenhauses Stuttgart leitet. So könne man anhand der Daten aus China sehen, dass von den Betroffenen mit Covid-19 nur ein kleiner Teil Vorerkrankungen hatten, die die Lunge betreffen.

„Aber wenn es zu einer Lungenentzündung kommt, ist die Wahrscheinlichkeit eines schweren Verlaufs groß.“ Auch der Verband Pneumologischer Kliniken hat versucht, die Gefährdungslage für Lungenerkrankte zu differenzieren: So seien etwa Asthmatiker, die trotz regelmäßiger Therapie noch Beschwerden haben, wahrscheinlich etwas gefährdeter als Gesunde. Ein größeres Risiko haben demnach auch ältere Menschen mit schwerem Asthma und Patienten, die regelmäßig Kortisontabletten einnehmen müssen.

Der Stuttgarter Experte Neurohr rät allen Menschen mit Asthma, COPD oder anderen Lungenkrankheiten dazu, ihre medikamentöse Therapie unbedingt fortzusetzen. Auch alles, was die Lunge zusätzlich belastet, kann den Verlauf einer Covid-19 -Erkrankung erschweren: So haben Raucher grundsätzlich ein höheres Risiko, Virusinfektionen zu erleiden, heißt es seitens der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin. Aufgrund der Belastung sind die Abwehrkräfte des Bronchialsystems eingeschränkt. Erreger wie Viren oder Bakterien haben leichteres Spiel.

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