Der Impfstoff von Biontech-Pfizer. Foto: AFP/P. Pochard-Casablanca

Warum hat die EU erst so spät die Zulassung für Corona-Impfstoffe erteilt? Gibt es Aussicht auf schnelle Besserung? Unser EU-Korrespondent Markus Grabitz beantwortet die drängendsten Fragen.

Brüssel - In der Debatte um die Versorgung mit Impfstoffen steht die EU-Kommission weiter in der Kritik. EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides stand den Abgeordneten im Haushaltskontrollausschuss des Europa-Parlamentes am Donnerstag Rede und Antwort. Der Gesundheitsexperte der christdemokratischen Abgeordneten, der Arzt Peter Liese (CDU), sagte: Auch er sei enttäuscht, dass die Impfung so schleppend beginnt. Er sei aber dafür, „nicht zu viel Zeit mit der Frage zu verschwenden, wer in der Vergangenheit hätte anders handeln können“.

Warum sind die USA und Großbritannien früher dran?

Tatsächlich haben die Regierungen der USA und Großbritanniens deutlich früher einen Vertrag mit den beiden Unternehmen unterschrieben, die den am schnellsten zugelassenen Impfstoff produzieren. Die frühere Unterzeichnung ist auch der Grund, warum derzeit mehr Dosen dieses Impfstoffes, der auf der neuartigen mRNA-Technologie basiert, in die USA und nach Großbritannien geliefert werden. Die EU-Kommission hat sich länger um Haftungsfragen gekümmert. Die EU-Seite hat darauf bestanden, dass der Impfstoffhersteller für grobe Fehler haftet, etwa bei der Produktion. Pfizer/Biontech haben dies abgelehnt. Erst nach langen Verhandlungen hat dem Vernehmen nach Biontech/Pfizer Zugeständnisse gemacht, so dass die Haftung nun sowohl beim Unternehmen als auch beim Staat angesiedelt ist. In den USA und in Großbritannien haftet Pfizer/Biontech gar nicht.

Warum ist die Haftung so wichtig?

Es hat zum einen finanzielle Folgen, wer haftet, wenn bei den Impfungen etwas schiefgeht. Es geht aber auch um mehr. Haftung ist im Hinblick auf die Akzeptanz für Impfungen in der Bevölkerung wichtig, erklärt Liese. „Wenn eine Firma nicht haftet, haben Menschen berechtigterweise weniger Vertrauen, dass bei der Herstellung alles mit rechten Dingen zugeht.“ Das Vertrauen breiter Bevölkerungsschichten in den Impfstoff sei aber sehr wichtig. Es wird sich nur dann Herden-Immunität einstellen, wenn sich sehr viele Menschen impfen lassen.

Der EU war es wichtig, dass die Unternehmen Produktionsstätten in der EU unterhalten. Man wollte vermeiden, dass etwa US-Präsident Donald Trump in America-First-Manier Exportverbote für erfolgreiche Impfstoffhersteller verhängt. Auch beim Bau der Erdgaspipeline Nordstream 2 sieht man, dass die USA auch außerhalb ihres Territoriums versuchen, wirtschaftlich Einfluss zu nehmen.

Hat die EU zu zögerlich gehandelt?

Da der zweite inzwischen auch in der EU zugelassene Impfstoff des US-Pharmaunternehmens Moderna vor allem in den USA produziert wird, hat die EU davon lediglich 160 Millionen Dosen bestellt. Im Vergleich zu Großbritannien steht die EU bei Moderna aber deutlich besser da: Pro EU-Bürger stehen vom Moderna-Impfstoff, der ab nächste Woche in Deutschland gespritzt wird, drei Mal mehr Ampullen zu als für Briten.

Hinter dieser Frage steht der Impfstoff, den das britisch-schwedische Unternehmen Astra-Zeneca entwickelt hat. Noch im August gaben Fachleute diesem Impfstoff die besten Chancen für eine schnelle Zulassung durch die EU-Arzneimittelbehörde EMA. Doch die Firma hat Rückschläge hinnehmen müssen.

Gibt es Aussicht auf Besserung?

So sind bei Medikamententests Fehler unterlaufen, weil Testpersonen irrtümlich nur die halbe Dosis gespritzt wurden. Außerdem hat sich herausgestellt, dass der Impfstoff bei Menschen über 55 nicht so gut wirkt wie die bereits zugelassenen Impfstoffe von Biontech und Moderna. Da der Impfstoff von Astra-Zeneca mit traditioneller Technologie hergestellt wird, wäre er aber in höheren Dosen verfügbar.

Noch im Februar dürfte Biontech die Produktion im neuen Werk in Marburg anfahren. Große Hoffnungen ruhen auf einem weiteren in Deutschland entwickelten Impfstoff von Curevac. Das Unternehmen mit Sitz in Tübingen hat eine Kooperation mit Bayer für die Produktion im großen Stil vereinbart. Außerdem signalisiert Curevac, dass es auch den Biontech-Impfstoff herstellen würde.