Nicht nur wandern in den Bergen, auch Restaurantbesuche sind in der Schweiz seit einem Monat möglich. Foto: imago images/YAY Micro

Als in Deutschland die „Bundes-Notbremse“ verhängt wurde, hat die Schweiz ihre Coronaregeln massiv gelockert. Seitdem sind die Infektionszahlen in beiden Ländern deutlich gesunken. Ganz ohne Regeln geht es aber auch dort nicht.

Stuttgart - Vom Redaktionsgebäude des „Südkurier“ ist es nur ein kurzer Spaziergang über den Seerhein und durch die Konstanzer Altstadt bis an die Schweizer Grenze. Die Lokalzeitung konnte sich am vergangenen Wochenende also problemlos ein Bild von der Situation diesseits und jenseits der deutsch-schweizerischen Grenze machen: „In Kreuzlingen offene Terrassen, in Konstanz nur Kleingruppen im Park.“

Manch einer blickt im zweiten Coronafrühling neidisch auf das Nachbarland. Zwar gibt es hier wie dort nationale Regelungen, die regional verschärft werden können, allerdings ist in der Schweiz seit der letzten Lockerung vom 19. April viel mehr erlaubt als hierzulande. Einige Beispiele: Bars und Restaurants dürfen seither draußen Gäste bewirten, Sport ist auch in Innenräumen möglich, Außenveranstaltungen mit bis zu 100 Teilnehmern erlaubt. Präsenzunterricht ist grundsätzlich möglich, sogar Chorproben dürfen stattfinden.

Am Tag, an dem all diese Öffnungen in Kraft traten, wurde hierzulande die „Bundes-Notbremse“ verhängt. Nur in wenigen Bereichen gelten in beiden Ländern seither noch ähnliche Regeln: In die Disco darf man auch in der Schweiz nicht, Masken sind vielerorts obligatorisch, die maximale Zahl von Kunden im Einzelhandel limitiert. Beim Homeoffice ist man im Nachbarland etwas strenger, es gilt de facto eine Pflicht zur Heimarbeit, sofern möglich.

Mehr Freiheiten – keine höheren Infektionszahlen

Erstaunlich ist, dass sich trotz der Lockerungen in der Schweiz derzeit im Verhältnis zur Bevölkerungszahl ähnlich viele Menschen neu mit dem Coronavirus infizieren wie in Deutschland. Die 7-Tage-Inzidenz liegt noch knapp über 100 (Deutschland: 102), Tendenz leicht sinkend. Die Öffnungen vom 19. April hätten „bislang keine negative Auswirkung“, sagte jüngst Patrick Mathys vom Schweizer Bundesamt für Gesundheit.

Auch die düsteren Prognosen von Experten sind nicht eingetreten. Als in der Schweiz die dritte Welle anlief, war Martin Ackermann einer der lautesten Mahner. Er leitet die wissenschaftliche Corona-Task-Force des Bundes und hatte zu Jahresbeginn bis zu 20 000 Neuinfektionen pro Tag vorhergesagt. Umgerechnet auf Deutschland entspräche das mehr als 200 000 Neuinfizierten täglich. Der Biologe äußerte sich jüngst in der „NZZ am Sonntag“ zu seinen nicht eingetretenen Prognosen. Er schrieb, der größte Unsicherheitsfaktor bei Öffnungen sei das Verhalten der Bevölkerung. Die Schweizer Infektionszahlen ließen nur den Schluss zu, dass sich eine große Mehrheit vernünftig verhalte.

Wie kann man das erklären?

Am besten lässt sich das alles mit dem Verhalten erklären. Offenbar halten sich die Eidgenossen besser als manch einer in der Bundesrepublik an Grundlagen wie das Abstandsgebot oder Maskentragen. Zwar belegte eine repräsentative Umfrage im März, dass diese Maßnahmen nicht sonderlich beliebt sind. Dazu erlebten die Schweizer ihre Mitmenschen zunehmend als aggressiv und unsolidarisch. Allerdings wollten sich zumindest Menschen in der politischen Mitte oder links davon weiterhin etwa bei Restaurantbesuchen zurückhalten, viele hatten weiterhin relativ wenige soziale Kontakte.

Das Verhalten vieler Menschen sei immer noch von Vorsicht geprägt, bestätigt der Basler Soziologieprofessor Ueli Mäder. Weiterhin sei es Konsens, Risikogruppen auch mit harten Einschränkungen zu schützen. Die Schweizer Coronapolitik lote den Grat zwischen Gesundheitsschutz und individueller Freiheit aus: „Schweizer pochen auf ihre Freiheitsrechte“, sagt Mäder.

Pauschale Kritik laut Soziologe unpassend

„Ausgangssperren hat es bei uns keine gegeben“, berichte der Soziologe, aber schon der Tenor der Regierung, man solle möglichst zu Hause bleiben, hätte auf viele gewirkt. Das im Ausland gerade auf dem Höhepunkt der zweiten Welle von Kritikern gern verwendete Bild einer von der Wirtschaft und ihren Interessen blind getriebenen Schweizer Pandemiepolitik greife laut Mäder zu kurz, auch wenn die Skigebiete nie geschlossen wurden.

Ab diesem Samstag erlaubt auch das Land Baden-Württemberg einige Lockerungen, etwa darf die Außen- und Innengastronomie wieder öffnen. Zumindest bei einer 7-Tage-Inzidenz von unter 100. Sinken die Zahlen weiter, kann es zu weiteren Lockerungen kommen. Bis dahin wird der Schweizer Freiheitsdrang auch im Kontrast zum deutschen Alltag noch eine Weile lang gut zu beobachten sein, weil auch dort weitere Lockerungen im Raum stehen. Insgesamt impft die Schweiz zwar langsamer als die Bundesrepublik, trotzdem spricht der Schweizer Epidemiologe und Corona-Krisenmanager Patrick Mathys von „maximalem Tempo“ bei der Impfkampagne. „Wenn sich die Risikogruppen weiter gut selbst schützen, besteht gute Chance auf weitere Entspannung“, so Mathys.