Boris Palmer sprach bei Markus Lanz unter anderem über das Tübinger Modell. (Archivbild) Foto: dpa/Sebastian Gollnow

War es besonders fies, wie Angela Merkel am Sonntagabend bei Anne Will ausgerechnet den CDU-Chef Armin Laschet angegriffen hat und was wollte sie damit bezwecken? Auch der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer tat seine Meinung zu diesem Thema kund.

Berlin - Wie hat sich Armin Laschet eigentlich gefühlt, als er am Sonntagabend in Berlin im Hotelzimmer saß und Anne Will guckte? Ist er „angefressen“, dass die Kanzlerin dort vor einem Millionenpublikum die Coronastrategie seines Bundeslandes Nordrhein-Westfalen mal so eben abgestraft hat? Und „wie schmerzhaft war es“, dass der bayerische Ministerpräsident und Konkurrent um die Kanzlerkandidatur der Union, Markus Söder, dann auch noch „nachtrat“, wie es Markus Lanz formulierte?

Trotz intensiver und gewohnt suggestiver Fragen des ZDF-Moderators in seiner gleichnamigen Talkrunde können wir das auch weiterhin nur ahnen. Denn Laschet lächelte nur süffisant und blieb auch bei der zehnten Nachfrage wacker dabei, dass die Pandemie „ein viel zu ernstes Thema für parteipolitische Spielchen“ und erst recht für einen unionsinternen Streit sei. Die Kanzlerin habe ihm nicht schaden wollen, versicherte er.

„Es wird schmutzig“

Nur so viel deutete er dann doch an: Er habe nicht den Eindruck, dass Nordrhein-Westfalen bisher schlechter als andere durch die Pandemie gekommen sei – ein kleiner Hinweis auf die Infektionszahlen, die speziell in Bayern ja immer noch höher liegen als in NRW. Aber eigentlich, das hatte Laschet kürzlich doch gesagt, sollten sich Ministerpräsidenten nicht gegenseitig ihre Inzidenzzahlen vorhalten.

„Es wird schmutzig“, stellte Helene Bubrowski, Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), fest. In der Coronarunde von Markus Lanz bekundeten am Dienstagabend daher auch andere Stammgäste unbestelltes Mitgefühl mit dem Landesvater aus NRW. „Die fehlende Solidarität der Kanzlerin mit dem CDU-Chef hat mich schockiert“, bekannte der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne).

Angriff auf den Förderalismus?

Die Kanzlerin habe damit die Bundesländer angegriffen und ihnen gedroht: „Wenn ihr mir nicht folgt, dann entmachte ich euch“, deutete auch Lanz. Wobei Bubrowski da dann doch beruhigte: Die Erfahrungen mit der letzten Föderalismuskommission seien eindeutig. „Da sind wir eher alle geimpft, als dass es hier eine Reform gibt.“

Nach der Aussetzung der Astrazeneca-Impfung für Menschen unter 60 Jahren könnte es allerdings mit der Durchimpfung noch eine Weile länger dauern. Doch was soll man so lange tun? Zum Beispiel Testen und Öffnen. Boris Palmer durfte wieder einmal sein Tübinger Modell darstellen, wo Cafés, Museen und Boutiquen für Besucher mit tagesaktuellem Coronatest geöffnet sind. Und da musste er zwar einräumen, dass sich die Inzidenz in der Stadt zuletzt auf 76 Neuinfizierte pro Woche und 100 000 Einwohner verdoppelt hatte. Die Tübinger Bevölkerung sei durch die Ausweitung der Tests aber auch „zehnmal besser getestet als im Bundesschnitt“, betonte Palmer.

Zweifel am Tübinger Modell

Und auch dies sei ein Erfolg: Man habe etliche potenzielle Superspreader „aus dem Landkreis“ an den Teststationen aussortieren können. Ob all das funktioniere, könne er noch nicht sagen, aber „wir hoffen, dass wir mehr Infektionsketten abbrechen können, als neue entstehen.“

Ist diese Vorgehensweise eine echte Alternative zu Lockdowns? Carola Holzner, Intensivmedizinerin mit Tattoos und Undercut und zudem Mutter von zwei Grundschülern, äußerte ihre Zweifel. Nicht grundsätzlich, schließlich seien alle „mütend“, aber doch in der gegenwärtigen Situation sehe sie Palmers Konzept kritisch. Bei den Schnelltests bleibe jeder fünfte Infizierte unerkannt. „Es ist ein Irrglaube, man könnte alle heraustesten“, warnte Holzner. In der dritten Welle sei es deshalb besser, Kontakte zu vermeiden und sich nicht anzustecken.

Mit schlechtem Gewissen nach Mallorca

Und was ist mit dem Osterurlaub? Da findet es Lanz nicht in Ordnung, dass man Reisen nach Mallorca einerseits nicht verbiete und andererseits den Leuten ihre Reise vermiese. Die Journalistin Bubrowski sieht es gelassener. Man habe ja viel von Selbstverantwortung gesprochen. Wenn es schon alles sei, dass Mallorcaurlauber nach ihrer Rückkehr mit schlechtem Gewissen durch die Stadt schleichen müssten, sei das schon in Ordnung. Unter der Maske dürfte man den braunen Teint vom Strand sowieso kaum erkennen.

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