„Alles gut.“ Piotr (links) und Silvester übernachten unter der Brücke. Foto: Johannes M. Fischer

Die Corona-Krise fordert ihren Tribut. Einige leiden unter der sozialen Isolation. Anderen bricht die Existenz weg. Und dann gibt es noch die, die nicht mal mehr eine materielle Existenz haben, die ihnen wegbrechen könnte.

Esslingen - Eigentlich wurde die Esslinger Augustinerbrücke für Autos gebaut. Damals, 1970, herrschte Auto-Euphorie. Ein Ring rund um die Altstadt musste her. In die 1970er Jahre dürfte auch die Geburt der beiden Männer fallen, für die die Brücke seit ein paar Wochen eine ganz andere Funktion erfüllt. Sie ist ihr Unterschlupf. Mit ihren sieben Sachen haben sie es sich in einer Ecke eingerichtet. „Ich bin Silvester“, sagt der eine. „Und das ist Piotr.“ Piotr hebt kurz den Kopf und deutet ein Lächeln an. „Piotr ist aus Danzig. Ich komme aus Breslau.“ Piotrs Lächeln friert ein. Er greift nach der Flasche mit Desinfektionsmittel und reibt sich die Hände ein. „Wir wollen nächsten Monat nach München“, erzählt Silvester. Da haben wir einen Termin auf dem Amt. Wir suchen Arbeit.“ Solange warten sie darauf, dass die Zeit vergeht.

Wie alle anderen Menschen auf der Welt harren sie aus, hoffen, dass der Coronavirus an ihnen vorbei zieht. Allein die Umstände, in denen sie das tun, sind anders als für alle anderen. Nicht, dass sie in der Dunkelheit lebten. Das Licht dringt aus der Mittleren Beutau und vom Marktplatz in den saalförmigen durchbetonierten Raum unter der Straße. Aber zugig ist es. Die Temperaturen in diesen Tagen krallen sich vor allem nachts am Gefrierpunktes fest. Doch Silvester findet: „Alles gut. Die Schlafsäcke halten uns warm.“

Sie sind nicht die einzigen Bewohner, denen die Wohlstandsbrücke für Autos Obdach gibt. Nicht einmal zwanzig Meter entfernt hat sich an einem anderen Brückenpfeiler eine Musikerin eingerichtet. Jedenfalls steht dort ein Instrumentenkoffer, ein Paar Frauenschuhe und einige Kleidungsstücke. Auf einem Sims liegt ein Buch. Die Besitzerin der Sachen selbst ist aber nicht da. Die beiden Männer können auch nicht sagen, wer zu den Sachen gehört. Jeder lebt für sich alleine.

Graue Zonen, dunkle Ziffern

Wie viele Wohnungslose zurzeit in der Stadt leben, ist schwer auszumachen. Es fängt schon mit der Definition an. Ein Mensch, der vorübergehend bei Bekannten oder Verwandten unterkommt, hat ein Dach über dem Kopf, aber keine Wohnung. Obdachlose sind auch nicht verpflichtet, sich als solche zu melden. Unter den Armen der Armen befinden sich auch etliche Geflüchtete. Ein große Grauzone. Die Stadt ließ bereits im Januar wissen: „Es gibt eine hohe Dunkelziffer.“ Gewissheit herrscht nur über die Menschen, die in sozialen Einrichtungen einen Unterschlupf gefunden haben. Im Oktober des vergangenen Jahres waren das 134 Menschen, die, so der Behördenjargon, „obdachlosenrechtlich untergebracht“ waren.

Unter anderem ist es die Eva Esslingen, die sich um diese Menschen kümmert. Eva steht für Evangelische Gesellschaft. In der Fleischmannstraße – vis à vis zu ökologischen Vorzeigehäuser, die auf der anderen Straßenseite entstehen – gibt es in einem alten zweistöckigen Gebäude einen so genannten Erfrierungsschutz. Karg eingerichtete Zimmer, in jedem Zimmer mehrere Betten. Über einen Hinterhof gelangt man in ein weiteres, etwa höher gebautes Gebäude. Hier gibt es weitere Räume, die über einen längeren Zeitraum bewohnt werden können. Ein wahrer Luxus: Jeder hat sein eigenes Zimmer. Küche und Waschräume werden geteilt. Wer es auf diese Seite des Hofs geschafft hat, dem klebt wenigstens nicht mehr der Tod an den Fersen.

So viel „Glück“

Die Frau, die den Laden schmeißt, heißt Anja Wessels-Czerwinski. Im Auftrag des Landkreises Esslingen betreut sie die Menschen, die aus irgendeinem Grund aus der gesicherten Gesellschaft herausgeschleudert wurden. Sie ist eine ruhige Frau, die eine gewisse Angespanntheit aber nicht komplett verbergen kann und vielleicht auch nicht will. Sie meint, sie und ihre Mitarbeiter hätten es trotz der Corona-Krise noch gut. Es sind die kleinen Dinge, die Mut machen. Sie nennt ein Beispiel: Wer keine Wohnung hat, hat auch keine Adresse. Deshalb sind einige Wohnungslose bei der Eva gemeldet. So reißt die Kommunikation mit dem Sozialamt nicht ab. Wie aber kommen nun die Briefe von den Mitarbeitern zum Empfänger – in einer Zeit, die nach Sicherheitsabständen verlangt? „Wir haben Glück“, sagt Anja Wessels-Czerwinski. „Unsere Räume sind ebenerdig. Wir können die Post durch das Fenster reichen. Den Mindestabstand können wir einhalten.“

Auch in anderer Hinsicht ist „das Glück“ noch auf der Helferseite: Trotz kalter Temperaturen ist das Nachtasyl nicht überlaufen. Die Betten lassen sich auseinander schieben, die Hilfesuchenden können in verschiedene Räume verteilt werden. „Das kann sich allerdings schnell ändern“, fürchtet Anja Wessels-Czerwinski. Dann würde es im wahrsten Sinne des Wortes eng werden – zu eng womöglich, um Sicherheitsabstände einzuhalten. Und dann? Die Sicherheitsregeln ignorieren? Das Asyl verweigern? Noch ist das „Glück“ auf Evas Seite.

Auch in dieser Hinsicht: Die Unterkunft muss regelmäßig desinfiziert werden. „Wir haben noch ein bisschen.“ Die schlechte Nachricht: „Grob geschätzt kommen wir nur noch zwei Wochen damit hin. Wenn nichts passiert.“ Sprich: Wenn die Zahl der Schutzsuchenden nicht plötzlich steigt.

Anja Wessels-Czerwinski bleibt Optimistin und sagt „Gott sei Dank“. „Gott sei Dank haben wir noch keine Symptome.“ Die Bewohner seien diszipliniert. Das Bewusstsein für die Situation wachse. Aber was, wenn doch jemand kommt und Corona mitbringt? „Dann ist alles anders.“ Es ist, als hinge alles an einem seidenen Faden.

Und dann noch ein Glück im Unglück: Der Erfrierungsschutz ist – unabhängig von Corona – nur im Winter offen. Der für die Einrichtung planmäßig am 31. März endet. Eine Sorge weniger? Jein. „Wir überlegen, ihn länger offen zu halten. Wenn es weiterhin so kalt bleibt.“ Nur ein Gedanke. Was tatsächlich morgen passiert, weiß sie nicht. „Wir fahren auf Sicht.“

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