Der Corona-Impfstoff von Novavax soll ab Montag ausgeliefert und in den nächsten Tagen verimpft werden. Es ist ein Proteinimpfstoff, der auf einer anderen Technologie basiert als die bisher verfügbaren Vakzine. Wir geben einen Überblick, wie die unterschiedlichen Impfstofftypen funktionieren.
Stuttgart - „Ich lasse mir doch keine Corona-Gene spritzen!“, „Niemand weiß, was das mit meinen Erbanlagen macht!“ So oder so ähnlich begründen manche Menschen ihre Ablehnung der bisher verfügbaren Corona-Impfstoffe. Neue Impfstoffe, die auf bereits länger bekannte Wirkmechansimen setzen, könnten zumindest einen Teil der Impfskeptiker überzeugen.
Im Fokus stehen dabei insbesondere verschiedene Varianten von Totimpfstoffen. So soll der Corona-Impfstoff names Nuvaxovid von Novavax ab diesem Montag ausgeliefert und bald auch im Südwesten verimpft werden. Das Mittel wurde als fünfter Corona-Impfstoff in der EU zugelassen.
Bislang waren in Deutschland und der EU vier sogenannte genbasierte Impfstoffe zugelassen. Comirnaty von Biontech/Pfizer und Spikevax von Moderna sind mRNA-Impfstoffe, Vaxzevria von Astrazeneca und Janssen von Johnson & Johnson zählen zu den Vektorimpfstoffen. In genbasierten Vakzinen befinden sich weder Coronaviren noch Teile davon. Sie enthalten den genetischen Bauplan für das Spike-Protein – also für jenes Eiweißmolekül, das dem Virus das Eindringen in menschliche Zellen ermöglicht.
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Bei den mRNA-Impfstoffen gelangt dieser Plan in Form sogenannter Messenger-RNA, die in winzige Fetttröpfchen verpackt wurde, in die Zellen. Bei den Vektorimpfstoffen wird die Erbinformation mithilfe eines harmlosen Erkältungsvirus in die Zellen transportiert, das als Gentaxi fungiert. Im Gegensatz zu den mRNA-Impfstoffen liegt der Bauplan hier in Form von DNA vor und muss zunächst in mRNA übersetzt werden. Das Ergebnis ist am Ende in beiden Fällen dasselbe: Im Körper der Geimpften werden Spike-Proteine produziert, die das Immunsystem in Gang setzen. Dieses reagiert ähnlich wie bei einer echten Infektion: Es bildet Antikörper und Immunzellen gegen das Coronavirus – genauer gesagt: gegen dessen Spike-Protein.
Novavax liegt bei Totimpfstoffen vorne
Bei Totimpfstoffen bekommt der Körper die Stoffe, welche die Immunreaktion auslösen – die sogenannten Antigene – bereits fertig geliefert und muss sie nicht erst selbst herstellen. Zur Aktivierung des Immunsystems können entweder abgetötete vollständige Coronaviren dienen, von denen keine Gefahr mehr ausgeht, oder auch nur Teile dieser Viren. Auf die letztgenannte Technologie setzt das US-Unternehmen Novavax.
Dessen Coronavakzin hat als erster Totimpfstoff eine Zulassung der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) erhalten. In einer Phase-III-Studie mit 30 000 Probanden zeigte sich eine Wirksamkeit von mehr als 90 Prozent gegen Covid-Erkrankungen unterschiedlichen Schweregrades. Zentraler Bestandteil des Novavax-Präparats sind Spike-Proteine des Coronavirus. Produziert werden diese von gentechnisch veränderten Viren, die in Insektenzellen vermehrt werden. Eine ähnliche Technologie wie Novavax nutzt das chinesische Unternehmen Clover, das ebenfalls angekündigt hat, eine europäische Zulassung zu beantragen.
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Große Hoffnungen setzen Anhänger von Totimpfstoffen auch auf das Vakzin von Valneva. Anders als Novavax setzt das französisch-österreichische Unternehmen auf komplette Coronaviren, die chemisch inaktiviert werden. Derartige Impfstoffe sind bereits seit Jahrzehnten gegen andere Infektionskrankheiten im Einsatz – etwa gegen Tollwut oder die Hirnhautentzündung FSME. Das Valneva-Vakzin konfrontiert das Immunsystem nicht nur mit dem Spike-Protein, sondern auch mit den anderen Virusproteinen. In der Theorie könnte das zu einer breiteren Immunantwort führen, die zu einem gewissen Grad Virusvarianten einschließt. Noch wartet Valneva auf seine Zulassung in Europa. Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) prüft den Impfstoff weiter im Rolling-Review-Verfahren.
Vollständige inaktivierte Viren nutzt auch der chinesische Hersteller Sinovac, der sich ebenfalls um eine europäische Zulassung bemüht. Wann die Behörde grünes Licht für das Vakzin geben könnte, ist derzeit schwer zu sagen. Zwischenergebnisse aus laufenden Studien lassen auf Wirksamkeitswerte zwischen 50 und 90 Prozent schließen.
Peptid-Impfstoff aus Tübingen
Auf eine andere Art von Totimpfstoff setzen Forschende der Universität Tübingen. Sie haben ein Vakzin entwickelt, das sich speziell an immungeschwächte Menschen richtet – beispielsweise an Krebspatienten. Der Impfstoff aus Tübingen enthält kurze Eiweißabschnitte des Coronavirus – sogenannte Peptide. Die Ergebnisse einer Phase-I-Studie belegen nach Angaben der Universität „eine starke Immunantwort“. Das Vakzin aktiviert gezielt die T-Zellen, die eine zentrale Rolle für die längerfristige Immunität spielen. Vor einem möglichen Zulassungsantrag sind aber noch umfangreiche klinische Studien der Phasen II und III erforderlich.
Die Wirksamkeit von Impfstoffen
Studien
Um die Schutzwirkung zu ermitteln, wird die Zahl der Infizierten in zwei ähnlich großen Gruppen aus geimpften und ungeimpften Probanden verglichen. Treten bei den Ungeimpften 200 Infektionen auf und bei den Geimpften 20, ergibt sich eine Wirksamkeit von 90 Prozent – oder eine Senkung des Infektionsrisikos auf ein Zehntel.
Kriterien
Neben dem Schutz vor Infektionen kann man auch andere Kriterien für die Wirksamkeit eines Vakzins heranziehen. Ein wichtiges Kriterium ist zum Beispiel der Schutz vor schweren Krankheitsverläufen. Dazu werden ebenfalls die entsprechenden Werte bei geimpften und ungeimpften Personen verglichen. Dabei zeigt sich, dass die bisherigen Impfstoffe trotz zunehmender Impfdurchbrüche weiterhin gut vor schweren Covid-Erkrankungen schützen.