Ständige Erschöpfung, Kopfschmerzen, das Gefühl, nicht atmen zu können. Über diese Beschwerden klagen viele Betroffene auch nach einer akuten Covid-19-Erkrankung – und es geht noch schlimmer.

EZ TALK · Folge 4. Corona und die Spätfolgen

Esslingen - Mit geht’s jetzt gut“, sagt Tobias R. (Name von der Redaktion geändert). Für den Endvierziger keine Selbstverständlichkeit. Monatelang hatte er sich nicht getraut, Sport zu machen, ein „allgemeines Unwohlsein“ vor allem bei Anstrengung und im Herzbereich ein flaues Gefühl gespürt. Und alle paar Tage fiel er in großer Erschöpfung ins Bett, als ob er kurz vor einer Grippeerkrankung stehe. Der Kirchheimer war einer der ersten Corona-Infizierten im Kreis Esslingen. Er hatte im März Skiurlaub in Ischgl gemacht. Erst fünf Monate nach der Infektion traute sich R. wieder, laufen zu gehen. Aber noch immer hat er Sorgen: Was passiert, wenn ihn die Grippe oder die zweite Corona-Welle packt? Und gibt es in ein paar Jahren ein böse Überraschung beim Gesundheitscheck? Die Frage, wie die Spätfolgen einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus aussehen, lässt sich noch nicht beantworten – schließlich ist die Pandemie noch jung. „Wir lernen alle in Echtzeit dazu“, sagt Christian Herdeg, Chefarzt der Klinik für innere Medizin, Herz- und Kreislauferkrankungen der Medius-Klinik in Ostfildern-Ruit. Klar ist aber schon jetzt, dass bei vielen Covid-19-Erkrankten das Virus den Körper nicht verlässt, ohne zumindest vorerst Spuren zu hinterlassen.

Welches sind bekannte Folgebeschwerden?

„Eine Folge ist die lang dauernde Lungenfibrose und, dass die Menschen lange nach der akuten Erkrankung Atemnot haben“, erklärt Susanne Elsner, Fachärztin für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie bei den Medius-Kliniken. Auch Monate später leiden Betroffene unter Müdigkeit, Brust- und Gelenkschmerzen. Es geht aber noch schlimmer, wie Studien zeigen. „Anfangs dachten wir, Covid-19 sei nur eine Art Lungenentzündung und mussten dann erkennen, dass es den ganzen Körper betrifft“, sagt Herdeg. Auch das Nervensystem ist betroffen, dafür ist der Verlust von Geschmacks- und Geruchssinn typisches Anzeichen. Kopfschmerz und Schwindel können auftreten sowie Verwirrtheit. Es gibt Hinweise, dass die Corona-Infektion Hirnfunktionsschäden, Hirnhautentzündung und Lähmungserscheinungen zur Folge haben kann. Darüber hinaus kann das Herz-Kreislauf-System in Mitleidenschaft gezogen werden, Herzmuskelentzündungen, Infarkte und Schlaganfälle sind aufgetreten. Und die Nieren können versagen.

Betrifft das nur Ältere?

Kardiologe Herdeg warnt vor dieser Annahme. Der erste Corona-Patient in Ruit sei 18 Jahre jung gewesen, der erste, der beatmet werden musste, 29. Tobias R. würde den Verlauf seiner Krankheit zwar nicht als schwer bezeichnen: Er musste nicht ins Krankenhaus, hatte drei Tage lang hohes Fieber und drei Wochen schwere Erkältungssymptome. Aber obwohl er sportlich ist und keine Vorbelastungen hatte, ging die Erkrankung nicht spurlos an ihm vorüber. Das Risiko für einen schweren Verlauf steigt allerdings ab einem Alter von 50 bis 60 und mit Vorerkrankungen. Auch Übergewicht und Rauchen sind negative Faktoren. Mögliche Folgebeschwerden des Nervensystems oder des Herzens sind aber nicht nur bei schweren Krankheitsverläufen, sondern auch leichten möglich. Statistische Beobachtungen zeigten, dass sich zuletzt mehr Junge angesteckt hätten und es gehe sicher nicht jeder zum Arzt, sagt Krankenhaushygienikerin Elsner, weshalb die Erkrankung unbemerkt bleiben und dennoch Folgen haben könne. „Wenn jemand primär einen unauffälligen Krankheitsverlauf hatte, kann er später auch ein Fatigue-Syndrom entwickeln. Vielleicht hat er auch nicht mitgekriegt, dass er eine Lungenentzündung hatte.“

Was tut das Virus im Körper?

„Man fängt erst an, zu verstehen, wie das Virus funktioniert“, gibt Elsner zu bedenken. So viel ist bislang erforscht: SARS-CoV-2 gelangt über ein Enzym in die Zellen des Atemwegstraktes, der Blutgefäße, des Herzmuskels und anderer Organe, schädigt diese und sorgt für Entzündungsreaktionen. In den Blutgefäßen sind Blutgerinnungsstörungen die Folge, weshalb es häufig zu Thrombosen oder Embolien komme, sagt Herdeg. Schwere Krankheitsverläufe sind oft mit einer überschießenden Immunabwehr des Körpers zu erklären, die wiederum Organe und Gefäße schädigt.

Können Ärzte dazu beitragen, dass weniger Folgebeschwerden auftreten?

Nach einer Infektion das Entzündungsgeschehen beeinflussen, das können die Ärzte noch nicht, sagt Herdeg. Doch die Krankenhäuser in Deutschland haben Erfahrung in der Behandlung gesammelt und können frühzeitig reagieren. So kommt etwa Cortison zum Einsatz, um die übersteigerte Immunabwehr bei schweren Verläufen zu bremsen.

Was können Menschen tun, um Folgebeschwerden zu verringern?

Sie könnten Risikofaktoren für einen schweren Verlauf ausschalten, wie starkes Übergewicht oder Rauchen. „Das ist allerdings nicht realistisch“, sagt Krankenhaushygienikerin Elsner. Herdeg empfiehlt, nach der akuten Corona-Erkrankung nicht sofort Sport zu treiben, um keine Herzmuskelentzündung zu provozieren. Der beste Schutz ist aber, sich erst gar nicht zu infizieren. Für Maskenverweigerer und Corona-Leugner hat Tobias R. kein Verständnis: „Mir ist wichtig, dass das nicht verharmlost wird.“

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