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Flatterband, Bodenmarkierungen und Maske tragen: In den Kultureinrichtungen läuft der Betrieb zwar nicht mehr wie vor Corona. Doch die Besucher sind glücklich darüber, dass die Städtischen Museen, Villa Merkel und die Stadtbücherei wieder offen sind.

Esslingen - A

ufatmen für alle Kulturfreunde: Mit den Lockerungen nach dem Corona-Shutdown öffnen auch die städtischen Kultureinrichtungen wieder für Besucher. Nach Stadtbücherei und Städtischer Galerie Villa Merkel hat jetzt auch das Stadtmuseum wieder aufgemacht: Mit eigens entwickelten Konzepten und baulichen Veränderungen, mit Aufrüstung in Sachen Sicherheit für Beschäftigte und Besucher, unter strenger Einhaltung von Hygienevorschriften und Abstandsregelungen – und mit nicht zu unterschätzendem Aufwand für die Mitarbeiter. Alle vermelden nach der Zwangspause einen reibungslosen Neustart und loben einstimmig das Verhalten der Besucher: „Sie halten sich an die Vorgaben“, berichtet Bücherei-Leiterin Gudrun Fuchs. „Sie sind einsichtig und diszipliniert“, applaudiert Galerie-Chef Andreas Baur. Und Martin Beutelspacher von den Städtischen Museen hat das Publikum in den ersten Tagen „ausgesprochen kooperativ und umsichtig“ erlebt.

Dass es für die Institutionen kein simples „Weiter-wie-bisher“ geben würde, war klar. Neben Hygiene-, Desinfektions- und Reinigungsplänen, Flatterband, Bodenmarkierungen und Absperrungen gibt es Beschränkungen der Besucherzahlen, neue Wegführungen und Hinweisschilder, die das Publikum informieren. Die Mitarbeiter arbeiten hinter Spuckschutzwänden mit Mundschutz und Handschuhen, mit geänderten Arbeitsabläufen und nach ausgeklügelten Dienstplänen. In der Bücherei etwa gibt es zwei unabhängige Teams, um auch im Fall einer notwendigen Quarantäne die Arbeit aufrechterhalten zu können. Das Corona-Virus sorgt auch für konzeptionelle Veränderungen. So hat die Bibliothek nicht nur kürzere Öffnungszeiten, sondern sie ist bis auf Weiteres eine reine Ausleihstelle ohne PC- und Arbeitsplätze, ohne Spielmöglichkeiten für den Nachwuchs, ohne gemütliches Verweilen und ohne Bücherei-Café, wie Gudrun Fuchs, Leiterin der Stadtbücherei, erläutert. Martin Beutelspacher, Chef der Städtischen Museen, ist froh, „dass wir keine baulichen Veränderungen haben vornehmen müssen und das Ausstellungserlebnis über weite Strecken erhalten konnten“. Trotzdem mussten im Stadtmuseum pädagogische und didaktische Elemente wie Touchscreens und Hörstationen stillgelegt werden. Und er befürchtet, dass sich der Kontakt zum Publikum verändern wird: „Sehr schade ist auch, dass alle Arten von Veranstaltungen, auch die kleinsten, bis auf Weiteres digital erfolgen müssen oder, wenn das nicht geht, nicht stattfinden können.“

Auch in der Villa Merkel können aus Gründen des Infektionsschutzes Vermittlungsprogramme wie Führungen nicht durchgeführt werden. Deshalb musste schnell Ersatz entwickelt werden: „Wir bieten nun einen digitalen Rundgang in Form eines rund 15 Minuten langen Films auf der Homepage“, erklärt Galerie-Leiter Andreas Baur. Für den Aufbau der kommenden Ausstellung müssen die Schutzmaßnahmen noch intensiviert werden: „Sie können eine Bronzeskulptur, ein großformatiges Gemälde oder einen 40 Kilogramm schweren Projektor nicht alleine, sondern nur im Team installieren.“ Martin Beutelspacher bedauert ganz besonders, „dass wir nun genau das tun, was wir seit vielen Jahren vermieden haben: Wir schränken Freiheiten ein, gängeln die Besucher und fordern Distanz sowie Mund- und Nasenschutz. Das machen wir seufzend, weil wir nur so das Stadtmuseum öffnen können.“

Trotz all dieser oft einschränkenden Veränderungen, freuen sich die Menschen, dass sie sich wieder mit Lesestoff, Filmen und Musik versorgen können, erzählt Bücherei-Chefin Gudrun Fuchs: „Viele Kunden bedanken sich, dass wir wieder für sie da sind. Sie sehen, wie aufwändig diese sichere Bibliothek gestaltet ist. Es wird uns ein großes Vertrauen entgegengebracht. Natürlich vermissen sie auch den Dritten Ort, ihre Erlebnisbibliothek, und sie sehnen sich nach Normalität.“ Überrascht hat sie, dass im Vergleich zu Vor-Corona-Zeiten derzeit nur durchschnittlich 25 Prozent Besucher kommen, diese aber trotz deutlich verringerter Öffnungszeiten rund 70 Prozent der Ausleihen eines normalen Tags tätigen. Martin Beutelspacher und sein Team haben bewusst die Eröffnung der neuen Schau „Viele Teile, eine Stadt“ am Wochenende nicht groß beworben: „Dann hätten wir Besucher zurückweisen müssen, was trotz aller Berechtigung für schlechte Laune gesorgt hätte. Bei maximal 30 Besuchern im Haus ist eine solche Situation schnell erreicht. Ich bin heilfroh, dass die Zeit herum ist, in der es im Museum so ungeheuer still war. Es macht einen großen Unterschied, ob man sein Publikum wahrnehmen oder sich nur vorstellen kann. Diese kleinen Schritte der Öffnung tun gut. Und ich hoffe, dass weitere folgen können.“

Auch Andreas Baur berichtet von einem problemlosen Neubeginn in der Villa Merkel mit 59 Besuchern am ersten Wochenende: „Ein langsamer Wiedereinstieg in den Ausstellungsbetrieb ist insofern förderlich, als sich die Maßnahmen so stressfrei einspielen können.“ Die Reaktionen seien „sehr, sehr positiv“ gewesen: „Es ist eben doch ein unvergleichlich anderes Erlebnis, sich mit den Dingen und der Sicht auf Welt, die uns die Künstlerinnen und Künstler schenken, vor den Originalen auseinandersetzen zu dürfen, als auf Surrogate zurückgreifen zu müssen.“ Als schönes Signal wertet er, dass vier Jahreskarten verkauft wurden, wenngleich er mit Blick auf den Kunstmarkt seine Sorgen nicht verhehlen will: „Derzeit entfallen alle Messen, Ausstellungsprojekte werden verschoben oder gestrichen, Publikationen auf die lange Bank geschoben – es sind wirklich harte Zeiten für die Kunst- und Kulturschaffenden aller Genres.“

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