Nicolas Mahler und Jaroslav Rudiš stellen bald ihren feinen Comic „Nachtgestalten“ im Stuttgarter Literaturhaus vor. Es geht um den Sinn des Lebens und hilfreiche Kneipen.
Stuttgart - Freunde der komplexen anatomischen Darstellung brauchen wohl einen Moment, um in den Bildern von Nicolas Mahler heimisch zu werden. Der menschliche Körper wird da auf Würstchen- und Butterklumpenformen reduziert, auch Innenräume, Stadtlandschaften und Naturszenarien entrümpelt Mahler skrupellos. Dabei geht es nicht um Zeitersparnis, sondern ums Freischlagen von Blickschneisen auf die wichtigen Themen: den flüchtigen Sinn aller Existenz, den Schmerz unerwiderter Liebe und die frühen Sperrstunden guter Kneipen etwa. Wer Mahlers skurrile Einzelcartoons und Bildgeschichten verpasst, kommt nicht in den vollen Genuss des Lebens.
Bei „Nachtgestalten“ hat Mahler mit dem tschechischen Autor Jaroslav Rudiš zusammengearbeitet, und zwar so stimmig, dass man zunächst keinen Unterschied zu einem Mahler-Solo bemerkt. Zwei Männchen gehen durch die nächtliche Stadt, fachsimpeln über Glück, Unglück, Weltgeschichte und die Frage, ob man dem Mann, der einem die Angebetete wegheiratet, wirklich auf der Hochzeit eine reinsemmeln sollte. Kraft und neue Schwermut tanken die beiden in den Kneipen am Wege, die aber eine nach der anderen schließen. Der Freundesabend mischt Geborgenheit und Unbehaustheit.
Lachen über Gräbern
Nach einer Weile spürt man die Beteiligung von Rudiš aber. Die nächtliche Stadt ist Prag, die Geschichte des Landes spielt in die Gespräche hinein, und schließlich wird in einem Bravourakt grenzüberschreitender Komik der Holocaust Thema. Er wird nicht verjuxt, ändert aber den Grundton auch nicht ins schockstarr Pietätvolle. Manches Lachen kann sich vor Gräbern rechtfertigen. Die Gags hier sind Erinnerungskerzen, keine Hohnknaller.
Am Montag stellen Nicolas Mahler und Jaroslav Rudiš ihr Werk im Stuttgarter Literaturhaus vor, der Journalist Andreas Platthaus wird die gestreamte Veranstaltung moderieren. Man muss sich über melancholischen Humor hinaus auf Ohrwürmer der Lebenshilfe gefasst machen. Der Großvater eines der Nachtwanderer etwa, ein Förster, wird mit einem Satz zitiert, der ans Vorläufige von kleinem Kummer, großen Problemen und quälenden Fragen gemahnt: „Darauf pissen die Eulen.“
Veranstaltung: Montag, 15. März 2021, 19.30 Uhr. Streamingtickets gibt es vorab hier zu erwerben.