Mit düsteren Stücken endete das Colours-Festival im Theaterhaus. So war das Finale mit Dorrance Dance, Shahar Binyamini und Virginie Brunelle.
Das Colours-Festival ist nicht nur Präsentationsbühne; im Hintergrund entsteht auch Neues. Zum zweiten Mal gab‘s einen Arbeitsaufenthalt, in diesem Jahr war Sofia Nappi mit ihrer Kompanie Comoco zu Gast. Zum Colours-Finale stellte die italienische Choreografin erste Ergebnisse vor, und die konnten sich sehen lassen.
Von Ausblicken und Berührungsängsten
In der Theaterhaus-Sporthalle zeigten sechs Tänzer und Tänzerinnen, auf welchen Recherchen zum Thema Atmen und Schwerkraft das neue Stück „Sora“ aufbaut; das japanische Wort meint sowohl Himmel als auch Leere.
Der Körper interessiert Sofia Nappi nicht als klar umrissene Kontur, sondern als weiches Volumen, das sie mit Bewegungsinspirationen modelliert und in überraschend wechselnde Energiezustände verwickelt. Vor allem aber sind Tänzer und Choreografin, die bereits ihr Stück „Ima“ als Colours-Koproduktion erarbeitete, dankbar für drei intensive Festivalwochen mit vielen Begegnungen und Anregungen, die auch in die Arbeit am eigenen Stück einflossen. Beeindruckt hat Sofia Nappi besonders der Rückhalt aus dem Zuschauerraum. „Das Publikum hier ist wirklich unglaublich“, sagt sie.
Man darf gespannt sein, wie sich „Sora“ weiterentwickelt, das fertige Stück soll beim nächsten Festival zu sehen sein. So wie „New Earth“ von Shahar Binyamini , dem ersten Colours-Residenzkünstler, der dazu 2022 in Stuttgart mit „More than“ einen Grundstock legte. Schade nur, dass „New Earth“ zu den wenigen Enttäuschungen des aktuellen Festivals gehörte. Weder Erde als Tanzgrund noch der Stücktitel konnten den Choreografen so richtig überzeugend inspirieren.
Auf halber Spitze erkunden sieben Tänzer das ungewohnte Terrain, als hätten sie Berührungsängste mit dem weichen Untergrund. Die sind schnell verflogen, und so endet „New Earth“ als ekstatisches Ritual mit sich tierisch windenden, sich spreizenden Körpern. Vor allem den Tänzerinnen wird in dieser Verbeugung vor dem Kreislauf des Lebens viel Erotik-Kitsch zugemutet.
Trotzdem gab’s viel Applaus. Programmmacher Meinrad Huber ist insgesamt begeistert darüber, „mit welcher Offenheit sich das Publikum auf tatsächlich alle Vorstellungen eingelassen hat“ – und das bei nicht gerade leichten Themen wie „Diversität, die Sorge um die Natur und unsere gemeinsame Zukunft“. (ak)
Von radikaler Nähe als Zumutung
Virginie Brunelle wirft mit Körpern
Davon, dass Zusammenleben nicht immer Zuckerschlecken ist, erzählt Virginie Brunelle. Und mit welcher Wucht! Mit ungezügelter Dynamik werfen die sieben Tänzerinnen und Tänzer ihrer Kompanie in „Les corps avalés“ ihre Glieder in den Raum, schnellen aus dem Stand hoch in die Lufthocke, klatschen Kunstrasenmatten auf den Boden. Vor allem aber rennen Einzelne mit Anlauf auf ein Gegenüber zu und werfen sich diesem mit offener Flanke entgegen. Ganz im Vertrauen, aufgefangen zu werden. Dass diese radikale Annäherung eine Zumutung ist, wird hörbar im Aufstöhnen der Angesprungenen und in der Wiederholung der Szene im Zwielicht. Dazu repetitive Streicherklänge im Rhythmus schlagender Herzen.
Wären die Festival-Besucher im kanadischen Montreal und damit in der künstlerischen Heimat der Truppe, wäre ein Streichquartett auf der Bühne. Im Theaterhaus kommen die Kompositionen von Philip Glass, Henryk Górecki, Dmitri Schostakowitsch samt ein Purcell-Song vom Band. Eine betörende Wirkung entfaltet das Stück, das sich aus dem Spiel mit dem Gegensätzlichen speist, dennoch. So ist der entfesselten Wucht eine präzise Anordnung der Figuren im Raum entgegengesetzt. So individuell die fast alltäglich gekleideten Protagonisten wirken, sind sie doch als Kollektiv aufgefasst. Aus diesem lösen sich Einzelne und finden schwer zurück in eine Gemeinschaft, deren Zusammenhalt in einem vergeblichen Überlebenskampf zu bestehen scheint, in dem auch die Natur eine Rolle spielt. Selbst Heiteres wird bald manisch. (jul)
Von Tanz als Vorschlag für die Politik
Michelle Dorrance erforscht Kommunikation über Klang und Körper
Was hält die Menschen zusammen? Auch die Kompanie der amerikanischen Stepp-Choreografin und -Tänzerin Michelle Dorrance sucht danach; „The Center will Not Hold“ heißt das Stück der Colours-Stammgäste Dorrance Dance. Gleich zu Beginn steigert sich ein hölzernes Tok-Tok-Tok über rasantes Regentrommeln zu kräftigen Schlägen. Donner in diesigem Dunkel? Als der Vorhang aufgeht, sieht man im blauen Gegenlicht einen Mann, der einen rollbaren Tisch mit Fingern, Ballen, flacher Hand, Fäusten bearbeitet und aus ihm alles herausholt, was der Rhythmus hergibt.
John Angeles Percussions-Spektakel ist der Auftakt zu „The Center Will Not Hold“: Zehn Tanzende erforschen darin Kommunikation mit Klang und Körper und dazu die Frage, wie die Mitte, also Menschheit und Menschlichkeit, so hält, dass Chaos ausbleibt. Es sind die Zeichen einer aus der Balance geratenen Zeit, die Michelle Dorrance, virtuose Pionierin des neuen Stepptanzes, und die Breakdancerin Ephrat „Bounce“ Asherie zu diesem teils choreografierten, teils improvisierten Dialog zwischen Stepp und Street Dance inspirierten. Entstanden doch beide Stile subversiv auf der Straße als Mittel des Austausches und eines Kampfes ohne Waffen.
Zur Live-Musik, die mit der Jazz-Fusion-Komposition von Donovan Dorrance gemixt wird, schenken sich die Performenden nichts. Sie fordern sich heraus mit fließenden und eckigen Moves, Headspins, Handstand und Windmills, fechten es klopfend, hämmernd, klatschend am Tisch aus, robben, springen, laufen, wiegen und steppen allein, zu zweit, zu dritt, als Gruppe in und aus Lichtgassen, –rechtecken, –kegeln, –blitzen, als ob es um ihr Leben ginge. Immer wieder löst sich die Chorusline auf, bis sie schließlich in Individualität Harmonie findet. Vielleicht sollte auch in der Politik getanzt werden – ein nachdenkliches Signal am letzten Colours-Wochenende. (mos)