Gute Ergebnisse durch die Kombination israelischer und deutscher Arbeitsweisen: Jaro, Ron und Ferdi (von links) beim gemeinsamen Projekt „Mobility Pioneers“. Quelle: Unbekannt

Im Oktober waren die Deutschen zu Gast in Israel, nun reisten ihre israelischen Kommilitonen zum Gegenbesuch an den Neckar.

EsslingenGründlichkeit trifft auf Experimentierfreude. Zielstrebigkeit auf Anpassungsfähigkeit. Strukturiertheit auf Offenheit. Organisationstalent auf Risikofreude. Beides zusammen ergibt eine unschlagbare Mischung – denn die Kombination macht’s. Ein israelisch-deutscher Schulterschluss wird durch das Projekt „Mobility Pioneers“ (die EZ berichtete) ermöglicht: Studierende der Hochschule Esslingen und des Colleges of Management Academic Studies (Collman) in Tel Aviv suchen gemeinsam Lösungen für reale Probleme und Fragestellungen von Unternehmen der Region. Im Oktober waren die Deutschen zu Gast in der 440 000-Einwohner-Stadt am Mittelmeer, und nun reisten ihre israelischen Kommilitonen zum Gegenbesuch an den Neckar.

Die Chemie stimmte sofort

Gründlichkeit trifft auf Experimentierfreude. Eines fiel den Israelis schon beim ersten Kontakt via Skype im September auf: „Die Deutschen reden nicht so viel wie wir. Und sie sind ja so was von organisiert und strukturiert.“ Und Ron, rhetorisch kompetentes Temperamentsbündel aus Tel Aviv, erzählt beim Gespräch in der Hochschule Esslingen noch immer ein wenig erstaunt: „Die Deutschen sind unheimlich höflich. Sie lassen einen immer ausreden.“ Ein Fremdeln gab es also nicht. Das Kennenlernen über neue soziale Medien war kein Hemmnis. Die Chemie stimmte. Allerdings sind die israelischen Studenten älter als ihre deutschen Kommilitonen: Sie machen ihr Abitur mit 18 Jahren, müssen drei Jahre zur Armee und gehen danach meist ein Jahr auf Reisen, sodass sie frühestens mit 22 Jahren an die Unis kommen. Dennoch musste sich Omri mit seinen 32 Jahren viel Spott als „Oldtimer“ gefallen lassen, dabei hat der junge Israeli ein abgeschlossenes Studium in Politikwissenschaften vorzuweisen.

Zielstrebigkeit trifft auf Anpassungsfähigkeit. Probleme werden anders angepackt. Die Deutschen gehen Fragestellungen straight an, erklären die Gäste aus Tel Aviv. In Israel ist das anders: Die Dinge ändern sich rasch, die Ereignisse überschlagen sich, das politische Klima ist wandelbar, die soziale Struktur sehr unterschiedlich im jungen Staat – da sind heute bis ins letzte ausgereifte Pläne morgen wieder hinfällig. Und, so Ron: „Wir haben kein Öl. Das Denken ist unsere Ressource.“ Da sind schnelle Lösungen gefragt, biegsame Geschmeidigkeit im Berufsleben, Kreativität, Flexibilität und immer neue Ideen. Jaro, der in Esslingen Energiemanagement studiert, haben die vielen Start-ups beeindruckt, die er beim Besuch in Israel gesehen hat. Die meisten Unternehmer sind dort schon mindestens einmal baden gegangen – doch das drückt sie, anders als manche deutschen Existenzgründer, nicht zu Boden. Sie rappeln sich auf, machen etwas Neues: „Unser Land ist klein – da ist Kreativität ein Muss“, meint Yakir.

Strukturiertheit trifft auf Offenheit. Tel Aviv – das ist Liberalität, Toleranz, Freiheit. Vergleichbar mit europäischen Großstädten, erklären die Israelis, und Jaro meint: „Wie Berlin – nur mit Strand und Meer.“ Ja, so Ferdi, der Fahrzeugtechnik in Esslingen studiert: „Man kann den Frieden in Tel Aviv förmlich riechen.“ Bei ihrem Besuch im September, erinnert sich Anne, Studentin des Innovationsmanagements in Esslingen, haben ihnen ihre Gastgeber das „wirkliche“ Tel Aviv gezeigt – die Ecken und Locations, die „normale“ Touristen nicht zu sehen bekommen. Das sei neben dem gemeinsamen Brainstorming eine wichtige Erfahrung gewesen. Die geringe Zeitverschiebung von nur einer Stunde machte die gegenseitigen Besuche noch angenehmer. Und doch: Das deutsche Wetter ist kalt, fröstelt Ron: „Bei uns sind acht Grad schon arktisch.“ Und das Essen sei anders. In Israel gebe es mehr Variationen. Dabei haben die Gäste das schwäbische Nationalgericht – Spätzle mit Soße – noch gar nicht probiert.

Organisationstalent trifft auf Risikofreude. Noch ein Unterschied – die Pünktlichkeit. Um 9 Uhr war ausgemacht. Die Deutschen standen bereits um 8.50 Uhr parat, doch die israelischen Kollegen ließen auf sich warten. Noch ein Lerneffekt. Ein Grund für die Teilnahme an „Mobility Pioneers“, so Omri, war ja auch, Neues zu erleben, eine andere Kultur kennenzulernen und über den eigenen Tellerrand hinauszusehen. Doch, so betont Tom: „Eine kulturelle Kluft gibt es zwischen uns nicht.“ Und das trotz der problematischen Vergangenheit beider Völker? „Geschichte ist Geschichte“, meint Omri. „Es ist nicht die Schuld der Nachgeborenen. Wir dürfen nicht vergessen, was passiert ist, aber das Leben geht weiter, und wir müssen nach vorne in die Zukunft schauen.“ Und sein Kollege Ron ergänzt: „Wir müssen aus der Vergangenheit lernen, aber sie darf unseren Kontakt nicht stören.“ Denn der funktioniert. „Durch die Kombination beider Kulturen haben wir sehr gute Ergebnisse bei unserem Projekt, den ‚Mobility Pioneers’ erarbeitet“, fasst Yakir zusammen. Perfektion und Innovation führen so zu Motivation.

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