Coletta Rydzek und Laura Gimmler schaffen es im olympischen Teamsprint aufs Podest. Das wirkt wie eine Befreiung – für die gesamte deutsche Langlauf-Nationalmannschaft.
Der Druck, den sie sich selbst gemacht hatten, war immens. Laura Gimmler (32) und Coletta Rydzek (28) konnten in der Nacht vor dem olympischen Teamsprint nicht schlafen, am Morgen litt die eine unter Bauchschmerzen, die andere musste sich mehrfach übergeben. Und alles nur, weil sie wussten, dass es um die letzte Chance der Spiele gehen würde. Für sich selbst. Aber auch für die gesamte deutsche Mannschaft. Am Ende lieferten sie – und Bronze fühlte sich an wie eine Befreiung.
„Ich wusste, dass ich alles reinhauen muss, damit unser Traum wahr wird“, sagte Coletta Rydzek, die in der letzten der sechs 1,5-km-Runden alle Kräfte mobilisiert und im Zielsprint die Norwegerin Julie Bjervig Drivenes um 14 Hundertstel Sekunden bezwungen hatte. „Dieser Tag ist wie ein Ehering, der uns für immer verbinden wird“, erklärte Laura Gimmler mit Tränen in den Augen, „wir werden ab jetzt alles in vollen Zügen genießen – so etwas erlebt man schließlich nicht oft.“
Oder um es in den Worten von Johannes Rydzek zu sagen: „Diese Emotionen sind für die Ewigkeit.“
Auch die beiden Alpin-Freunde sind dabei
Der Kombinierer hatte seine Schwester im Zielbereich in die Arme geschlossen, auch die Abfahrer Simon Jocher und Cyprien Sarrazin, die Freunde der beiden Langläuferinnen, waren überraschend vor Ort – denn natürlich wussten auch sie, um was es geht. Rydzek und Gimmler hatten in diesem Winter mehrfach auf dem Podest gestanden, zuletzt den Weltcup-Teamsprint in Goms gewonnen. Und auch diesmal ging die Taktik des Duos vom SC Oberstdorf voll auf.
Laura Gimmler, die in der Staffel einen gebrauchten Tag erwischt hatte, war voll auf der Höhe. Sie stopfte Löcher, hielt den Anschluss und schickte Coletta Rydzek an Position drei auf die letzte Runde. Verbissen kämpfte die Sprintspezialistin in den Bergaufpassagen darum, den Kontakt nicht zu verlieren. „Am Ende des langen Anstiegs war sie jenseits von Gut und Böse. Ich habe gehofft, dass sie nicht umfällt, sonst wäre sie nicht mehr aufgestanden“, sagte Chefbundestrainer Peter Schlickenrieder, „niemand hat ein größeres Kämpferherz.“
Auf den Spurt von Coletta Rydzek ist Verlass
Weshalb sich, als es hinter den enteilten Teams aus Schweden und der Schweiz auf die Zielgerade ging, alle sicher waren, das Coletta Rydzek im direkten Duell gegen Norwegen Bronze sichern würde. „Sie ist im Schlussspurt so stark“, jubelte Johannes Rydzek, „ich wusste, dass sie sich das nicht mehr nehmen lässt.“ Zufrieden war auch der Frauen-Bundestrainer. „Ich bin so stolz auf die Mädels, sie haben ein perfektes Rennen gezeigt“, sagte der Schwede Per Nilsson, „ich habe immer an sie geglaubt.“ Trotzdem hätte es auch anders ausgehen können. Nicht nur für das Teamsprint-Duo.
Es ist ja nicht so, dass die deutschen Langläufer in Tesero glänzende Olympia-Wochen erleben. Beim Siegeszug des Norwegers Johannes Hösflot Kläbo, der an der Seite von Einar Hedegart im Teamsprint sein fünftes Gold holte (das gelang bei den selben Spielen nur US-Eisschnellläufer Eric Heiden 1980 in Lake Placid), können die deutschen Männer nur staunend zuschauen – ihre Namen tauchen in den Ergebnislisten weit hinten auf. Schon vor den olympischen Rennen hatte Schlickenrieder angekündigt, dass es nach der Saison eine „deutliche und klare Analyse“ geben werde: „Jammern hilft nicht!“
Schlickenrieder: „Traumhafte Entwicklung“
Die Situation bei den Frauen war und ist etwas anders. Schon im Klassik-Sprint hatten Gimmler und Rydzek das Halbfinale erreicht, die Staffel war trotz Gimmlers Aussetzer auf Rang vier gelaufen. Trotzdem war Schlickenrieder nach Bronze im Teamsprint erleichtert: „Heute hat man gesehen, was der Langlauf bieten kann – auch an Spannung und Emotionen. Wahnsinn, wie die Mädels sich reingesteigert und Runde für Runde an Energie gewonnen haben. Man muss ihnen Respekt zollen für ihre traumhafte Entwicklung.“
An die harte Arbeit in den vergangenen Jahren dachte auch Coletta Rydzek, als sie in der Pressekonferenz gefragt wurde, ob ihr Bronze-Coup die Bilanz des deutschen Langlauf-Teams gerettet habe. Das sei nicht nötig gewesen, antwortete sie. Die Entwicklung im deutschen Frauen-Langlauf sei zuletzt so gut gewesen, dass an diesem Fakt auch Olympische Spiele ohne Medaille „nichts geändert“ hätten.
Die Freude, es bei letzter Gelegenheit doch noch aufs Podest geschafft zu haben, war dennoch groß. So groß, dass Schlickenrieder den Befehl zur Party gab. „Vorwarnung ans deutsche Haus in Cortina“, rief der Bundestrainer, „wir kommen heute Abend und reißen die Hütte nieder.“ Manchmal kann Druck, unter dem Athleten stehen, auch positiv sein.