Die Pysiker Foto: Thomas Aurin/Thomas Aurin - Thomas Aurin/Thomas Aurin

Zukunftsforschung findet im Irrenhaus statt. Johann Wilhelm Möbius, einst ein hoffnungsvoller Physiker, treibt seine Verantwortung als Wissenschaftler in den Wahnsinn. Mit seiner Entdeckung könnte die ganze Welt vernichtet werden. Diese Erkenntnis macht den sensiblen Mann krank. 1962 hat der Schweizer Dramatiker Friedrich Dürrenmatt die Groteske geschrieben. Damals befand sich die Welt im Kalten Krieg. Bilder von Opfern der Atombombe hatten sich ins öffentliche Bewusstsein eingebrannt. Auch heute lassen die Herrscher der Großmächte wieder ihre Muskeln spielen. Wenn US-Präsident Donald Trump und der nordkoreanische Diktator Kim Jong-Un vor TV-Kameras ganz unverhohlen mit dem Atomwaffen-Knopf oder mit Kriegen drohen, rückt die Gefahr ganz nah.

StuttgartMit diesen Möglichkeiten spielt Regisseurin Cilli Drexel in ihrer Inszenierung im Schauspielhaus des Staatstheaters Stuttgart. Virtuos balanciert sie mit dem Ensemble auf einem schmalen Grat zwischen Komödie und Tragödie.Nichts weniger als die Ethik der Wissenschaft verhandelt Dürrenmatt in dem Stück, das keiner weiteren Aktualisierung bedarf. Drexel meistert den Spagat zwischen tragischen und komischen Momenten in der knapp zweistündigen Produktion federleicht. Ausgiebig dürfen ihre drei Wissenschaftler aus dem Fundus des Lachtheaters schöpfen. Auf Judith Oswalds Bühne ist die Welt ohnehin verkehrt. Viel zu klein sind die Türen des steril-weißen Klinikzimmers, durch die die Akteure treten. Dass dieses Universum zunehmend aus den Fugen gerät, zeigt schon der Raum. In den Schlafanzügen, ganz im uniformen Krankenhaus-Design gehalten, von Janine Werthmann wirken die gestandenen Männer lächerlich. Ihr Körpertheater mit ausladend großen Gesten lässt das Spiel ins Surreale gleiten. Wenn die Forscher und Denker dann auch noch als Auswuchs gut gemeinter Kreativ-Therapie ihre Geigen traktieren, lacht das Publikum herzhaft. Diese Leichtigkeit durchbricht Marco Massafra in seiner Rolle als Physik-Genie Möbius. Wenn er den Irren spielt, kann er richtig witzig sein. Sein Charisma ist betörend. Dann aber schleichen sich dunkle, depressive Züge ein. Immer wieder fällt der Grenzgänger aus der Rolle. Das geht ganz schnell. Er hat die Narrenkappe gewählt, um nicht zu der Verantwortung stehen zu müssen, dass die von ihm entwickelte Theorie der Schlüssel zur Vernichtung der Welt ist. Doch dafür ist es längst zu spät: „Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.“

Zum Abschied ein Ständchen

Für seine drei geschniegelten Söhne Adolf-Friedrich, Wilfried-Kaspar und Jörg-Lukas macht sich Möbius zum Affen. Die drei Jungs in schrillen Pullis mit Schäfchen-Design spielen ihrem Vater zum Abschied ein Ständchen, weil die Mutter mit ihnen ihrem neuen Gatten als Missionarsfrau ans andere Ende der Welt folgt. Diese Lina Rose ist eine Paraderolle für Gabriele Hintermaier, die ihre Bigotterie auf die Spitze treibt. In solchen Momenten zelebriert Drexel mit ihrem Ensemble die Kunst der Groteske wunderbar.

Wie dicht Lachen und Schrecken in Friedrich Dürrenmatts Theater beieinander liegen, zeigt die Figur des Fräulein Doktor Mathilde von Zahnd. Mit ihrer akkurat gestutzten, ergrauten Bubi-Perücke passt Marietta Meguid erst mal gar nicht ins Bild einer Klinikchefin. Zunächst verliert sich die Schauspielerin in der farblosen Karikatur einer alten Jungfer. Weil sie unfruchtbar ist, möchte sie der Welt etwas wahrhaft Großes hinterlassen. Als die Wahrheit über ihren globalen Wissens-Trust ans Licht kommt, der Möbius‘ Wissen längst meistbietend verhökert hat, schöpft die wandelbare Künstlerin ihr beträchtliches Potenzial aus.

Als Irre machen Klaus Rodewald in der Rolle des eingebildeten Einstein und Benjamin Paquet als Newton-Wiedergänger eine gute Figur. Zu sehr kehren die beiden Schauspieler dann aber doch die komischen Seiten ihrer Figuren nach außen. Dazu tragen auch die allzu überzogenen Kostüme bei. Paquet gelingt der Wandel vom Wahnsinnigen zum Strippenzieher eines westlichen Geheimdiensts nicht. Immerhin schafft es Rodewald, die Zerrissenheit seines Alter Ego Albert Einstein am Ende in einem tief traurigen Augenblick zu spiegeln. Der geniale Wissenschaftler, dessen Triebfeder nach eigenem Bekunden immer die Liebe war, hat am Ende den Weg für die Atombombe bereitet, für die Massenvernichtung von Menschen. Dieser historische Kontext schwingt in der Groteske immer mit.

Kompromisslose Komik

Dass Dürrenmatts Dramaturgie so spannend ist wie ein Krimi, zeigt Cilli Drexel in ihrer fesselnden Inszenierung. Weil die drei Physiker in der Irrenanstalt ihre Pflegerinnen ermorden, darf auch ein Kommissar nicht fehlen. Michael Stiller zeigt den Mann des Gesetzes kompromisslos komisch, wenngleich zu eindimensional. Das gilt auch für Amina Merai als Krankenschwester, die Möbius um jeden Preis retten, mit ihm fliehen und ihn heiraten will. So in die Enge getrieben, erdrosselt der internierte Wissenschaftler sie.

Drexel spielt gekonnt mit den Wirklichkeitsebenen. Gerade am Anfang lässt sie ihre Regiearbeit aber immer wieder zu sehr ins Komische verrutschen. Dass die Groteske auf der Bühne am Ende dennoch bestens funktioniert, liegt nicht zuletzt an der alptraumhaften Musik, mit der Bärbel Schwarz die Szenerie unterlegt. So wird die Handlung auf die Debatte der Wissenschaftler zugespitzt, die sich über ethische Fragen streiten. Wie aktuell dieser Diskurs auch heute ist, zeigt die Regisseurin ohne krampfhafte Aktualisierungen. Ihre Regie wird dem Text sehr gerecht und ist dennoch innovativ.

Die Guckkastenbühne hat einen Neonrand. Da verfolgen die Zuschauer das Geschehen wie im Livestream auf dem Computer. Punktuell wird das Licht auf der Bühne ein- und wieder ausgeschaltet, als wäre die Handlung elektronisch gesteuert. Klug setzt die Regisseurin dieses Off ein, um Zweifel zu nähren. Was ist in dieser zerfallenden Welt geträumt, was ist real? Das Gefühl, buchstäblich den Boden unter den Füßen zu verlieren, macht den Reiz aus, den Dürrenmatts bis heute viel gespielte Dramen auch im 21. Jahrhundert haben.

Weitere Aufführungen im Stuttgarter Schauspielhaus am 25. Juni sowie am 2., 11. und 15. Juli.

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