Zwischen den Fronten: Justitia (Sofie Alice Miller, Mitte) sucht einen Ort der Gerechtigkeit. Foto: Patrick Pfeiffer - Patrick Pfeiffer

Das Drehbuch zum gleichnamigen Film wird in der Bühnenfassung zu einer Tragödie der Justiz, die ihre Unabhängigkeit an die politische Macht verliert.

EsslingenKurt Schrimm, von 2000 bis 2015 Leiter der Ludwigsburger Zentralstelle zur Aufklärung nationalso­zialistischer Verbrechen, gab auf die Frage, was NS-Täter gemeinsam haben, diese Antwort: Keiner von ihnen habe jemals echte Reue gezeigt. Der Expertise zufolge ist eine Figur wie Ernst Janning ein Fabelwesen: weltweit renommierter Jurist, demokratischer Vorkämpfer in der Weimarer Republik, dann als Justizminister des „Dritten Reichs“ verantwortlich für Terrorurteile, nach Kriegsende zur Verantwortung gezogen im sogenannten Nürnberger Juristenprozess. Und dort, nach langem Schweigen, ein vehementer Ankläger seiner selbst, getrieben von Scham und tiefster Reue, ein Kronzeuge gegen den eigenen Anwalt und dessen ausgefuchste Verteidigungsstrategie. Nun, es gab nie einen Ernst Janning. Er ist eine Kopfgeburt aus Abby Manns Drehbuch zu Stanley Kramers mit großer Starbesetzung glänzendem Film „Das Urteil von Nürnberg“ von 1961. Die Janning-Fiktion wäre schlimmster Läuterungskitsch, ginge es in dem Filmskript um dokumentarische Faktentreue. Dem ist aber nicht so.

Prostituierte der Macht

Es geht – in freier Anlehnung an den Nürnberger Juristenprozess – um die Prostitution der Justiz. Ihr Zuhälter ist die Macht: die der Nationalsozialisten, die das schreiende Unrecht zum Beispiel in „Rassegesetze“ gossen – aber auch jene einer Welt-Politik, welche im multilateralen Interessengemauschel die Nazi-Barbarei allzu lange gewähren ließ, statt gegen ihr Unrecht einzuschreiten. Und jetzt, im heraufziehenden Kalten Krieg, läuft die US-amerikanische Justiz selbst Gefahr, sich zum Büttel des veränderten Lagekalküls zu machen: Nazi-Schonung als Streicheleinheit für die deutsche Seele im vereinten Kampf gegen Stalins Sowjetunion. Abby Manns Drehbuch protestiert mit spannend geschliffenen Dialogen gegen solch zweckgesteuerte Relativierung von Schuld. Deshalb erhebt es eine doppelte Anklage: gegen die Nazis – und gegen eine erneute Beugung des Rechts durch jene, die über sie zu richten haben. In dieser Situation werden Janning und selbst sein Advocatus Diaboli Oscar Rolfe nicht nur zu Sprachrohren der Wahrheitsfindung, sondern der bitteren Wahrheit selbst. Das ist das verteufelt Paradoxe an dem Text, so provokant wie brillant in seiner gedanklichen Schärfe.

Christof Küsters hoch überzeugende Inszenierung im Esslinger Schauspielhaus reagiert darauf gleich zu Beginn mit einem Exorzismus: Der real existierende SS-Mörder Karl Münter, eine 96-jährige Neonazi-Ikone, treibt im „Panorama“-Filmausschnitt den Paradoxieteufel durch die teuflische Wirklichkeit aus. Er sagt, was so ein Verbrecher eben sagt. In Manns fiktiv-realistischem Justizdrama tut der Regisseur denn auch genau das Richtige. Er nimmt Abstand von Gerichtssaal-Naturalismus und 40er-Jahre-Kolorit, er zeigt grau gewandete Rollenspieler in einem Theaterlabor der Wahrheitsfindung: nicht nur der historischen, sondern der exemplarischen. Denn was hier verhandelt wird, ist unvergangen aktuell – die machtpolitische Kumpanei mit dem Unrecht (siehe Syrien) ebenso wie die Entmachtung der unabhängigen Justiz (siehe Ungarn, siehe Polen). Und weil das so ist, nimmt Küster die Tragödie der entrechteten Justitia persönlich: Eine „Dolmetscherin“, die nur nüchterne Sachverhalte (nämlich Regieanweisungen) spricht, gleicht der verkörperten Gerechtigkeitsgöttin – inklusive verbundenen Augen und Waage, hier ein Paar Schuhe, die sie an den Schnürsenkeln hält: ein treffliches, ein berührendes Bild, das für die Hinterlassenschaften der in Konzentrationslagern Ermordeten ebenso steht wie für das vorausgehende Unrecht an der vertriebenen Gerechtigkeit selbst. Justitia geht im doppelten Wortsinn fremd: vergewaltigt zum Gegenteil ihrer selbst, unbehaust wie eine ins Exil gezwungene Migrantin. In Socken tastet sich die blinde Göttin über Frank Chamiers zersplissene Trümmerbodenbühne mit ihren Schrägen und Rissen, nimmt mit dem jungen Staatsanwalt Parker (Markus Michalski als aufrechter Verfechter des Rechts) blicklosen Blickkontakt wie zu einem Geliebten auf, waltet wie ein hilfloser Schutzengel über jener Maria Wallner (mit konzentrierter Kraft: Barbara Dussler), die als Zeugin einen Nazi-Prozess wegen „Rassenschande“ schmählich noch einmal über sich ergehen lassen muss. Sofie Alice Miller spielt das alles mit einer zagen Anmut, einer stillen Trauer, die in der Sprache des Körpers das ganze Drama offenbart: Justitia im Zustand fortgesetzter Traumatisierung.

Bilderloses Grauen

Und dann nimmt sie ihre Binde ab: Wenn ein unsichtbarer Film gezeigt wird, nur der Text aus dem Off von einer KZ-Hölle berichtet, in die kurz nach der Befreiung deutsche Zivilisten geführt werden, die von alldem nichts gewusst haben wollen. Das Grauen bleibt bilderlos, das Ensemble stiert ins Publikum: eine Mahnung.

Mit ausnahmslos exzellenten Akteuren – darunter Markus Michalik als zwangssterilisierter Petersen und Martin Theuer in verschiedenen Rollen – erzeugt Küsters Inszenierung eine Atmosphäre bleierner Beklommenheit im Geflecht von unfassbarer Schuld, fehlender Einsicht, bedrängter Rechtssprechung. Selbst der Verteidiger Rolfe wirkt in Felix Jeiters überragender Darstellung, als müsse er – hängende Schultern, schwerer Gang – stets eine Hemmung überwinden, bevor er seine forschen Suaden reitet. Davon hebt sich nur der Ernst Janning des Oliver Moumouris mit der Geradlinigkeit seines Schuldbekenntnisses ab. Und Reinhold Ohngemach gibt dem Richter Haywood grandioses Format: Er zeigt exakt den alten, abgewählten amerikanischen Provinzrichter, nicht frei von Resignation, der nun an der Aufgabe, die keiner haben will, zu enormer Größe wächst. Im Prozess lässt er dem Verteidiger jeden rabulistischen Trick durchgehen. Aber er will die Wahrheit, stößt außerhalb des Gerichts bei der vordergründig sympathischen Generalswitwe Frau Bertholt (Sabine Bräuning) nur gegen die „Wir haben nichts gewusst“-Mauer, fällt umso unbeirrter sein Urteil, das ihm auch auf amerikanischer Seite wenig Applaus bringen wird. Ohngemach verleiht ihm die weise Souveränität eines demütigen, aber konsequenten Dieners der Gerechtigkeit – wohl wissend, dass er ihr nur einen Pyrrhussieg errungen hat. Epilog in der Wirklichkeit: Kaum einer der Verurteilten hat sein Strafmaß abgesessen. Und: Mindestens 70 Prozent der bundesdeutschen Richter in den 50er-Jahren hatten bereits bei den Nazis (Un-)Recht gesprochen. Justitia nimmt zum zweiten Mal ihre Binde ab. Nicht sie, sondern die Gesellschaft will nichts sehen. Diese Inszenierung lässt einen so schnell nicht los.

Weitere Vorstellungen: 18. Januar, 8., 15., 19. März, 13. April, 4., 8. und 23. Mai.

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