Das Nürtinger Ensemble tritt seit mehr als vier Jahrzehnten mit einem unkonventionellen Repertoire auf. Dabei geht es immer auch um Menschlichkeit, Freiheit und Gerechtigkeit.
Im „Haus der Künste“ in Nürtingen proben sie jeden Montag, die 40 Sängerinnen und Sänger des außergewöhnlichen „Coro per Resistencia“. Der Name des Ensembles, das ein hohes musikalisches Niveau aufweist, geht auf eine Konzertreihe des Nürtinger Max-Planck-Gymnasiums zugunsten des Sozialzentrums Resistencia in einer der ärmsten Regionen Argentiniens zurück. Dort trat der Chor 1981 erstmals auf, erzählt der Vereinsvorstand Frank Hoffmann. Dabei entstand der Kontakt zu dem ersten Chorleiter Peter Lauterbach. Zwei Jahre später führte der Chor in der Nürtinger Kreuzkirche als erstes zusammenhängendes Werk das weltliche Oratorium „To Axion Esti“ des griechischen Komponisten Mikis Theodorakis auf.
Das Wirken des Chors ist breit gefächert – eine gesellschaftspolitische Ausrichtung mit den Themen Freiheit, Menschlichkeit und Gerechtigkeit gehört schon immer zu seiner DNA. Neben Konzerten zum Gedenken an die Reichspogromnacht und das Ende des Zweiten Weltkriegs ist in diesem Zusammenhang eine Konzertreise durch Polen zu nennen, die der Chor im Herbst 1989 unternahm – zum Gedenken an den Überfall der Nationalsozialisten auf Polen 50 Jahre zuvor. 1993 vertrat der Chor Deutschland bei einem internationalen Chortreffen im südfranzösischen Montpellier mit Chören aus Frankreich, Spanien und Italien. 1997 wurde der Coro per Resistencia vom SWR zu einer Gesamtaufnahme des Liedzyklus’ „Mauthausen“ von Mikis Theodorakis eingeladen. Weitere Programm-Höhepunkte nennt die stellvertretende Vorsitzende Dorothea Watzlawik, die seit 30 Jahren mitsingt: „A Child of Our Time“ von Michael Tippett und Duke Ellingtons „Sacred Concert“. Der Chor sei stolz auf die regelmäßige Mitwirkung berühmter Solistinnen und Solisten wie Ulrike Sonntag, Michael Volle und Fanie Antenolou.
Auf die Frage, was sie an ihrem Dirigenten Fabian Wöhrle schätze, antwortet Watzlawik: „Immer freundlich, hat Nerven wie Drahtseile, geduldig, hochprofessionell, sachlich und bescheiden. Es macht viel Spaß, unter seiner Leitung zu singen.“ Wöhrle erwidert die Komplimente und lobt die gute Organisation des Vereins: „Die Zusammenarbeit klappt hier hervorragend, jede und jeder hat seinen Bereich, wo sie oder er sich stark macht.“ Das gelte für technische Sachen wie Auf- und Abbau, aber auch für Themen wie Werbung oder neue Ideen. „Da ist viel Herzblut dabei.“
Letzteres gilt auch für den Dirigenten selbst. Der Ludwigsburger Bezirkskantor und Leiter des Stuttgarter Brahms-Chors übernahm in Nürtingen 2015 die Nachfolge von Felix Schuler-Meybier. Er bereitet seinen Chor gut vor und führt ihn mit sicherem Dirigat. Die Choristen sind stimmlich gut ausgebildet, intonieren sauber und artikulieren deutlich. „Sie sind zu allem bereit“, attestiert Fabian Wöhrle, „meistern für einen Laienchor schwierige Werke und sind begeistert vom Singen in Originalsprachen.“
Herausragende Aufführung des „Canto General“
Im Jahr 2022 gelang dem Ensemble eine herausragende Aufführung des „Canto General“ von Mikis Theodorakis nach Gedichten des chilenischen Literatur-Nobelpreisträgers Pablo Neruda, in denen Unterdrückung, persönliches Leid und Befreiung thematisiert werden. Sehr eindrucksvoll war im vergangenen Jahr die Uraufführung des Werks „Die Konferenz der Vögel“ der Plochinger Komponistin und Musikpädagogin Marie-Valérie Track nach einer Parabel des persischen Dichters Farid ud-Din Attar. Am „Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust“ setzte der Coro per Resistencia im Dezember 2023 in der Stadtkirche St. Laurentius mit der „Schabbat-Liturgie“ von Paul-Ben Haim ein wichtiges Zeichen für friedliches Zusammenleben und gegen antisemitische und andere rassistisch oder religiös motivierte Gewalt.
Coro per Resistencia Das nächste Konzert ist im Rahmen der Eine-Welt-Tage und Friedenswochen in Nürtingen: „No More War“ wird am Sonntag, 20. Oktober, um 19 Uhr in der Rudolf-Steiner-Schule (Lerchenberg 60-66) aufgeführt.