Arbeitgeber und Gewerkschaft der Chemie- und Pharmaindustrie streben bis Dienstag eine Tarifeinigung an. Ihre Eile hat mit der zunehmend kritischen Lage der Chemiebranche zu tun. Damit senden sie auch ein Signal an die Metaller.
Die Tarifpartner der Chemieindustrie haben sich schon in der ersten Phase der Energiekrise als Vorreiter erwiesen. Die „Brückenzahlung“ von 1400 Euro für sieben Monate von April bis Oktober fand große Beachtung. Daran wollen Arbeitgeber und Gewerkschaft jetzt anschließen.
Gewerkschaft betont die Verantwortung der Tarifparteien
Von Sonntag bis voraussichtlich Dienstag soll in Wiesbaden ein weiterer Tarifabschluss gelingen, der den 1900 verbandsgebundenen Chemie- und Pharmaunternehmen sowie ihren 580 000 Beschäftigten gleichermaßen gerecht wird. „Wir stehen alle in der Verantwortung und müssen die Dinge verantwortungsbewusst angehen“, sagt Ralf Sikorski, der Verhandlungsführer der IG BCE. „Wir starten den Versuch, die auf dem Tisch liegenden Fakten in eine Lösung zu bringen – neben den ganzen Unwägbarkeiten auch noch einen Konflikt loszutreten, das kann das Land nicht gebrauchen.“ Die Gewerkschaft wolle Klarheit schaffen. „Denn das ist das, was die Leute wollen.“ Wenn er in den Betrieben mit Mitgliedern rede, dann würden diese angesichts ihrer Energierechnungen „vernünftige Lösungen“ fordern. Dies ist zugleich ein kaum versteckter Hinweis an die Metall- und Elektroindustrie: Seht her, wir können gerade jetzt auch ohne Krawall.
Standen die Chemieriesen bisher meist glänzend da, so hat das am Mittwoch angekündigte Sparprogramm von BASF bei der Gewerkschaft eingeschlagen wie eine Bombe. „Instinkt- und respektlos“ sei der Plan, in dieser Phase mit solchen Botschaften herauszugehen, grollt ihre Führung. BASF will damit von 2023 an die jährlichen Kosten außerhalb der Produktion um 500 Millionen Euro senken – ein Alarmsignal für den Abwärtstrend in der ganzen Branche. Die Situation für die Unternehmen werde immer schwieriger, heißt es im Arbeitgeberlager. Es werde deutlich weniger produziert.
Ein Beleg der kritischen Lage kommt vom Münchner Ifo-Institut: Demnach hat sich das Geschäftsklima in der Chemischen Industrie im September weiter verschlechtert – die Erwartungen für die Produktion seien auf den schlechtesten Wert der Erhebung seit 1991 gefallen.
Sikorski geht nicht mit einer bezifferten Lohnforderung in die Verhandlungen – um später nicht daran gemessen zu werden und um die weniger gut verdienenden Beschäftigten stärker zu entlasten. Zugleich will er nur einem Abschluss zustimmen, der eine dauerhafte Lohnsteigerung enthält.
Dabei haben die Chemietarifpartner keine Bedenken, die von der Regierung angeregte steuer- und sozialabgabenfreie Sonderzahlung der Unternehmen in Höhe von 3000 Euro in den Tarifabschluss einzubauen – während Südwestmetall jüngst noch auf die Unklarheiten verwiesen hatte, die die momentanen Verhandlungen bremsen würde. Die Chemiearbeitgeber wiederum sehen diese Umsetzungsprobleme nicht und bekunden die feste Absicht, den vom Gesetzgeber eingeräumten Spielraum zu nutzen. So könnte der Betrag zum Beispiel auf mehrere Tranchen aufgeteilt und über eine längere Laufzeit bis 2024 gestreckt werden.
Keinen weiteren hohen Festbetrag
Gemessen am Jahresdurchschnittsgehalt von 59 000 Euro bedeuten die 3000 Euro einen Lohnkostenzuwachs von mehr als fünf Prozent. Weil keine Abzüge fällig würden, wären es bezogen auf das Nettogehalt sogar mehr als acht Prozent. Keinesfalls wollen die Arbeitgeber neben dem Energiebonus einen weiteren hohen Festbetrag zulassen. Dieser würde ebenso die unteren und mittleren Entgeltgruppen stärken, aber auch zum Beispiel Reifenhersteller und andere Zulieferer mit überproportional vielen Beschäftigten in diesen Lohngruppen benachteiligen. Dann müsste der Verband der chemischen Industrie Ärger im eigenen Lager fürchten.