Die Verbände der chemisch-pharmazeutischen Industrie im Südwesten weisen die Begehrlichkeiten der Gewerkschaft vor der anstehenden Tarifrunde strikt zurück. Dabei geht es einem Bereich noch ziemlich gut.
Krise ist für die Arbeitgeber der chemischen und pharmazeutischen momentan der Schlüsselbegriff – und damit das Leitmotiv für die anstehenden Lohnverhandlungen, die Mitte April beginnen sollen. „Die Chemie ist im Krisenmodus“, sagt Patrick Krauth, Vorsitzender des Arbeitgeberverbands Chemie Baden-Württemberg. Anders als in den Vorjahren könne es nun nicht darum gehen, Zuwächse zu verteilen. Folglich streben die Arbeitgeber nicht weniger als einen Krisentarifabschluss an.
Investitionen eher in den USA oder China
Zwar ist im vorigen Jahr die Produktion im Land insgesamt lediglich um 1,4 Prozent zurückgegangen – rechnet man den zweistellig wachsenden Pharmabereich heraus, beträgt das Minus jedoch 7,5 Prozent. „Der Standort Deutschland wackelt“, sagt auch Martin Haag, der Landesvorsitzende der chemischen Industrie. „Es ist kein Wunder, dass wir inzwischen nur noch dann in Deutschland investieren, wenn wir keine andere Wahl haben.“ Schon jetzt würden Investitionen deutlich häufiger in den USA oder in China geplant als hierzulande. Der Druck entstehe vor allem bei den großen Konzernen, während eigentümergeführte mittelständische Unternehmern wegen des dann nötigen Aufwands weniger Standorte verlagern als vielmehr Stellen abbauen.
Verwiesen wird auf die Abhängigkeit von der Automobilindustrie, die sich gerade auf Talfahrt befindet, was etwa Chemiebranchen wie den Bereich Lacke und Farben stark tangiert. Oder auch die Reifenhersteller: Der prominente französische Produzent Michelin will mehrere Werke – unter anderem den Produktionsstandort in Karlsruhe – schließen und mehr als 1500 Jobs in Deutschland streichen. Derzeit laufen Verhandlungen über eine sozialverträgliche Lösung – das Aus für den badischen Standort bis Mitte nächsten Jahres dürfte aber kaum noch zu verhindern sein.
Nach einer aktuellen Umfrage der beiden Verbände bei ihren Mitgliedern im Land plant ein Viertel der 113 teilnehmenden Unternehmen einen Personalabbau, während die Hälfte den Beschäftigungsstand halten will. Der stete Personalaufbau der jüngeren Vergangenheit ist damit gebremst. „Ich will nicht schwarzmalen“, sagt Krauth. Aber in der Breite gehe es der Branche nicht gut. „Wir sehen Unternehmen, die drastische Sparprogramme aufsetzen – immer weniger trotzen den sinkenden Umsätzen und Gewinnen.“ Der Umfrage zufolge erwarten die Unternehmen für dieses Jahr im Schnitt ein Umsatzminus von drei Prozent.
„Nicht ganze Branche in die Krise reden“
Die Gewerkschaft BCE (Bergbau-Chemie-Energie) hält dagegen: Die Arbeitgeber sollten sich hüten, „eine ganze Branche in die Krise zu reden“, warnt ihr neuer Tarifverhandlungsführer Oliver Heinrich. Ungeachtet von Problemen in manchen Firmen ginge es viele anderen, wie den Kosmetik- und Pharmaherstellern, glänzend. Insofern hat für ihn auch die vor einer Woche beschlossene Bandbreite der Lohnforderung von sechs bis sieben Prozent „Maß und Mitte“.
Zwar habe der jüngste Tarifabschluss aus dem Oktober 2022 mit zweimal 3,25 Prozent Plus und 3000 Euro Inflationsausgleichsprämie die Preissteigerungen über die Laufzeit von 20 Monaten ausgleichen können. „Aber die Wirkung der Prämien ist inzwischen verpufft“, befindet die Gewerkschaft.
„Wohlstandsgewinne längst nicht verpufft“
„Die Wohlstandsgewinne sind längst nicht verpufft“, kontert Verbandschef Krauth. „Wir haben in den allermeisten Jahren Entgeltsteigerungen mit dem Tarifpartner vereinbart, die weit über der Entwicklung der Inflationsrate lagen.“ Die zum Januar 2024 erfolgte Anhebung der Entgelte um 3,25 Prozent gehe sogar weit über den aktuellen Inflationsanstieg hinaus. In jedem Fall gebe es bei den Entgelten „nichts aufzuholen und nichts zu verteilen“.
Andeutungen der Gewerkschaft, den langjährigen Konsenskurs aufzugeben, um die Mitgliederverluste zu bremsen, alarmieren die Arbeitgeber. „Wir haben eine gelebte Tarifpartnerschaft immer als den richtigen Weg empfunden – das hat sich in vielen innovativen Tarifabschlüssen bestätigt“, sagt Krauth. „Damit sind die Unternehmen und vor allem die Mitarbeiter am besten gefahren.“ Es habe auch schon gemeinsame Abstimmungen in jüngster Zeit gegeben, wie sich die Sozialpartnerschaft stärken lasse. „Einseitig aggressiver aufzutreten und Forderungen aufzustellen, die nur der einen Seite helfen, ist da aber nicht zielführend.“ Die Tarifpartner steckten in einem Dilemma und müssten nun auf den gemeinsamen Kurs zurückkommen, mahnt Krauth.
Auch die neue Forderung der IG BCE „nach mehr tariflichem Schutz exklusiv für Gewerkschaftsmitglieder“ lehnen die Arbeitgeber strikt ab: „Eine Differenzierung spaltet die Belegschaften“, betonen sie.