Matthias Bürk ist neuer Verhandlungsführer der Chemiearbeitgeber in den Tarifrunden. Foto: Tobi Bohn/Tobi Bohn Fotografie

Wegen der Misere der Chemie- und Pharmaindustrie fordern die Arbeitgeber eine Krisen-Tarifrunde. Ihr Verhandlungsführer Matthias Bürk hat wenig Verständnis dafür, dass die Gewerkschaft gerade jetzt Warnstreiks erwägt, wie es sie seit 50 Jahren nicht mehr gegeben hat.

Nächsten Dienstag nimmt die Tarifrunde für 585 000 Beschäftigte der Chemie- und Pharmaindustrie an Fahrt auf. Der Ton der Gewerkschaft ist deutlich rauer als in früheren Jahren. Matthias Bürk, Verhandlungsführer der Chemiearbeitgeber, warnt vor Absetzbewegungen der Unternehmen.

Herr Bürk, die Chemiearbeitgeber beharren darauf, dass man sich in einer Krisen-Tarifrunde befindet. Ist denn überall Krise in Ihrer Industrie?

Der Branche geht es insgesamt schlecht. Bei der Produktionsmenge sind wir auf den Stand von 2005 zurückgeworfen. Weil wir grundsätzlich energieintensiv sind, trifft uns die Ukraine- und Energiekrise sehr stark – insbesondere die Basischemie, die sogenannte Mutter aller Industrien, die Vorprodukte für unzählige Wertschöpfungsketten liefert. Und wir verhandeln einen Flächentarifvertrag, der für alle Mitgliedsbetriebe passen muss. Da kommt es weniger auf einzelne Leuchttürme an, denen es besser geht.

Der Verband warnt vor einer Deindustrialisierung. Geht es etwas konkreter?

Ich mag das Wort Deindustrialisierung nicht und bin auch zuversichtlich, dass wir sie vermeiden können. Die Rahmenbedingungen sind aber sehr ungünstig. Immer öfter führt dies dazu, dass Investitionsentscheidungen nicht zugunsten des Standorts Deutschland getroffen werden, sondern von Nordamerika oder Asien.

Sind es vor allem die großen Konzerne, die sich dem Ausland zuwenden?

Solche Entscheidungen sind nicht mehr größenabhängig. Auch die kleineren und mittleren Mitgliedsunternehmen überlegen, ob sie Produktionsstandorte im Ausland nutzen, nachdem sie dort bisher eher Vertriebsorganisationen hatten. Bei Neuinvestitionen wird umfassend geprüft, ob diese eher im Ausland stattfinden.

Sieht es in der pharmazeutischen Industrie, die im Südwesten stärker vertreten ist als die Chemie, besser aus?

Die Spreizung in der Branche zwischen erfolgreichen Mitgliedern und Unternehmen, die mit ihrer Wettbewerbsfähigkeit zu kämpfen haben, ist deutlich größer als in den vergangenen Jahren. Zwischen chemischer und pharmazeutischer Industrie lässt sich da allerdings kaum differenzieren. Auch Pharma hat im vorigen Jahr Produktion eingebüßt – rund dreieinhalb Prozent. Zum Beispiel haben einige Unternehmen wichtige Absatzmärkte in Osteuropa durch die Folgen des Ukraine-Kriegs verloren.

Gesamtwirtschaftlich gab es zuletzt Zeichen der Wiederbelebung?

Wir haben die Talsohle erreicht. Wenn Sie auf die jüngste Konjunkturprognose der Bundesregierung mit 0,3 statt 0,2 Prozent Wachstum anspielen, dann ist das eine irrelevante Veränderung. Die Mehrzahl unserer Mitgliedsunternehmen erwartet frühestens 2025 eine Verbesserung.

Die Gewerkschaft wehrt sich schon heftig gegen eine Nullrunde. Was heißt Krisenabschluss konkret für Sie?

Den Begriff Nullrunde habe ich bisher nicht verwendet. Ich strebe einen Tarifabschluss an, der die wirtschaftliche Lage adäquat berücksichtigt. 2022 zum Beispiel gab es Einmalzahlungen – das ist auch Geld für die Beschäftigten, hat aber die Lohntabellen nicht dauerhaft belastet. Wir haben einen ganz großen Instrumentenkasten und viele Gestaltungsmöglichkeiten. Wichtig ist zunächst, dass wir ein gemeinschaftliches Verständnis der Lage bekommen.

Die IG BCE fordert sieben Prozent – das wirkt beim Blick auf die gesamte Tariflandschaft fast schon moderat.

Die chemisch-pharmazeutische Industrie hat mit das höchste Gehaltsniveau; wir liegen sogar schon ein wenig über Metall und Elektro. Unsere Lohn- und Gehaltssumme beträgt 35 Milliarden Euro; da sind sieben Prozentpunkte zweieinhalb Milliarden Euro pro Jahr. Also sind sieben Prozent für uns sehr viel – verglichen mit den zweistelligen Zuwächsen in Branchen mit niedrigeren Löhnen.

Wie viel Argumentationskraft räumen Sie der Inflation noch ein?

In diesem Jahr haben die Beschäftigten einen Reallohnzuwachs aus dem vorigen Abschluss – und für die nächsten Jahre gehen wir wieder von normalisierten Inflationsraten aus. Zudem ist die Inflation seit 2010 um 37 Prozent gestiegen – die tariflichen Leistungen hingegen um 48 Prozent.

Haben es die Chemietarifpartner bisher bei den Lohnzuwächsen übertrieben?

Unser hohes Vergütungsniveau ist Ausdruck einer sehr erfolgreichen Tarifpolitik und Sozialpartnerschaft.

Sie haben sich diese Sozialpartnerschaft durch hohe Vergütungen erkauft, was den Betrieben nun auf die Füße fällt?

Ob wir uns da selbst geschadet haben – so schauen wir nicht darauf. Die Tarifabschlüsse decken immer bestimmte Zeiträume ab – aktuell bis Ende Juni. Wir müssen sehen, was die Unternehmen danach tragen können, um weiterhin eine gute Zukunft zu haben.

Hat sich die „Chemie“ zwischen den Tarifpartnern infolge der ungewohnten Warnungen der Gewerkschaft vor Warnstreiks oder „Krawall“ verschlechtert – oder ist das alles nur Theaterdonner?

Ich bin zuversichtlich, dass wir auf Basis unserer bewährten Sozialpartnerschaft weiterhin schwierige Situationen überwinden können. Wir haben seit über 50 Jahren keinen Arbeitskampf mehr gehabt. Ich setze darauf, dass auch diesmal alle um unsere große Verantwortung wissen. Die wirft man nicht leichtfertig über Bord. In Zeiten, in denen es einer Branche schlecht geht, rate ich davon ab zu glauben, dass man die wirtschaftliche Lage mit Krawall verbessern kann.

Also gibt es noch keine Risse in der Sozialpartnerschaft?

In meiner Wahrnehmung nicht. Angesichts der schädlichen gesamtgesellschaftlichen Entwicklung mit immer stärker eskalierenden Positionen kann unsere Branche wie in der Vergangenheit zeigen, dass es auch anders geht.

Die Metallindustrie hat mit Warnstreiks eine reichhaltige Erfahrung – Sie nicht. Wie sehr schreckt Sie diese Vorstellung?

Weil sich die wirtschaftliche Situation der Unternehmen dadurch verschlechtert, gewinnt niemand etwas. Der Verteilungsspielraum und die Zukunft der Branche verbessern sich nicht, wenn Betriebsabläufe gestört werden.

Bis Ende Juni will die Gewerkschaft „in die Nähe eines Abschlusses kommen“ – ansonsten drohen Arbeitskämpfe. Sehen Sie sich unter Zeitdruck gesetzt?

In einer Tarifrunde steht man per se unter Handlungsdruck, wenn der Tarifvertrag ausläuft – das ist diesmal eben der 30. Juni. Das beiderseitige Ziel ist, vom 1. Juli an einen neuen Tarifvertrag zu haben.

Laut Arbeitgeberpräsident Dulger muss in Deutschland mehr statt weniger gearbeitet werden. Die Chemieindustrie hat eine 37,5-Stunden-Woche. Sehen Sie bei der Arbeitszeit Handlungsbedarf?

Unsere Tarifverträge bringen ein hohes Maß an Flexibilität. Wir können Arbeitszeitvolumina erhöhen oder absenken – teils muss es mit der Gewerkschaft, teils mit den Betriebsräten abgestimmt werden. Es gibt da ein umfassendes Instrumentarium. Daher haben wir aus meiner Sicht derzeit keinen zusätzlichen Bedarf. Die Arbeitszeit ist auch nicht Gegenstand der Tarifrunde, und über das Thema Viertagewoche kommen wir nach meiner Einschätzung auch bald hinweg.