Wohl nie war eine geräuschlose Tarifeinigung in der Chemiebranche so bedeutsam wie in dieser Krise. Dies ist beispielgebend auch für die Metall- und Elektroindustrie, meint Matthias Schiermeyer.
Vorreiter wollen die Chemietarifparteien sein – zeigen, dass sich die Energiekrise besser im Konsens bewältigen lässt. Zugleich wollen sie die Beschäftigten unterstützen – „nicht Weltmeister im Fordern, sondern Champions-League-Sieger bei den Ergebnissen sein“, wie der Verhandlungsführer der Gewerkschaft, Ralf Sikorski, zu sagen pflegt. Und obwohl sie ihre Vorbildrolle ganz allgemein verstanden wissen wollen, ist doch klar, wer vor allem gemeint ist: Seht her, IG Metall und Gesamtmetall, so geht das – ohne langes Gezerfe um ein Angebot und ohne Streiktag einigen wir uns und bewahren den Wirtschaftsstandort vor Schaden. So in etwa lautet die kaum verklausulierte Botschaft.
Nun kennt man das aus der Chemieindustrie – große Konfrontationen sind ihr fremd. Es war einfach, solange es wirtschaftlich lief; gerade die Konzerne standen viele Jahre glänzend da. Nun wird die See selbst für Flaggschiffe rauer, wie vorige Woche das Sparprogramm bei BASF gezeigt hat. Dennoch lassen sich Gewerkschaft und Arbeitgeber bei den Tarifverhandlungen nicht beirren, weil sie ihre Gesamtverantwortung über den separaten Konflikt stellen.
Die Vorlage des Inflationsgeldes maximal genutzt
Je nach Inflationsentwicklung kann die Teuerungsrate bei genauem Hinsehen wohl nicht ganz ausgeglichen werden. Und ohne die Steuer- und Sozialabgabenfreiheit des Inflationsgeldes wäre dieser rasche Kompromiss ohnehin nicht möglich gewesen. Auch die 3000 Euro müssen von den Unternehmen aufgebracht werden – doch wird der Betrag nun brutto wie netto ausgezahlt. Um den gleichen Effekt ohne steuerliche Entlastung zu erzielen, müssten die Arbeitgeber erheblich mehr Geld aufwenden.
Somit haben die Tarifpartner die Vorlage der Bundesregierung bestmöglich genutzt und die Lohn-Preis-Spirale nicht weiter vorangetrieben. Der Chemie-Abschluss weist den Metallern tatsächlich den Weg. Die Frage wird sein: Wie viel Streit benötigen diese, um ein ähnliches Ergebnis zu erzielen?