Dan Ettinger dirigiert die Stuttgarter Philharmoniker Foto: Stuttgarter Philharmoniker/Froe - Stuttgarter Philharmoniker/Froehlingsdorf

Mit einer warmen, weichen Dunkelheit in der Stimme gestaltete Bariton Andrè Schuen Lieder von Beethoven und Ravel und in dessen Orchesterkrachern von „La Valse“.

StuttgartAndrè Schuen ist ein charismatischer Kerl: groß gewachsen, sportlich, die braunen, prächtigen Locken zum Zopf gebändigt. Aber trotz vitaler Kraftausstrahlung ist der Südtiroler Bariton doch ein sensibler und subtil gestaltender Künstler – mit einer warmen, weichen Dunkelheit in der Stimme, die er in Sehnsucht und Trauer verwandeln kann. So trafen Beethovens Lieder „An die ferne Geliebte“, die Schuen gemeinsam mit den Stuttgarter Philharmonikern in einer selten gespielten Orchesterfassung von Felix Weingartner sang, direkt ins Herz: eine Berg-und-Tal-Fahrt durch nahtlos ineinander übergehende Gefühlszustände, die auch energieloses Verdämmern und wütendes Aufbegehren mit einschließen. Die Lieder handeln ja von verzehrender Liebe und ihrem Verlust. Dass Schuen nicht nur erfolgreich an Opernhäusern singt, sondern auch in der intimen, introvertierten Kunst des Liedgesangs zu Hause ist, wird vom ersten Ton an hörbar.

Auch in Ravels drei Liedern „Don Quichotte à Dulcinée“, Huldigungen des imaginären Ritters an seine noch imaginärere Geliebte, nahm Schuens farbsatte und fein nuancierende Stimme für sich ein, jetzt ganz andere Töne anschlagend: leidenschaftlich, verträumt, heiter-ironisch mit temperamentvollem Flamenco-Einschlag.

Apokalyptischer Totentanz

Die Stuttgarter Philharmoniker waren da schon längst von Ravels Farbenrausch infiziert, das Klangbild entsprechend fein aufgefächert und ausbalanciert. Mit der nötigen Spielwut im Herzen und befeuert von ihrem tänzerisch inspirierten, gelegentlich auf Bodenhaftung verzichtenden Chef Dan Ettinger stürzten sie sich auch in Ravels „La valse“ und „Valses nobles et sentimentales“. In beiden Werken geht es natürlich nicht um den rührseligen Ausdruck von Lebensfreude, sondern der Walzer ist musikalische Metapher. Entstanden nach dem Ende des Ersten Weltkriegs steigert sich „La valse“ immer hastiger, immer fiebriger, bis das Stück am Kulminationspunkt in sich zusammenbricht: ein apokalyptischer Totentanz als musikalisches Sinnbild für ein Europa, das seinem Untergang offenen Auges entgegenwirbelt.

Der große Bogen, die hitzigen Schübe, die schrägen klanglichen Überlagerungen, Verkürzungen und Dehnungen: Das alles gelang den Philharmonikern auf den Punkt, wie auch aus den exotisch-glitzernden Instrumentenmischungen eine plastische Klanglandschaft erwuchs. In Ravels „Bolero“ schließlich gestaltete sich auch das vorzüglich: Die mitreißende Steigerung, die Ravel bei gleichbleibender Melodie und Harmonik durch die Instrumentation und ihre wechselnden Klangfarben erzeugt, begann flüsterleise und mündete punktgenau und perfekt kalkuliert in der orgiastischen Klangexplosion. Das Publikum demonstrierte seine unbedingte Begeisterung durch rhythmisches Klatschen.

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