Cem Özdemir, Spitzenkandidat der Grünen für die Landtagswahl im März, rührt im Burgforum in Köngen die Wahlkampftrommel in eigener Sache – eher pragmatisch denn dogmatisch.
Ein bisschen Grün muss schon sein: Grüne Übertöpfe für die Sonnenblumen stehen auf dem Podium im Burgforum in Köngen. Grüne Decken liegen über den Stehtischen. Im Hintergrund ist eine Fotowand mit verschwommen grünen Bäumen aufgestellt.
Und ein bisschen Grün musste auch bei der Rede von Cem Özdemir in Köngen sein. Doch der Spitzenkandidat der Grünen für die baden-württembergische Landtagswahl am Sonntag, 8. März, übte sich weniger in parteipolitischen Dogmen und Parolen als vielmehr in Pragmatismus.
Früher gab es bei ihm mehr Schwäbisch und weniger Hochdeutsch. Die über drei Jahre als Landwirtschaftsminister in Berlin haben auch ihre dialektalen Spuren hinterlassen. Nur wenn es emotional und temperamentvoll wird, wenn er spontan auf Fragen antwortet, rutschen Cem Özdemir die schwäbischen „Mers“ und das „Sch“ in vielen Wortkombinationen heraus.
Doch Emotionen, Temperament und Aufbrausen sind in Köngen eher selten. Özdemir spricht bedacht, bodenständig. Er gibt sich ernst, überlegt, ja fast zurückhaltend. Seine schwäbische Bescheidenheit und Zurückhaltung wirken glaubhaft. Er ist nicht unbedingt einer, der die Massen zu Begeisterungsstürmen hinreißt. Dafür ist sein Redebeitrag fundiert, kompetent, eingängig – und der Applaus im bis auf den letzten Platz besetzten Burgforum aufrichtig und lang. Auch die gelebte Bürgernähe nimmt man Cem Özdemir ab: persönliche Shakehands, auch mit Pressevertretern, zweimaliger Dank an die in der Halle anwesenden Vertreter des Deutschen Roten Kreuzes, Zeit für Selfies mit Besuchern und Autogramme am Ende der Veranstaltung.
Wäre er Ministerpräsident, würde Cem Özdemir zuerst mit seinen Mitarbeitern reden
Özdemir mimt nicht den großen Zampano, gibt nicht den alle Probleme lösenden Heilsbringer, verspricht keine Wunder. Was er als Ministerpräsident als erstes tun würde, so er denn gewählt würde, möchte ein Besucher wissen. „Mit meinen Mitarbeitern reden“, meint Özdemir.
Seinen Redebeitrag eröffnet er mit einer längeren Passage über außenpolitische Inhalte und die Notwendigkeit, die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Erst dann kommt er auf grüne Kernthemen wie den Klimawandel zu sprechen. Auch hier gibt sich der 60-Jährige mehr pragmatisch denn programmatisch. Wenn Dürreperioden und Unwetterkatastrophen in Afrika in Folge der Erderwärmung weiter zunehmen würden, hätte das auch fatale Folgen für die globale Sicherheit und Stabilität – und für die Migrationsbewegungen, sagt Özdemir. Schon deswegen sei Klimapolitik wichtig.
Auch um ein gutes Klima mit den Kommunen ist er bemüht. Wenn die Städte und Gemeinden Aufgaben zugeschanzt bekämen, so der in Bad Urach Geborene, dann müssten sie für deren Erledigung auch Geld bekommen. Bei dieser Frage gelte es, in Berlin und Brüssel Druck zu machen. Die abgedroschene Worthülse vom „Bürokratieabbau“ weiß der Grünen-Spitzenkandidat mit Inhalt zu füllen: Er werde alle Berichtspflichten abschaffen, wenn nicht gewichtige Gründe dagegensprechen würden: „Unternehmen haben sich nicht gegründet, um Berichte zu schreiben.“
Auch das Bundesländerthema Bildung, streift Cem Özdemir. Schulkinder sollten vor der ersten Stunde ihr Handy abgeben müssen – und es erst nach Schulschluss wieder zurückbekommen, fordert der gelernte Erzieher und studierte Sozialpädagoge. Und er wolle dem australischen Vorbild folgen und Unter-16-Jährigen TikTok und Instagram verbieten. Kinder sollten erst einmal ordentlich lesen, schreiben und rechnen lernen.
Kritik am vorläufigen Scheitern des Mercosur-Abkommens
Ein bisschen Grün darf es auch bei der abschließenden Fragerunde sein. Aus einer mit dezent grünen Linien durchzogenen Schachtel werden Nachfragen aus dem Publikum gezogen. Wie denn das mit dem Mercosur-Abkommen sei, möchte jemand wissen. Das Freihandelsabkommen mit Teilen Südamerikas sei ja auch am Widerstand der Grünen im Europaparlament vorerst gescheitert. Zunächst antwortet hier der ebenfalls anwesende Grünen-Fraktionschef im Landtag, Andreas Schwarz: Man sei mit diesem Kurs nicht einverstanden und halte ihn für falsch. Eine Exportnation wie Deutschland könne sich ein „Nein“ nicht erlauben. Und Özdemir ergänzt, dass während der über 20-jährigen Verhandlungszeit genug Spielraum für eine Überprüfung durch rechtliche Instanzen gewesen sei.
Zum Abschluss schwäbelt er dann doch so richtig. Wieder wird es emotional. Die Bevölkerung könne auch etwas für das Funktionieren des Gemeinwesens tun, meint der Vater zweier Kinder. Wer beispielsweise wegen einer um wenige Zentimeter zu weit vorstehenden Garage des Nachbarn gleich den Rücktritt des örtlichen Bürgermeisters fordere, erschwere politische Arbeit. Das sagt er in breitestem Schwäbisch.