Immer mehr Menschen in Stuttgart und der Region nutzen Busse und Bahnen – in der Freizeit, aber vor allem auf dem Weg zur Arbeit. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth - Lichtgut/Achim Zweygarth

Seit Jahren steigt die Zahl der Fahrten im Stuttgarter Verkehrsverbund – 2019 sogar um 10,6 Millionen. Damit liegt Stuttgart über dem Bundesdurchschnitt.

StuttgartDer Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS) hat auch für 2019 wieder ein Rekordergebnis vorgelegt. Die VVS-Verkaufsstatistik weist rund 394,5 Millionen Fahrten aus. Das sind etwa 10,6 Millionen Fahrten – pro Werktag etwa 50 000 – mehr als 2018, das entspricht einem Plus von 2,8 Prozent. Im Bundesschnitt liege die Zunahme nur bei 0,3 Prozent. „Das ist ein großer Schritt nach vorn“, sagte Stuttgarts OB Fritz Kuhn (Grüne) in seiner Funktion als Aufsichtsratsvorsitzender des VVS zur Jahresbilanz.

Welche Gründe hat die Zunahme?

Als Treiber der jüngsten Entwicklung gilt die im April in Kraft getretene Tarifreform. Diese hat aus 52 Zonen fünf Ringzonen gemacht. Stuttgart hat nur noch eine Zone. Dies hat auch die Fahrpreise teils deutlich vergünstigt. So seien die Fahrgastzahlen im ersten Quartal 2019 nur geringfügig gestiegen, seit April um 3,8 Prozent, bei den von der Reform besonders betroffenen Tickets sogar um 4,8 Prozent.

In welchen Bereichen sind die Ergebnisse besonders gut?

Mit plus 5,6 Prozent mehr Fahrten ist die Zunahme im Berufsverkehr besonders ausgeprägt. „Die größten Zuwächse haben wir mit 12,6 Prozent beim Firmen-Abo“, sagte VVS-Geschäftsführer Thomas Hachenberger. So nutzten inzwischen mehr als 93 000 Arbeitnehmer das Firmenticket, mehr als 1000 Arbeitgeber zahlten ihren Beschäftigten dafür einen Zuschuss. Inzwischen hat der Berufsverkehr einen Anteil von 36 Prozent an allen Fahrten und damit den Schülerverkehr mit jetzt 35 Prozent als bisher größten Bereich abgelöst. Der Rückgang der Schüler- und Studierendenzahlen zählte 2018 neben dem nur noch geringfügigen Bevölkerungswachstum zu den weniger günstigen Bedingungen. Dies mache die Wirkung der anderen Faktoren „umso beachtlicher“, erklärte Thomas Hachenberger. Er schließt daraus: „Die Verkehrswende hat begonnen und die Bürger unterstützen das.“ Das Jobticket leiste einen „Riesenbeitrag“ zu der guten Entwicklung, sagte OB Fritz Kuhn.

Wie steht es um die Einnahmen?

Die Jahresbilanz weist trotz der Fahrgastzuwächse auf der Einnahmenseite ein Minus aus im Vergleich zum Vorjahr, und zwar um 5,2 Prozent. In Folge der Tarifreform sind die Fahrgelderlöse von 539 auf 511 Millionen Euro zurückgegangen. Diese Verluste werden vom Land, der Stadt Stuttgart und von den am Verbund beteiligten Landkreisen mit rund 31,8 Millionen Euro ausgeglichen.

Wie haben sich die Zahlen im Schülerverkehr entwickelt?

Die Schülerzahlen gehen schon seit einigen Jahren zurück. Zum Wintersemester 2018/19 sind erstmals seit Längerem auch die Studierendenzahlen in Stuttgart und in der Region etwas gesunken. Deshalb verzeichnete der VVS im Schülerverkehr des Vorjahres ein Minus von 1,2 Prozent. Beim Studiticket sanken die Zahlen sogar um 4,5 Prozent. Mit einem Plus von 5,1 Prozent hat sich das Ausbildungsabo gut entwickelt, es verbilligt die Monatskarte für Azubis, Praktikanten, Volontäre und für Menschen im Bundesfreiwilligendienst. Von September an wird die Stadt Stuttgart mit fast sechs Millionen Euro im Jahr dafür sorgen, dass durch die Einführung des 365-Euro-Tickets das Scool-Abo und das Ausbildungs-Abo für preislich noch attraktiver werden.

Wie nutzen ältere Menschen den öffentlichen Nahverkehr?

Auch bei den Seniorentickets verzeichnet der VVS einen Zuwachs von drei Prozent. Mehr als 44 000 ältere Menschen nutzten regelmäßig Busse und Bahnen, 81 Prozent haben ein Jahresticket. Diese Zahl dürfte weiter zunehmen. So wurde im Kreis Ludwigsburg bereits ein Pilotprojekt realisiert, bei dem Senioren ihren Führerschein für ein Jahr gegen ein Seniorenjahresticket eintauschen konnten. Weit über 2000 Personen haben sich daran beteiligt. Seit Januar läuft das Projekt auch im Landkreis Esslingen, Mitte dieses Jahres wird der Führerschein-Umtausch auch in Stuttgart beginnen.

Welche Rolle spielt das Handy inzwischen beim Ticket-Kauf?

Teil der Tarifreform des vergangenen Jahres war auch die Vergünstigung des Tagestickets. So kann man heute für fünf Euro einen ganzen Tag öffentliche Verkehrsmittel in Stuttgart nutzen. Das ist laut VVS der günstigste Tarif für ein Tagesticket in einer deutschen Großstadt. So lag in diesem Segment der Zuwachs im vergangenen Jahr auch bei 12,7 Prozent. Und immer mehr dieser Tickets werden inzwischen per Handy gekauft. Im vergangenen Jahr waren es schon 9,5 Millionen, das sind 25,5 Prozent mehr als im Jahr davor. „2018 wurde noch jedes fünfte Ticket im Gelegenheitsverkehr mit dem Handy gekauft, 2019 schon jedes vierte“, sagt VVS-Geschäftsführer Horst Stammler. Er geht davon aus, dass diese Entwicklung in großen Schritten so weitergehen wird.

Wie beurteilt man beim VVS die Qualität der S-Bahn?

Dass 2019 so viele S-Bahnen verspätet waren wie noch nie, ist für den OB ein Ärgernis. „Die S-Bahn muss besser und pünktlicher werden und mehr investieren“, sagte Kuhn. Auch die Schwierigkeiten im Regionalverkehr von Abellio und Go Ahead seien ein Problem, auch wenn Kuhn diese für „Kinderkrankheiten“ hält.

Welche Zukunftsprojekte gibt es?

Viel verspricht man sich von der Integration des Landkreises Göppingen Anfang 2021 in das Tarifgebiet des Verkehrsverbunds Stuttgart. In diesem Jahr soll der Einstieg in die Elektrifizierung der Busflotte beginnen. In Waiblingen seien bereits drei reine Elektrobusse unterwegs. In Stuttgart soll Ende des Jahres der erste große Gelenkbus mit Elektroantrieb zum Einsatz kommen.

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