Ball im Griff: Bundestrainer Julian Nagelsmann am Montag in Frankfurt. Foto: imago//Gawlik

Rund um die letzten Länderspiele des Jahres geht der Bundestrainer bei den Aufstellungen Kompromisse im Sinne der Clubs ein – was auch für die nominierten Profis des VfB Stuttgart Auswirkungen hat.

Grau präsentierte sich Frankfurt am Montagmittag. Nach einem novemberlichen Nieselregen war es nasskalt und düster. Als das Rumpfaufgebot des Nationalteams den Trainingsplatz auf dem DFB-Campus betrat, regnete es zwar nicht mehr – die Spitzen der Skyline in der Main-Metropole aber waren im Nebel versunken. Schnell verschwanden sie dann am frühen Abend in der Dunkelheit. Das triste Szenario auf dem Gelände der ehemaligen Galopprennbahn im Stadtteil Niederrad passte zu dem, was der Bundestrainer Julian Nagelsmann vor der Übungseinheit auf dem Pressepodium gesagt hatte: Die Tage, so der Coach, würden kürzer, es gebe weniger Vitamin D und mehr Regen, und all das könne irgendwann von der Psyche auf den Körper schlagen.

Nein, hell war es also nicht rund um den Aufgalopp der DFB-Elf vor den letzten beiden Länderspielen des Jahres gegen Bosnien am Samstag in Freiburg (20.45 Uhr/RTL) und drei Tage später in Budapest gegen Ungarn – was den Bundestrainer aber am Rande des Stadtwalds nicht daran hinderte, sich trotz Vitamin-D-Mangels sein sonniges Gemüt zu bewahren. Denn Nagelsmann streute wie gewohnt seine Sprüche ein, einer der ersten ging so: „Ich will den Fußball auch nicht größer machen, als er ist“, doch mit zwei guten Nations-League-Spielen könne man vielleicht „dem einen oder anderen Politiker ein Lächeln auf die Lippen zaubern, der gerade nicht so viel zu lachen hat“.

Ob sich die früheren Ampel-Koalitionäre oder andere Polit-Größen in diesen Tagen die Stimmung von guten Auftritten der Nationalelf aufhellen lassen, sei dahingestellt – wenn man so will, startete Nagelsmann seine Vorbereitung auf die geplanten Muntermacherspiele aber passend zu den aktuellen Berliner Regierungsverhältnissen nun mit einem Minderheitsaufgebot: Der Bundestrainer empfing am Montag nur 13 Feldspieler und drei Torhüter auf dem Platz.

Nagelsmanns Gratwanderung

Der Rest des 23er-Kaders übte wie Jamal Musiala, Florian Wirtz oder Angelo Stiller vom VfB Stuttgart individuell. Nagelsmann hatte zuvor von neun angeschlagenen Profis gesprochen. „Die Jungs haben drei englische Wochen in den Beinen, da muss ich ein bisschen Rücksicht nehmen“, sagte der Bundestrainer und sprach von einer „kleinen Gratwanderung“ zwischen den Ambitionen auf Nationalmannschaftsebene und Ansprüchen der Clubs, die man wohl am besten so umschreibt: Das DFB-Team soll weiter begeistern – aber es sollen sich keine weiteren Profis verletzen angesichts der engen Spielplantaktung und den Belastungen im Alltag. „Zwischen den Ambitionen, die wir haben, und den berechtigten Ansprüchen der Clubs“ bewege er sich, sagte Nagelsmann.

„Ich bin absolut bereit, in diesem Lehrgang auch gewisse Kompromisse einzugehen“, ergänzte der Coach – schob dann aber sofort hinterher: „Das ist aber auch der letzte Lehrgang, was auch jeder Vereinstrainer versteht.“ Denn im März geht es mit dem Viertelfinale der Nations League weiter, im Sommer dann bestenfalls mit dem Finalturnier. Der Blick geht zudem Richtung WM-Qualifikation. „Da werde ich nicht anfangen, mit den Vereinstrainern zu diskutieren“, ob ein Spieler „60, 75, 45 Minuten oder gar nicht spielt“, meinte der Coach mit Blick auf das nächste und übernächste Jahr also weiter. „Jetzt mache ich das noch gerne, weil ich auch Vereinstrainer war.“

Dass es nun nach jener von VfB-Offensivmann Deniz Undav (Zerrung) keine weitere Absage gab, wertete Nagelsmann als positives Zeichen: „Vor einem Jahr hätte vielleicht der eine oder andere Spieler angerufen und gesagt, ich habe ein bisschen Probleme, ich komme nicht, ich brauche meine Kraft für meinen Verein.“ Im November 2024 brennen nun alle Nominierten darauf, das Trikot mit dem Bundesadler zu tragen – zu ihnen zählt auch der VfB-Torhüter Alexander Nübel.

Nagelsmanns Aussagen vom Montag zufolge ist es dabei noch nicht entschieden, wer in den beiden anstehenden Partien im Tor steht. Im bisher letzten Länderspielblock hatte Nübel beim 2:1 in Bosnien debütiert, ehe sein Konkurrent Oliver Baumann von der TSG Hoffenheim beim 1:0 gegen die Niederlande zu seinem ersten Länderspiel kam. Im Zuge der angepeilten Belastungssteuerung Nagelsmanns spricht nun wieder viel für eine Arbeitsteilung: Sowohl Nübel und Baumann sind mit ihren Clubs international aktiv.

Vier Kandidaten im Mittelfeld

Auch im zentralen Mittelfeld könnte Nagelsmann in den Partien gegen Bosnien und Ungarn wie schon beim vergangenen Block wieder durchwechseln und jeweils zwei Akteuren je ein Spiel von Beginn an geben. Die vier Kandidaten: VfB-Profi Stiller, Robert Andrich, Pascal Groß und Felix Nmecha. Auch der vielbelastete Stuttgarter Linksverteidiger Maximilian Mittelstädt dürfte nach Nagelsmanns Ankündigungen nicht zweimal über 90 Minuten zum Einsatz kommen.