Hildegard Bechtler ist für bis dato zwei Inszenierungen am Schauspielhaus in ihre Heimat zurückgekehrt. Foto: Lg/Achim Zweygarth - Lg/Achim Zweygarth

Hildegard Bechtler liebt das Einfache, das schwer zu machen ist. Die Entwürfe der in Stuttgart geborenen Künstlerin sind weltweit gefragt. Für „Iwanow“ flutet sie das Schauspielhaus.

StuttgartMan spricht gern von Star-Regisseuren oder Star-Tänzern. Aber eine Star-Bühnenbildnerin? Die Künstler, die für die Ausstattung einer Theaterproduktion verantwortlich sind, stehen in der Regel nur kurz bei der Premiere im Rampenlicht. Natürlich gibt es Ausnahmen, in Stuttgart fällt einem da sofort Jürgen Rose ein, der durch seine Entwürfe für John Cranko und das Stuttgarter Ballett bis heute große Aufmerksamkeit genießt.

Da passt es bestens, dass wir Hildegard Bechtler in der Cranko-Lounge im Schlossgartenhotel zum Gespräch treffen. Schließlich sind auch die Bühnenbilder der gebürtigen Stuttgarterin keine modischen Erscheinungen, sondern haben eine eigene Qualität, die sie durchaus zu heimlichen Stars einer Inszenierung machen kann. Zu erleben ist das derzeit im Stuttgarter Schauspielhaus, wo vor einer Woche „Iwanow“ in der Inszenierung von Robert Icke Premiere hatte.

Mit tausend Litern Wasser hat Hildegard Bechtler die Bühne im Schauspielhaus für Tschechows Drama geflutet, wie eine Insel erhebt sich darüber eine Plattform, die sich, mal langsamer, mal schneller, um sich selbst dreht. „Es geht um Einsamkeit, um die Distanz, die es braucht, um zu jemandem zu gelangen, und um eine drückende Enge. Iwanow kommt hier nicht mehr weg“, sagt Hildegard Bechtler über ihre karge, monumentale Bühnenskulptur und über den Helden des Stücks, der schon vor dem eigentlichen Beginn auf seinem Sarg sitzt: „Das Bühnenbild ist von allem Überflüssigen befreit und sehr einfach. Aber einfach ist schwieriger. Es gibt nichts, hinter dem man sich verstecken könnte.“

Sehr transparent ist auch der Ort, den Hildegard Bechtler für die „Orestie“ ersonnen hat – ein schickes Großstadtloft mit langem Tisch, so zeitlos, dass es als antiker Tempel, Gerichtshalle und großbürgerliches Esszimmer taugt. Die „Orestie“ war 2015 ihre erste Zusammenarbeit mit Robert Icke, dem jungen britischen Regisseur, der für seinen frischen Blick auf alte Theaterbekannte derzeit international gefragt ist; insgesamt acht Produktionen hat Hildegard Bechtler seither für ihn ausgestattet. „Wichtig ist ihm, ob ein Stück für junge Menschen relevant ist“, sagt Hildegard Bechtler über Icke, an dem sie schätzt, dass er radikal denke und Grenzen verschiebe. In London, erzählt die Bühnenbildnerin, stünden junge Leute Schlange, um seine Inszenierungen zu sehen. „Plötzlich ist es wieder angesagt, ins Theater zu gehen. Robert Icke gelingt es mit seinem emotionalen Zugriff, dass man eine Vorstellung sehr berührt verlässt“, freut sich Hildegard Bechtler über die neue Aufmerksamkeit für eine Kunst, der sie ihr Leben gewidmet hat.

Ihr selbst beschert das internationale Interesse an der „Orestie“ viel Arbeit. Zurück in London wird sie weiter darüber nachdenken, wie sie das Bühnenbild, in dem auch Ickes „Hamlet“ spielt, auf den großen Maßstab des New Yorker Armory-Theaters anpassen kann. Im nächsten Sommer stehen beide Inszenierungen dort 14 Wochen lang auf dem Spielplan.

Dass Burkhard Kosminski die „Orestie“ in seiner ersten Saison als Schauspielintendant nach Stuttgart holte, brachte die in Feuerbach aufgewachsene Hildegard Bechtler erstmals auch als Künstlerin zurück in ihre alte Heimat. Stuttgart hatte sie 1970 als 18-Jährige verlassen, um sich als Au-pair-Mädchen in London über ihre Zukunft klar zu werden. Sie blieb, studierte Kunst, spezialisierte sich gegen den Rat ihrer Professoren aufs Bühnenbild und wechselt nach ersten Schritten in Filmproduktionen schließlich zum Theater, wo sie von Oper bis Musical in fast allen Sparten Erfahrung sammelte. Im Februar kommt mit der Bühne für die Choreografin Cathy Marston und ihr Stück „The Cellist“ im Royal Opera House auch das Ballett dazu.

„Es war eine tolle Atmosphäre damals in London, der neue Sender Channel 4 gab jungen Filmemachern eine Chance, und alle brauchten Produktionsdesigner“, blickt Hildegard Bechtler zurück auf ihre Anfänge. Doch die mit dem Schauspieler Bill Paterson verheiratete Künstlerin merkte schnell: Zwei im Filmbusiness Kreative hält eine Familie nur schwer aus. „Ich liebte die Filmarbeit über alles, aber ich hatte auch ein wunderbares Kind, deshalb ging ich ans Theater“, sagt die heute 68-Jährige. Nach drei Jahrzehnten, in denen sie lange mit der Regisseurin Deborah Warner zusammenarbeitete und viele Entwürfe für ihre Lieblingsbühne gestaltete, das Almeida-Theater in London. Nach Preisen wie dem Green Room und dem Laurence Oliver Award. Nach alldem bereut sie ihre Entscheidung keine Sekunde lang. Mehr Zeit mit ihren beiden Kindern ermöglichte ihr die Arbeit am Theater, aber auch mehr Einfluss auf die Ästhetik, mehr Kontrolle über ihre Kunst als an einem Filmset.

Dass sie nun vermehrt in Deutschland zu tun hat, während ihre Wahlheimat über den Brexit streitet, empfindet sie als bizarre Konstellation. „Mein Mann ist Schotte und denkt wie eine wachsende Zahl anderer Schotten auch zum ersten Mal darüber nach, ob sein Land unabhängig werden sollte. Erst vor Kurzem war ich in London auf der dritten großen Anti-Brexit-Demonstration. Wie diese Debatte alles überschattet, macht uns hilflos“, sagt Bechtler. „Da ist es ein gutes Gefühl, mit einem englischen Team in Deutschland arbeiten zu dürfen.“ Dazu noch in Stuttgart und für die Bühne im Schauspielhaus, deren Größe und Verhältnis zum Auditorium ihr gut gefällt. „Es ist schön zurückzukommen“, sagt Bechtler, die in London gewohnt ist, als Bühnenbildnerin im Rampenlicht zu stehen. „Lange Zeit war in der Heimat Shakespeares vor allem das Wort wichtig. Aber das hat sich sehr geändert, inzwischen wird auch die Szenografie stärker wahrgenommen und so viel darüber gesprochen, dass ich mich niemals im Hintergrund fühle.“

Termine: „Iwanow“ am 1., 14., 26. Dezember sowie am 2. Januar.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: