Aktivistinnen demonstrieren weltweit gegen die Gewalt gegen Frauen im Iran, hier in München Ende November. Foto: /Imago/Alexander Pohl

Junge und alte Feministinnen fremdeln gewaltig miteinander. Alice Schwarzer hat viele der jüngeren Frauen verloren. Was fordern ihre Nachfolgerinnen?

Als Alice Schwarzer 2020 im bekannten Podcast „Alles gesagt“ zu Gast war, gab es einen für Zuhörer eher unangenehmen Moment. Inmitten einer politischen Diskussion über das Kopftuch lobte Schwarzer plötzlich ausschweifend die „schönen blauen Augen“ des „Zeit-Online“-Chefredakteurs Jochen Wegner. Was ist das nun? Ältere Feministinnen würden sagen: Schwarzer führt auf diese Weise klug vor, wie Männer manchmal mit Frauen sprechen. Jüngere würden einwenden: Ätz, Schwarzer ist längst selbst zu einem „alten weißen Mann“ geworden, führt sich unmöglich auf.

Warum verstehen die Generationen einander nicht mehr? Heute fremdeln jüngere und ältere Feministinnen gewaltig miteinander. Die älteren kritisieren die jüngeren für ihre „Identitätspolitik“, die jungen die alten für die Ausgrenzung von Transmenschen oder die Ablehnung des Gendersternchens. Die Feministin Alice Hasters etwa beklagt: „Es ist sehr deutlich, dass Alice Schwarzer die Perspektive von bestimmten Frauen ignoriert oder sogar aktiv gegen sie arbeitet.“ In der Zeitschrift „Emma“, Alice Schwarzers journalistischem Aushängeschild, gebe es eine transfeindliche Berichterstattung, Transidentität werde dargestellt, als wäre es bloß ein Hype, meint Hasters.

Heute wollen alle Feministen sein

Noch vor zehn Jahren war Feminismus etwas, was junge Frauen nur mit ihren Müttern und Großmüttern verbanden, was sie an Sitzkreise und BHs-Verbrennen denken ließ. Und natürlich an Alice Schwarzer, die mit ihrem feministischen Engagement in den 70er Jahren Aufmerksamkeit erregte, etwa mit dem Stern-Titelbild „Ich habe abgetrieben“. Heute wollen alle Feministen sein. In den vergangenen Jahren haben gesellschaftliche und politische Entwicklungen dazu beigetragen, dass Frauen weltweit wieder lauter für ihre Rechte eintreten: etwa die Metoo-Debatte über sexuellen Machtmissbrauch oder der konservative Rückfall in Ländern wie Ungarn, den USA und Italien. Auch die Gewalt gegen Frauen im Iran hat Hunderttausende auf die Straßen getrieben.

Proteste auf den Straßen sind im Gegensatz zu den 70er Jahren nur noch ein kleiner Teil der feministischen Aktionen. Das meiste passiert im Internet, in sozialen Netzwerken und in den Medien. Und damit erreicht es jeden. Mittlerweile gibt es überall T-Shirts oder Taschen mit Aufdrucken wie „I am a feminist“ – etwas, das heute zum guten Ton zu gehören scheint. Kritiker sprechen von einem „Ausverkauf des Feminismus“. Denn einerseits war er nie so präsent, so sehr im Mainstream angekommen wie heute.

Andererseits habe sich die Lebensrealität der meisten Frauen nur wenig verändert: Altersarmut, Gewalt gegen Frauen, weniger Lohn als Männer oder ungleiche Verteilung von unbezahlter Sorgearbeit seien bestehende Probleme, kritisieren Feministinnen. Heute hat der Feminismus viele Gesichter. Wer sind die Nachfolgerinnen von Alice Schwarzer, die an diesem Samstag ihren 80. Geburtstag feiert – und was wollen sie?

Twitter-Ikone: Teresa Bücker

Teresa Bücker Foto: Imago

Die Themen von Teresa Bücker, 38, sind Familie, Sorgearbeit, Geschlechtergerechtigkeit und sexuelle Selbstbestimmung: Dazu meldet sich die Twitter-Ikone konstant zu Wort. In ihren Texten macht sie immer wieder auf Missstände in der Familienpolitik der Bundesregierung aufmerksam. Während der Pandemie mahnte sie konstant an, Kinder und Familien würden vergessen.

Bekannt wurde Bücker als sogenannte Netzfeministin und später als Chefredakteurin des feministischen Online-Magazins „Edition F“. Seit 2019 schreibt sie eine Kolumne in der „Süddeutschen Zeitung“, in der sie an den Traditionen kratzt. Sie fordert die Abschaffung der Ehe, autofreie Städte oder eine Erholungszeit nach Corona für alle. Im Oktober ist ihr erstes politisches Sachbuch erschienen. In „Alle_Zeit. Eine Frage von Macht und Freiheit“ setzt sie sich mit „dauergestressten Menschen“ auseinander und damit, was es mit Macht zu tun hat, dass Zeit ungerecht verteilt sei. Wie alle ihre Texte ist das Buch kein Ratgeber, sondern eine Gesellschaftskritik. Bücker fordert eine 20-Stunden-Woche für alle, weil sie überzeugt ist, das sei besser für den demokratischen Zusammenhalt. Während Bücker vor allem bei jungen akademisch gebildeten Großstadtmüttern punkten kann, wird sie in anderen Kreisen oft nur belächelt. So haben die Autorinnen von Alice Schwarzers „Emma“-Redaktion Bücker einmal abfällig als „realitätsferne Karrierefeministin aus Berlin-Mitte“ bezeichnet.

Kämpferin für alle: Alice Hasters

Alice Hasters Foto: Imago

Das Kuriose ist: Feministin wird Alice Hasters selten genannt. „Stimme der jungen Schwarzen in Deutschland“ heißt sie in den Medien oder „eine der bekanntesten deutschen Stimmen im Kampf gegen Rassismus“. So ist das, seit die Journalistin den Bestseller „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“ schrieb. Das Buch beschäftigt sich mit dem Rassismus, der ihr als Tochter einer Afroamerikanerin und eines weißen Deutschen entgegenschlug. Dass Hasters nicht gleich als Feministin erkannt wird, ist für manche bezeichnend für eine Sichtweise auf Feminismus, die in Deutschland präsent ist: Feministinnen, so die Theorie, kämpfen ausschließlich gegen sexistische Unterdrückung. Ein Kampf, der in dieser Sichtweise losgelöst ist von dem gegen andere Formen von Diskriminierung wie Rassismus. Das kritisiert Hasters. Weil so oft übersehen werde, dass vielen Frauen – schwarzen Frauen, queeren Frauen, Transfrauen, behinderten Frauen – nicht nur Sexismus den Weg zur Gleichberechtigung versperrt. Hasters schreibt Schwarz in diesem Zusammenhang groß, um zu zeigen, dass es um eine politisch-soziale Selbstbezeichnung geht.

„Wütende Frauen gelten als unweiblich“, schreibt Hasters in ihrem Buch. Das sei Sexismus. Wütende schwarze Menschen würden als gefährlich wahrgenommen. Das sei Rassismus, schreibt sie – und für sie untrennbar miteinander verwoben: „Ich erfahre sexistischen Rassismus, rassistischen Sexismus.“ Weil die Diskriminierung, die schwarze Frauen erleben, viel weiter gehe als bei weißen Frauen, finden sie sich in deren Kämpfen oft nicht wieder, meint Hasters. Als weiße Feministinnen – unter ihnen Alice Schwarzer – in den 70ern wie Männer arbeiten wollten, war harte Arbeit außerhalb des eigenen Haushalts bei schwarzen Frauen längst Realität – als Folge des Kolonialismus. Es ist keine Generationenfrage, die diese beiden Alices – die eine 79, die andere 33 Jahre alt – trennt. Schon in den 70ern sahen schwarze Feministinnen wie Audre Lorde aus den USA den feministischen Kampf auch als einen gegen Rassismus, gegen jede Form der Unterdrückung: „Ich bin nicht frei, solange eine andere Frau unfrei ist, auch wenn ihre Fesseln sich von meinen unterscheiden.“ Alice Hasters eröffnet die Diskussion darüber, was Gleichberechtigung der Geschlechter bedeutet und wen sie einbezieht.

Shootingstar: Margarete Stokowski

Margarete Stokowski Foto: Imago

Eine kleine, schmale Person ist Margarete Stokowski. Eine, die häufig Trainingsjacken trägt wie eine Oberstufenschülerin. Und hält man sich an Alice Schwarzers Theorie, Kleidung sei hochpolitisch, so ist Stokowskis Look als Hinweis zu verstehen: Ich bin eine ganz normale Frau von nebenan!

Seit die 1986 in polnischen Zabrze geborene Autorin vor elf Jahren mit ihren Texten bei „Spiegel Online“ begonnen hat,  hat sich der Wind gedreht: Von einer thematischen Außenseiterin wurde Stokowski zum Shootingstar einer wachsenden Bewegung. Seit Anfang diesen Jahres leidet sie unter Long Covid, hat sich etwas zurückgezogen. Zuvor wurden ihre Kolumnen bis zu eine Million Mal geklickt, ihre Lesungen waren ausverkauft, ihre Bücher Bestseller.

Kritiker wie die Philosophin Svenja Flaßpöhler werfen Stokowski vor, sie verfestige mit ihrer anklagendenden Art nur die weibliche Opferrolle. Von Männern wird Stokowski massiv bedroht und beschimpft. Dabei sind ihre Forderungen nicht neu: gleiche Bezahlung für alle und eine Aufwertung von Berufen wie Pflegerin etwa. Stokowski reißt ihre Fans vor allem mit ihrem lockeren Stil mit, der weit weg von der Akademikersprache ist. Sie hat einen Sinn für Pointen und provokante Zuspitzung – etwas, das sie am Ende doch mit Alice Schwarzer gemein hat.