Quelle: Unbekannt

Beim LesART-Jubiläum diskutierten Lukas Bärfuss und Ernst-Wilhelm Händler über Literatur im 21. Jahrhundert. Die hat eine Zukunft, sind sich die beiden einig.

EsslingenMan kann im digitalen Zeitalter den Abgesang auf die Literatur proben – man kann sie aber auch feiern und ihre Vorzüge immer wieder erlebbar machen. So, wie das die Esslinger Literaturtage LesART seit vielen Jahren tun. Dass ein Lektüre-Festival mit den Jahren sogar an Reiz gewonnen hat, macht Mut. Und wenn Rückhalt aus berufenem Munde hinzukommt, dürfen die Literatur und ihre Anhänger selbstbewusst in die Zukunft schauen. Zur Feier der 25. LesART diskutierten Büchner-Preisträger Lukas Bärfuss und sein Autoren-Kollege Ernst-Wilhelm Händler im Alten Rathaus über die Rolle der Literatur im 21. Jahrhundert.

Wer die beiden im Gespräch mit dem früheren Stuttgarter Literaturhaus-Chef Florian Höllerer erlebt hat, dem braucht um die Zukunft des geschriebenen Wortes nicht bang zu sein – sofern die Literatur ihre ureigenen Stärken nicht aus den Augen verliert. Im Mittelpunkt standen an diesem von Höllerer klug moderierten Abend eher Produktions- und Rezeptionsbedingungen als die Rolle, die Literatur im aktuellen gesellschaftspolitischen Diskurs spielen kann und spielen sollte.

Gesellschaftliche Verwerfungen, veränderte ökonomische Rahmenbedingungen und die Möglichkeiten und Herausforderungen des digitalen Zeitalters können der Literatur zusetzen, ihr aber auch Chancen eröffnen. Als Seismografen für die Stimmung beim Publikum zieht Höllerer Veranstaltungen wie die LesART heran: „Hier wird Literatur nicht einfach abgespielt – der Funke springt über.“ Das ist nicht weiter verwunderlich, wenn man so leidenschaftlichen Autoren wie Bärfuss und Händler auf Augenhöhe begegnet. Die beiden können sich ein Leben ohne Bücher nicht vorstellen. „Ich habe keine Bibliothek – ich bin eine“, verrät Händler, der „ohne Bücher nicht leben kann“. So sind rund 450 laufende Meter an Büchern zusammengekommen. Im Hause Bärfuss findet sich so gut wie kein Raum ohne Bücherregale – was nicht in die Wohnung passt, wird ausgelagert. Ob solcher Fülle an Lesestoff könnte man vermuten, dass selbst ein Büchner-Preisträger den Überblick verliert. Doch das ist bei Bärfuss nicht zu befürchten: Notfalls findet er seine Bücher mit verbundenen Augen. Vielleicht auch deshalb, weil er ein besonderes Verhältnis zu ihnen hat: „Jedes Buch steht für einen Augenblick in meinem Leben. Es ist wie ein Freund.“ Solche Freundschaften wollen gepflegt sein.

Da könnte die Digitalisierung hilfreich sein, um den Platzbedarf der eigenen Bibliothek zu reduzieren. Lukas Bärfuss nutzt moderne Technik, doch er ist sich ihrer Grenzen bewusst: „Ich schreibe nicht nur für die Gegenwart, sondern auch für die zukünftigen Generationen.“ Der rasante technische Fortschritt bringe es mit sich, dass Speichermedien viel zu rasch aus der Mode kommen. „Im Nachlass von Dürrenmatt fand sich eine Floppy-Disc“, erzählt Bärfuss. „Doch als man die gefunden hat, gab’s keine Geräte mehr, um sie auszulesen. So musste das Schweizer Literaturarchiv den Geheimdienst bitten. Sonst hätte man nicht gewusst, was Dürrenmatt hinterlassen hat.“ Ein weiteres Problem sei die begrenzte Haltbarkeit von Speichermedien, die Archive zwinge, elektronisch gespeicherte Texte aufwendig neu zu sichern. Ernst-Wilhelm Händler ist sicher, dass dieses Problem in 100 Jahren keines mehr sein wird: „Wir müssen nur die Zeit bis dahin überstehen.“ Lukas Bärfuss schreibt seine Bücher nicht am PC, sondern mit Tinte auf säurefreiem Papier: „Ich fürchte, sonst wird von unserer Zeit irgendwann nicht viel übrig sein.“ Und er stimmt das Hohelied aufs klassische Buch an: „Das Geniale daran ist, dass man es einfach aufklappt und sofort lesen kann – ohne technische Hilfsmittel.“

Und wie bekommt man eine Generation, die mit digitaler Technik groß wird, zum Lesen? „Ob ein Buch gelesen wird, entscheidet nicht der Autor, sondern der Leser“, weiß Lukas Bärfuss. Das macht Ernst-Wilhelm Händler zuversichtlich: „Menschen mögen Emotionen, und Literatur hat mit Emotion zu tun. Das ist ihre Stärke. Deshalb wird sie auch in Zukunft ihr Publikum haben. Innenansichten zeigen kann nur die Literatur. Andere Medien tun sich damit sehr schwer. Die Literatur muss sich ihrer Stärken bewusst sein und das bieten, was andere Medien nicht können.“ Das sieht auch Bärfuss so: „Ein Film vermittelt bestimmte Bilder. Jeder, der ein Buch liest, macht sich sein eigenes Bild. Das macht Sprache und Literatur so faszinierend. Davon leben wir.“

Schwieriger findet es der Büchner-Preisträger, dass es durch das gigantische multimediale Angebot immer schwieriger werde, eine gemeinsame Ebene zu finden. Ein verbindendes Element sieht er freilich doch: „Menschen haben eine Schwäche für schöne Dinge.“ Auch damit kann ein gut gemachtes Buch genau wie eine attraktive LesART beim Publikum punkten.

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