Foto: / - /

In 20 Porträts aus fünf Jahrhunderten würdigt das Buch „Chorkomponisten aus Württemberg“ eine weitgehend unentdeckte Szene.

EsslingenIn den vergangenen fünf Jahrhunderten hat eine Vielzahl an Chorkomponisten in Württemberg gelebt und gewirkt. Viele von ihnen sind in Vergessenheit geraten, andere sind nur noch Experten bekannt und ihre Musik wird nie oder nur selten gesungen und gespielt. In einem ambitionierten Kooperationsprojekt haben nun der Schwäbische Chorverband und die Gesellschaft für Musikgeschichte in Baden-Württemberg gemeinsam mit dem Esslinger Helbling-Verlag ein Buch herausgebracht: „Chorkomponisten in Württemberg. 20 Porträts aus fünf Jahrhunderten“ (Helbling-Verlag, 24,90 Euro) ist eine spannende Entdeckungsreise durch eine bis dato weitgehend unerforschte Musiklandschaft. Einige dieser Chorkomponisten haben den Ruf Esslingens als Musikstadt begründet.

„Lange hat man sich in der Pflege der Chormusik vor allem um die großen Musikzentren gekümmert: Leipzig, Hamburg, Wien, München oder Salzburg. Dass viele auch kleinere Orte und Städte in den vergangenen Jahrhunderten schon vor der Singbewegung ein reiches Musikleben pflegten, ist zwar vielfältig dokumentiert, doch nie in einen großen Zusammenhang gestellt worden“, haben die Herausgeber festgestellt.

Das Buch macht auf 264 Seiten die große chormusikalische Vielfalt des Kulturraums Württemberg anhand von 20 Biografien lebendig. Mit dabei sind wohlbekannte Musiker-Persönlichkeiten, wie etwa der Pädagoge und Kirchenmusiker Friedrich Silcher, dem es ein besonderes Anliegen war, Volkslieder für jedermann zugänglich zu machen. Mit dabei sind aber auch wieder zu entdeckende Chorkomponisten wie Samuel Friedrich Capricornus, Johann Melchior Dreyer und Balduin Hoyoul. Mit dabei sind mit Josephine Lang und der Stuttgarterin Emilie Zumsteeg zwei komponierende Frauen.

Folgt man dem von Rainer Bayreuther und Nikolai Ott herausgegebenen und von renommierten Autoren verfassten Buch, so hat Esslingen in der württembergischen Chor-Szene eine ziemlich große Rolle gespielt: Schon Justin Heinrich Knecht, 1752 in Biberach an der Riss geboren, genoss in der Neckarstadt seine musikalische Ausbildung, bevor er Opern und Operetten schrieb und ein Standardwerk für die Organisten-Ausbildung verfasste. Auch Christian Fink ist ein Kapitel gewidmet, der als Pädagoge am Esslinger Lehrerseminar, als Chorleiter des Liederkranzes und Musikdirektor des Oratorienvereins und der Stadtkirche St. Dionys und als bester Orgelvirtuose Süddeutschlands dafür sorgte, dass Esslingen weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt wurde. Ihm wurde 1862 durch König Wilhelm I. der Titel „königlicher Professor der Musik“ verliehen. Helmut Bornefeld war ebenfalls Musiklehrer in Esslingen, Gründer des Esslinger Kammerchors, und er hat, etwa im Faulhaberschen Haus in der Augustinerstraße, Konzerte veranstaltet. Eine seiner Sängerinnen wird im Buch zitiert: „Er forderte uns ganz zum selbständigen Singen und brachte uns mit seinen Kompositionen zu einer positiven Einstellung zur modernen Musik, obwohl uns die Ausübung derselben nicht gerade leicht fiel.“ Und natürlich darf auch Hans Georg Bertram nicht fehlen, der ausgehend von seiner Wahlheimat Esslingen die Chor- und Orgelszene auch überregional prägte.

Das Buch, das mit Porträtaufnahmen und zeitgenössischen Bildern illustriert ist und die Lebens- und Wirkungsgeschichten der Chorkomponisten anschaulich und unterhaltsam erzählt, zeigt, welche musikalische Vielfalt die Gegend prägte. Neben dem Blick auf die Musikschaffenden wird auch dargestellt, wie sie sich gegenseitig beeinflussten, und ihre Arbeit wird in die historischen Zusammenhänge der Geschichte Württembergs eingebettet. Jedes der Porträts wird ergänzt durch eine Übersicht über Chorwerke und weiterführende Literatur. Und als besonderes Bonbon wird mit dem Buch eine Audio-CD mit Hörbeispielen geliefert, die Werke der vorgestellten Komponisten wieder zum Klingen bringen.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: