Es ist gar nicht leicht für Deutschlands Dichter und Denker, zu Corona einen klaren Gedanken zu fassen. Alexander Kluge und Ferdinand von Schirach versuchen es im Gespräch. Das Ergebnis – und gewinnen mit ihrem Büchlein „Trotzdem“ wenigstens Platz 1 der Bestsellerliste. Taugt es was?
Stuttgart - Zufälle hat der Mensch gar nicht gern. Deswegen sucht er nach Erklärungen und Zusammenhängen selbst dort, wo zumindest vorerst keine ganz klar zu erkennen sind. Dass beispielsweise die doch angeblich so grundgute Natur kleinste Organismen hervorbringt, die kein normaler Mensch sehen kann und die trotzdem Krankheit, Leid oder gar Tod bringen, das will ihm nur schwer in den Sinn. Es ist ja auch nur schwer auszuhalten. So wie es der reinste Aberwitz ist, dass ein Coronavirus – die Bundeskanzlerin hatte im März ja völlig recht mit ihrer Prognose – unser Land und unseren Alltag so gründlich, so rasch und so radikal zu verändern vermochte wie sonst nichts seit dem 8. Mai 1945.
Der Gedanke, die ganze Misere, deren Ausmaß ja gerade erst aufscheint, könnte nichts weiter als Folge eines biologisch-natürlichen Zufalls sein, ist schwer erträglich. Also suchen wir nach Erklärungen. Und so lang die eigentlichen Fachleute, also die Mediziner, selbst noch mühsam um schlüssige Zusammenhänge ringen, greifen wir zwecks Sinnstiftung dankbar zu Geschichten. Dafür sind in Deutschland unter anderem die Dichter und Denker zuständig – und der Kultur-Verdichter Alexander Kluge sowie der Justiz-Nachdenker Ferdinand von Schirach haben gerade ihren Beitrag dazu abgeliefert: „Trotzdem“ heißt das schmale Bändchen, von Luchterhand zum kleinen Preis in die Buchläden geliefert, und dort aktuell von den Kunden stark nachgefragt: seit zwei Wochen führt es die Verkaufslisten an.
Von Tom Hanks bis zu Papst Gregor
Die Form der Gelehrten-Unterhaltung haben Kluge und Schirach bereits vor drei Jahren eingeübt, „Die Herzlichkeit der Vernunft“ hieß ein ähnlich erfolgreiches Brevier. Der aktuelle Buchtitel „Trotzdem“ soll angesichts der scheinbar gerade so unvernünftigen Zeitläufte wohl selbstbewusst-trotzig daran anknüpfen. Die 75 Seiten dokumentieren eine Instant-Messenger-Konversation der Zwei am Vor- und am Nachmittag des 30. März; also zu einem Zeitpunkt, da Deutschland und seine europäischen Nachbarn gerade den Höchstgrad des gesellschaftlichen Shutdowns erreicht hatten.
Damals hätte es zweifellos viel zu debattieren gegeben, aber eine Debatte führen Kluge und Schirach hier nicht. Sie werfen sich vielmehr Bälle in Form von Gedanken und Geschichten zu, kommen von Tom Hanks und Sophie Trudeau auf Heinrich IV. und Papst Gregor, von Thomas Hobbes auf Baron Montesquieu, von Galileo Galilei auf Carl Schmitt. Dieses Spiel ist, wenn es so wie hier zwei kluge Köpfe betreiben, durchaus interessant, weil gern auch überraschend. Aber die Grenzen zum kultivierten Geplänkel – in einer längst versunkenen Jugendsprache hätte man auch gesagt: zum Labern – sind in einem solchen Setting stets gefährlich nah.
Artikel 1 kommt immer noch vor Artikel 2
Natürlich wird der Leser immer mal wieder fündig, insbesondere bei Ferdinand von Schirach, dem es ja nun schon seit Jahren gelingt, seinen Lesern Probleme von Gewalt und Recht in ihrer ganzen moralischen und politischen Dimension vor Augen zu führen. Für Schirach ist in „Trotzdem“ zum Beispiel wichtig, dass ganz vorn im Grundgesetz, ganz am Anfang des Rechtsstaates Artikel 1 vor Artikel 2 steht, also eben nicht der Schutz des Lebens, sondern die Würde des Menschen – und dass sich die Regierungschefs beim Abwägen und nachfolgenden Begründen ihres zweifellos notwendigen Tuns doch etwas mehr hätten anstrengen müssen, als tatsächlich geschehen. Absolut erhellend ist auch sein Hinweis, dass Wissenschaft eben nicht, wie man sich das häufig wünscht, um Wahrheit ringt, sondern allenfalls um die bessere Theorie. Und jede Theorie niemals wahr, sondern allenfalls gut sein kann – und zwar genau bis zu jenem Zeitpunkt, da sie widerlegt wird. Mit diesem Bild lässt sich mancher Mediziner-Streit dieser Tage sehr viel besser einordnen.
Als wenn es gestern gewesen wäre: das Erdbeben von Lissabon
Neben solchen Details geht es den beiden Autoren aber eben vor allem um den großen Sinn. Wäre es nicht schön, so wie einst das Erdbeben von Lissabon – wir sprechen hier vom Jahr 1775, und Kluge kriegt es auf seine unnachahmliche Art wieder hin, davon zu erzählen, als wäre er als Reporter dabei gewesen – würde nun auch die Corona-Pandemie der allgemeinen Aufklärung einen weiteren Entwicklungsschub versetzen? Mehr Nachhaltigkeit, weniger Konsumterror? Mehr Krankenpfleger, weniger Erderwärmung? Mehr Menschenrechte, weniger „wirtschaftliche Interessen“? Mehr großer Wurf, weniger „faule Kompromisse“? „Wären das, lieber Herr Kluge, nach dem Gang durch die Hölle, nicht Dantes Sterne?“ lautet Schirachs letzte, ja offenbar rhetorische Frage, bevor er mit der Computermaus auf „Beenden“ klickt.
Auf dem hinteren Buchdeckel liest man als Zusammenfassung: „Das Corona-Virus hat uns an eine Zeitenwende gebracht. Beides ist jetzt möglich, das strahlende und das schreckliche“. Aber just hier ist das ganze Problem der deutschen Geistesdebatte: ständig nur „Zeitenwende“, ständig nur „entweder Hölle oder Paradies“. Dabei wird unsere Welt auch nach Corona doch wieder gerade irgendwas dazwischen sein. Sie ist schließlich keine Dichtung.
Sachbuchtipps Nicht nur „Trotzdem“ von Ferdinand von Schirach und Alexander Kluge will das aktuelle Buch zur Corona-Krise sein. Auch andere Titel können bei den Verkaufszahlen gerade von den Zeitläuften profitieren. „Unsere Welt neu denken“
beispielsweise, laut Untertitel „Eine Einladung“ der Politökonomin Maja Göpel (Ullstein, 17,99 Euro). Veröffentlicht wurde das Werk Ende Februar und punktet schon im Klappentext mit einer Feststellung, die zum Glück niemals falsch sein kann: „Wir ahnen: So wie es ist, wird und kann es nicht bleiben.“
Das neue Buch der beiden ZDF-„Terra X“-Autoren Dirk Steffens und Fritz Habekuß, „Über Leben“ (Penguin, 20 Euro), handelt zwar von der Artenvielfalt, wurde aber nun kurzfristig ergänzt um ein „Kapitel 8: Lehren aus Corona“.
Jetzt erst Erfolg hat das spannende Sachbuch „1918 – Die Welt im Fieber“
(Hanser, 26 Euro), das die britische Wissenschaftsjournalistin Laura Spinney bereits 2017 über die Spanische Grippe geschrieben hat.