Bruder Julien (rechts) übernimmt die Rolle des spielenden Co-Trainers. Quelle: Unbekannt

Nach Anfangsschwierigkeiten hat sich der TSV zu einem Spitzenteam in der Bezirksliga entwickelt und kämpft um die Rückkehr in die Landesliga.

KöngenDer Sommer 2018 wird den meisten Europäern wohl als Jahrhundertsommer in Erinnerung geblieben sein. Kaum Regen, dafür Sonne satt. Nicht so den Verantwortlichen des damaligen Fußball-Landesligisten TSV Köngen. Nach der Niederlage im Relegationsspiel gegen die TSV Oberensingen und dem damit verbundenen Abstieg in die Bezirksliga Ende Juni mussten die Köngener fünf Wochen später die Trennung von Chefcoach Stephan Hartenstein verkraften. Joachim Dienelt, Sportlicher Leiter des TSV, nannte damals Motivationsprobleme bei Hartenstein als Grund.

Probleme hatte mit einem Mal auch der Neu-Bezirksligist. Denn kurz vor Rundenbeginn stand das nach dem Abstieg runderneuerte Köngener Team plötzlich ohne Trainer da. Allerdings nur für kurze Zeit: Bereits vier Tage später verkündete Dienelt, dass sich der Verein für eine interne Tandemlösung entschieden habe: die Brüder Daniel und Julien Rieker, bislang Trainer der zweiten Mannschaft des TSV und Ur-Köngener, übernahmen das Bezirksligateam. Ein Glücksgriff für den Verein, wie sich längst herausgestellt hat.

„Für uns war das der logische Schritt“, sagt Daniel Rieker, 33, heute, gut neun Monate später. Die Anfrage des Vereins sei für die Brüder damals dennoch überraschend gekommen. „Die Vorbereitung mit der zweiten Mannschaft – unserem Herzensprojekt – war zu diesem Zeitpunkt ja schon in vollem Gange. Deshalb ist uns die Entscheidung nicht leicht gefallen.“ Und dennoch beendeten die Riekers Dienelts Suche nach einem Hartenstein-Nachfolger frühzeitig und sagten zu.

Daniel und Julien Rieker sind Köngener durch und durch. „Wir sind hier aufgewachsen, zur Schule gegangen, haben in jeder freien Minute in der Fuchsgrube gekickt und leben auch heute noch hier “, sagt der dreieinhalb Jahre jüngere Julien, der seit einem Vierteljahrhundert Mitglied des Turn- und Sportvereins ist und die Rolle des spielenden Co-Trainers innehat. Dass er nun mit Bruder Daniel die erste Mannschaft trainieren darf, ist für ihn die Anerkennung konstant guter Arbeit. Denn diese leisten die Riekers für den TSV bereits seit 15 Jahren.

„Ich war gerade 18 Jahre alt und hatte meinen Zivildienst absolviert, als mich der Verein gefragt hat, ob ich nicht Lust hätte, die Bambini zu betreuen“, erzählt Daniel über die Anfänge seiner Trainerkarriere. „Anfangs war ich mir noch unsicher, habe dann aber recht schnell bemerkt, dass es mir Spaß macht.“ Dass Julien ihn dabei unterstützt, sei gar keine Frage gewesen. „Zwischen uns passt kein Blatt, deshalb war klar, dass wir das zusammen machen“, verdeutlicht Daniel die besondere Beziehung zu seinem Bruder, der schon immer der bessere Fußballer gewesen sei und deshalb auch heute noch im defensiven Mittelfeld des TSV die Fäden zieht.

Gleiche Denkweise

Die Riekers gab es von da an nur noch als Duo. Auf die Bambini folgten die Knirpse, dann F- und E-Jugend, etwas später B- und A-Jugend. „Außer der D- und C-Jugend haben wir beim TSV alles trainiert“, sagt Daniel, der zwischenzeitlich auch mal Jugendkoordinator war, in dieser Funktion aber nie aufging. Stattdessen war es die Arbeit im Trainerteam mit Bruder Julien, die ihm große Freude bereitete: „Wir sind ein eingespieltes Duo, haben die gleiche Denkweise und ziehen alles gemeinsam durch – so macht es am meisten Spaß.“

Spaß macht der TSV Köngen inzwischen auch wieder seinen Anhängern. Nachdem der Köngener Motor zu Saisonbeginn noch etwas stotterte, haben sich die Grün-Weißen zu einem Topteam in der Bezirksliga entwickelt. Nach 25 Spielen steht der TSV auf Tabellenplatz zwei, dieser würde am Ende der regulären Saison zur Teilnahme an der Aufstiegsrelegation zur Landesliga berechtigen. „Die Zielsetzung des Vereins lautete, eine Mannschaft zu bilden und die Kameradschaft zu stärken“, sagt Daniel Rieker, „dass es jetzt so gut läuft, hätten wir nicht erwartet“. Was jedoch nicht bedeutet, dass sich die Brüder nicht vorgenommen hatten, möglichst viele Spiele zu gewinnen. „Es muss das Ziel eines jeden Fußballers sein, drei Punkte zu holen“, sagt Daniel, der nach jeder Partie ein Video mit guten und schlechten Szenen erstellt, um es im nächsten Training zu analysieren.

Dreimal wöchentlich trainieren die Köngener aktuell, die Brüder ergänzen sich hierbei optimal. „Mich selbst würde ich als Handwerker bezeichnen, Daniel ist eher der Feinwerkmechaniker“, erklärt Julien den perfekten Mix: „So hat jeder in der Mannschaft einen guten Ansprechpartner.“ Hinsichtlich des Spielstils vertreten die Riekers aber dieselben Ansichten: Die Defensive muss stehen, schnelles Umschaltspiel wird gern gesehen, lang geschlagene Bälle dagegen überhaupt nicht.

Ob die beiden irgendwann auch mal höherklassig trainieren, dem TSV Köngen also den Rücken zukehren könnten? Man kann es sich kaum vorstellen. Erst kürzlich haben sie ihren Vertrag um ein Jahr verlängert. „Wir fühlen uns wohl hier, außerdem reizt uns die Aufgabe“, sagt Julien Rieker. Bruder Daniel ergänzt: „Uns freut es, dass wir bei unserem Heimatverein einen Beitrag zum sportlichen Erfolg leisten können.“ Am Sonntag (15.30 Uhr) könnten die Köngener mit einem Sieg beim Tabellendritten TSV Deizisau einen weiteren Schritt zurück in die Landesliga machen.

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