In der Nacht von Freitag auf Samstag ist es so weit: Großbritannien verlässt die Europäische Union. Foto: AP/Frank Augstein

Rund 140 000 Deutsche leben in Großbritannien. In wenigen Tagen liegt ihr Wohnort nicht mehr in der EU. Wie fühlt sich der Brexit für Deutsche an? Drei junge Menschen berichten.

Stuttgart - Kristina Kolbe, Bastian Betthäuser und Sahra Braun (letzter Name geändert) sind vor einigen Jahren für ihr Studium nach Großbritannien gekommen. Heute leben sie immer noch – oder nach einer Unterbrechung wieder – auf der Insel. Das Brexit-Drama zieht sich schon seit Jahren hin. Am kommenden Wochenende ist es nun so weit. Am Freitag, den 31. Januar, um 24 Uhr (23 Uhr britischer Zeit) tritt Großbritannien offiziell aus der Europäischen Union aus. Zukunftspläne, Jobchancen, der Blick auf Europa – wie verändert der Brexit das Leben von Deutschen auf der Insel?

Kristina Kolbe (30)

Dreieinhalb Jahre ist es her, dass die Mehrheit der Briten für den EU-Austritt stimmte. Kristina Kolbe fühlte sich damals, als hätte jemand mit ihr Schluss gemacht. „Es war eine ultra emotionalisierte Sache, mit allen Phasen, die man nach einer Trennung durchläuft: Erst erkennt man keinen Sinn, dann ist man traurig, dann ist man wütend“, sagt die Wissenschaftlerin. Kolbe ist 2011 für ein Erasmus-Semester nach London gegangen. Seitdem lebt sie – mit Unterbrechungen – in Großbritannien. Heute sind die Gefühle für den Brexit verpufft. „Der 31. Januar hat für mich weniger emotionalen Wert, weil die ganze letzte Zeit schon so mit Gefühlen aufgeladen war“, sagt Kolbe.

Rechtlich ändert sich mit dem formellen Austritt zunächst wenig. Entscheidend wird das Abkommen sein, das Großbritannien bis zum Ende des Jahres mit der EU abschließen muss. Welche Konsequenzen für sie persönlich folgen könnten, besorgt Kolbe kaum. Die junge Frau hat kürzlich ihre Promotion abgeschlossen. „Mit akademischer Ausbildung und deutschem Pass werde ich mehr Möglichkeiten haben als zum Beispiel eine Krankenschwester aus Rumänien“, sagt sie.

Angst macht der 30-Jährigen vielmehr die größere Entwicklung. In zahlreichen Ländern Europas beobachtet Kolbe den Aufschwung rechter Parteien und zunehmende Fremdenfeindlichkeit. Den Brexit versteht sie als Ausdruck dessen. Zweimal wurde Kolbe im Supermarkt angeschrien, als sie auf Deutsch telefonierte. Offenbar ein Missverständnis: Die Menschen hielten die blonde Frau für eine Polin. „Sie haben gerufen, ich soll zurück nach Polen gehen“, sagt Kolbe. „Ich habe ja noch das Glück, dass ich nicht auffalle, solange ich nicht den Mund aufmache. Menschen mit einer anderen Hautfarbe als weiß geht es anders. Rassismus ist hier im Land meinem Eindruck nach generell gestiegen.“ Zurück nach Deutschland will Kolbe deswegen trotzdem nicht. „Ich habe nicht das Gefühl, dass Deutschland in allem so viel besser ist.“

Bastian Betthäuser (34)

Für Bastian Betthäuser hat der Brexit den Blick auf die EU verändert. „Vorher war ich etwas naiv, was die Europäische Union angeht“, sagt der Mann, der seit acht Jahren in Großbritannien lebt. „Die Errungenschaft nach zwei Weltkriegen war mir zwar schon klar. Aber ich hatte trotzdem die Einstellung, dass der Aufbau der EU ein unumkehrbarer Prozess ist, der nur in eine Richtung geht.“ Heute sieht der gebürtige Hamburger die Union als „etwas Zerbrechlicheres“, für das man sich einsetzen müsse. Betthäuser verfolgt stärker als früher in den Nachrichten, was in anderen EU-Ländern geschieht. Der 34-Jährige glaubt, dass die EU aus der Brexit-Lektion lernen und politisch klug handeln sollte. „Unnötige Regulierungen oder alles andere, was Populisten Aufschwung verleiht, muss man vermeiden.“

Persönlich verletzt fühlt sich der Soziologe durch den Austritt der Briten nicht – anders als eine deutsche Kollegin, die am Tag nach der Volksabstimmung weinte. In welchem Land Betthäuser in Zukunft leben möchte, hängt in erster Linie von den Jobaussichten in der Wissenschaft ab. Großbritannien habe stark von europäischen Forschungsgeldern profitiert, sagt Betthäuser. „Was damit passiert, muss man abwarten.“

Sarah Braun (31)

Sarah Braun hat Pläne für die historische Brexit-Nacht. Sie trifft sich am Freitagabend mit alten Freunden aus ihrem Studienort Tübingen, die nun ebenfalls in London leben. „Mit Deutschen an dem Abend im Pub zu diskutieren, wird sicher interessant“, sagt Braun, die in Wirklichkeit anders heißt. Wegen ihrer Arbeit für eine Beratungsfirma will die Volkswirtin ihren echten Namen lieber nicht in der Zeitung lesen. Braun und ihre Freunde überlegen, am Freitagabend auch im Londoner Rathaus vorbeizuschauen. „Supporting European Londoners through Brexit“ – auf Deutsch etwa „Unterstützung für europäische Londoner während des Brexits“ – bietet die Stadtverwaltung zwischen 17 und 20 Uhr an. Es gibt kostenlose Rechtsberatung, „seelische Unterstützung“ und eine Tasse Tee, verspricht die Einladung zu der Veranstaltung. London werde eine europäische Stadt bleiben, offen für die Welt. Braun vermutet hinter der Kampagne für Weltoffenheit auch politische Überlegungen. Sadiq Khan, der Bürgermeister der Metropole, gehört zur Labour-Partei. In London haben die Menschen mehrheitlich gegen den Brexit gestimmt.

Vor einigen Jahren hat Braun ihren Master in England gemacht. Danach hat sie anderswo gelebt. Zurückgekehrt nach Großbritannien ist sie erst 2016, als die Mehrheit der Briten schon für den Austritt gestimmt hatte. „Es war also immer klar, dass es irgendwann passieren würde.“ Die 31-Jährige sieht den Brexit pragmatisch. „Wenn die Bedingungen irgendwann nicht mehr gut sind, gehe ich woanders hin.“

Ein bisschen Wehmut kam bei Braun dann aber doch auf – bei einer Dienstreise vergangene Woche nach Turin. Die Rückkehr nach London hat sie nachdenklich gestimmt. „Da bin ich das letzte Mal nach Großbritannien als EU-Staat eingereist.“

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