Eng, aber gemütlich: Der Container-Treffpunkt in der Fleischmannstraße. Foto: Roberto Bulgrin

Seit einem Jahr gibt es am Esslinger Bahnhof einen Treffpunkt für Menschen aus dem Obdachlosen- und Trinkermilieu. Was hat sich seitdem verändert?

Die Gegend rund um den Esslinger Bahnhof löst bei vielen Bürgerinnen und Bürgern ein mulmiges Gefühl aus. Die Stadt versucht seit Jahren, das Sicherheitsgefühl dort zu erhöhen. Dabei stützt sie sich auch auf Ideen aus einer Sozialraumanalyse der Universität Tübingen aus dem Jahr 2022. Vorgeschlagen wurde unter anderem, eine Anlaufstelle für Menschen aus der Obdachlosen- und Trinkerszene einzurichten.

Ein solcher Treffpunkt ging im Februar 2025 in einem schmucklosen Container in der Fleischmannstraße neben dem Rewe-Markt und der Beratungsstelle des gemeindepsychiatrischen Dienstes in Betrieb. Ein Jahr danach ziehen die Esslinger Stadtverwaltung und die Evangelische Gesellschaft (Eva), die das Projekt sozialpädagogisch betreut, eine positive Bilanz.

„Unser Ziel war es, für diese Klientel einen geschützten Raum zu schaffen, und das haben wir erreicht“, sagt Sozialamtsleiter Marius Osswald bei einem Vor-Ort-Termin. Dass sich diese Personen nun weniger am Bahnhofsvorplatz, insbesondere im Bereich des Treppenaufgangs, aufhalten, habe die Situation entschärft. Auch Carolin Bischoff, Abteilungsleiterin Soziale Beratung und Wohnen bei der Stadt, ist überzeugt, dass das Konzept aufgeht. „Wir konnten die Leute gut an den Treff anbinden“, bilanziert sie. „Allein der Zulauf spricht Bände und übertrifft unsere Erwartungen“, sagt Axel Glühmann, Abteilungsleiter der Dienste für Menschen in Armut, Wohnungsnot und Migration bei der Eva. Inzwischen kommen innerhalb eines Tages bis zu 50 Personen in den „Treff am Bahnhof“, wie er offiziell heißt.

Anwohner sehen den Containertreff auch kritisch

Einige Bewohner der Weststadt sehen den Container allerdings kritisch. „Dieser Treff wirkt wie ein Magnet auf die Szene. Hier stehen Menschen, die ich hier noch nie gesehen habe“, sagt ein Familienvater, der anonym bleiben möchte. Er meidet inzwischen die Gegend um den Rewe-Markt und nimmt lieber Umwege in Kauf. Ein anderer Bewohner schildert, dass sich viele in ihrem eigenen Viertel nicht mehr sicher fühlen würden: „Seit der Eröffnung muss man sich täglich regelrecht durchkämpfen: zwischen sichtbar stark alkoholisierten Obdachlosen, Teilen der Trinkerszene sowie Gruppen junger Männer, die entweder in Autos gegenüber dem Container sitzen oder sich aufhalten. Es kommt zu bedrohlich wirkenden Situationen bis hin zu klar dubiosen Aktivitäten.“ Zudem rieche es ständig nach Marihuana. „Die Polizei zeigt null Präsenz“, kritisiert er. In der Verwaltung ist man hingegen der Meinung, dass solche Aussagen nicht die allgemeine Stimmungslage widerspiegeln.

Joachim Wörner kommt selbst aus der Szene und sorgt im Containertreff dafür, dass die Regeln eingehalten werden. Foto: Roberto Bulgrin

Bislang seien in der gesamten Zeit nur zwei Beschwerden zu dem Treff bei der Stadt eingegangen. Ein weiterer Anrufer habe sich bei der Eva gemeldet. „Diese Klientel hat ein Anrecht, hier zu sein, wenn sie sich an die Regeln hält. Das muss eine Gesellschaft aushalten“, betont Marius Osswald. Trotzdem könne man auch mit Angeboten wie diesen nicht jeden erreichen. „Die Szene ist ja keine homogene Gruppe“, sagt Sozialpädagogin Janine Sieber.

In einer Gemeinderatsvorlage stellt die Stadtverwaltung fest, dass sich ein Teil der Trinkerszene im Laufe des Jahres 2025 auf den Platz vor dem IKK-Gebäude verlagert hat. Um dem Kommunalen Ordnungsdienst (KOD) und der Polizei in diesem Bereich mehr rechtliche Möglichkeiten zu geben, soll die Alkoholverbotszone ausgedehnt werden. Aktuell gilt diese nur für den Bahnhofsplatz und den Zentralen Busbahnhof (ZOB). Künftig soll zudem die Fleischmannstraße zwischen Berliner Straße und Bahnhofstraße sowie der Platz vor und neben dem IKK-Gebäude einbezogen werden. Über die Ausweitung soll der Esslinger Gemeinderat am 16. März entscheiden. Das Verbot bezieht sich nur auf den öffentlichen Raum.

Schließung des Containertreffs? „Das wäre eine Katastrophe“

Von Anfang an war geplant, dass die Nutzer des Containertreffs viele Dinge wie Putzen oder Schließdienst in Eigenregie regeln. Aus ihren Reihen haben sie dafür zwei Verantwortliche bestimmt. Einer davon ist Joachim Wörner. Zudem macht ein Security-Dienst vor allem nachts zweimal in der Woche unangemeldete Kontrollgänge und auch der Kommunale Ordnungsdienst schaut auf seiner Route im Treff vorbei. Laut Stadt habe es nie Beanstandungen gegeben. Alkohol und Rauchen sind erlaubt. Cannabis und andere Drogen strikt verboten.

Bei Verstößen verhängt Joachim Wörner, meist in Absprache mit den einmal wöchentlich vorbeikommenden Sozialarbeiterinnen, zeitweise ein Hausverbot. Eine Maßnahme, die durchaus Wirkung habe. Denn für viele Besucher, die überwiegend in prekären Wohnverhältnissen leben, ist der Treffpunkt zu einem Stück Heimat geworden. „Wir spüren die große Dankbarkeit der Leute, die hierherkommen“, sagt Marius Osswald. Joachim Wörner bringt es so auf den Punkt: „Wenn das hier geschlossen wird, wäre es eine absolute Katastrophe.“ Mit den direkten Nachbarn habe man ein sehr gutes Verhältnis, berichtet er. Ab und zu würden auch Passanten anhalten. „Es gibt immer mal wieder nette Gespräche oder jemand spendet etwas“, erzählt der ehrenamtliche Hauswart.

Der Treffpunkt soll vorerst bis Ende 2027 fortgeführt werden. So hat es der Sozialausschuss im vergangenen November beschlossen. Danach muss der Gemeinderat darüber entscheiden, ob aus dem Pilotprojekt eine feste Einrichtung wird.

Brennpunkt Bahnhof

Analyse
Der Szenetreff ist Teil eines Maßnahmenkatalogs, der aus einer Sozialraumanalyse der Universität Tübingen im Auftrag der Stadt hervorgegangen ist. Die Wissenschaftler hatten das Quartier zwischen der Schlachthaus-, Martin- und Bahnhofstraße sowie Am Kronenhof untersucht und waren der Frage nachgegangen, wie die Sicherheit und die Aufenthaltsqualität am Esslinger Bahnhof verbessert werden können. Neben Maßnahmen wie Pflanzkübeln und einer mit Graffiti aufgehübschten Unterführung wurde auch die mobile Wache installiert. Dafür ist der Kommunale Ordnungsdienst verstärkt rund um den Bahnhof im Einsatz.

Treff am Bahnhof
Die Nutzer des Treffpunkts übernehmen Eigenverantwortung. So kommen aus ihren Reihen zwei Verantwortliche, die für Ordnung sorgen und als Sprachrohr fungieren. Sie nehmen beispielsweise auch an den monatlichen Treffen mit der Stadt und der Eva teil. Geplant sind im Treffpunkt auch Aktivitäten wie Vorträge der Suchtberatung oder Besuche der Tiernotretter. Ein neues Angebot ist ein warmes Mittagessen, das ein Gastronom einmal im Monat spendet. Geöffnet ist der Treff an Werktagen von zehn bis 22 Uhr.