Gehen soweit die Füße einen tragen, die Umgebung genießen, einfach an nichts denken. Wandern ist zum Breitensport gereift und seine Beliebtheit ungebrochen.
Wer wandert, trainiert seinen Körper und entspannt den Geist. „Wandern ist ein Naturerlebnis bei Wind und Wetter und zu allen Jahreszeiten“, erläutert Karin Kunz. Kunz ist beim Schwäbischen Albverein für den Bereich Wandern zuständig. Auf die Frage, warum Menschen gerne wandern, sieht sie Stressabbau, Alltag vergessen und Achtsamkeit an vorderer Stelle. Und natürlich gibt es da noch den Genussfaktor: „Man ist dabei auf das Erleben fixiert. Der Aussichtsturm, den man anschauen will oder das Picknick, das noch ansteht.“
Wandern ist Ganzkörpertraining
Obwohl Wandern beliebt ist, haftet ihm immer noch das Bild eines längeren Spaziergangs an. Dass dieser Sport hochkomplexe Bewegungsabläufe erfordert, können sich viele zunächst nicht vorstellen. Dabei arbeiten wir aktiv an unserer Trittsicherheit, um nicht bei jeder Unebenheit unter dem Schuh hinzufallen. Wir müssen zur Seite schauen und dennoch weiter gehen können, eine Kunst, die wir im Alltag immer mehr verlernen, wie Katja Weber, Physiotherapeutin und Dozentin am IB Süd e.V., aus der Praxis berichtet.
Wandern ist ein Ganzkörpertraining, das alle Partien des Körpers stärkt. Als Beispiel: Beim Auf- oder Abstieg muss sich der Oberkörper im richtigen Winkel zum Berg befinden. Das erfordert eine gute Rumpfstabilität und die Bewegung trainiert Bauchmuskeln sowie den Rückenstrecker, also den großen Rückenmuskel, der dafür verantwortlich ist, dass wir aufrecht gehen. Die Oberschenkel- und Wadenmuskeln sind durchgehend im Einsatz und sogar die Kopfmuskulatur leistet ihren Teil.
Sinne leben auf
Nach einer Weile kann sich ein regelrechtes Glücksgefühl einstellen. „Wenn wir in der Natur sind, produziert unser Körper das benötigte Vitamin D. Wir sehen, was um uns blüht, elektronische Geräte sind zweitrangig und der Geist kommt zur Ruhe“, erklärt Katja Weber. Doch das ist nicht alles. Fehlt die Ablenkung durch elektronische Medien, lässt das die menschlichen Sinne wieder aktiver werden. Im Alltag werden diese geschwächt aufgrund zahlreicher Reize aus der Umgebung. Beim Wandern jedoch muss man sich voll und ganz auf seine Augen, Ohren und die Nase verlassen.
Und wie passt das zusammen, dass wir am Ende einer Tour körperlich ausgepowert sind und dennoch zur Ruhe kommen? Das klingt zunächst nach einem Widerspruch, aber: „Die körperliche Auslastung fehlt uns im Alltag. Wenn wir uns anstrengen, haben wir das Gefühl, etwas erreicht zu haben und das befriedigt uns“, erklärt Katja Weber.
Wandermuffel motivieren
Karin Kunz, selbst begeisterte Wanderin, hebt die besonderen Vorteile hervor: Die Länge der Strecke lässt sich optimal der verfügbaren Zeit anpassen, von kurz bis mehrtägig. Wer fit ist, kann schnell gehen, wer eher eingeschränkt ist, langsam. Manchmal bietet es sich, an mit einer Gondel auf den Berggipfel zu fahren und erst von dort aus hinunterlaufen. Brauchen die Knie Entlastung, können Wanderstöcke helfen.
Und wie bekommt man Wandermuffel auf den Pfad? Hier sind sich beide Expertinnen sicher, dass eine ansprechende sowie angemessene Strecke und ein Belohnungssystem hilfreich sind. Doch der Reihe nach: Je nachdem, wie fit und erfahren die Teilnehmer sind, soll man sich eine angemessene Streckenlänge und Steigung aussuchen. Der Weg sollte durch eine schöne Landschaft führen, denn ein gerader Betonweg erinnert eher an Arbeit als an Freizeitvergnügen. Sind Kinder dabei, lohnt sich immer ein Zwischenstopp auf einem Spielplatz oder ähnlich attraktive Ablenkung. Sollen Teenager mitkommen, könnten sie beispielsweise für die Streckenorganisation verantwortlich sein und die Aufgabe des Tourleiters übernehmen.
Belohnung zum Schluss
Und Tipps, die für alle Outdoorfreunde gelten: Dem Wetter angepasste Kleidung nach dem Zwiebelprinzip anziehen, genügend Wasser muss in den Rucksack rein. Den Schwierigkeitsgrad immer langsam steigern. Wer sich beim ersten Mal übernimmt, hat keine Lust auf eine Wiederholung. Und bei neuen Wanderschuhen ist zunächst ein Probelauf um den Block sinnvoll.
Wird der Sport womöglich unterschätzt? Katja Weber antwortet darauf mit einem klaren Ja. „Das Wandern kann auch ein Hochleistungssport sein. Reinhold Messner ist auch ein Wanderer.“ Lässt sich dann zusammenfassen: Es ist ein Universalsport? „Auf jeden Fall“, bestätigt die Physiotherapeutin und weist darauf hin, dass auch der Kalorienverbrauch ordentlich sei. „Das Essen macht nach dem Wandern viel Spaß“, lacht sie. Und Karin Kunz gibt in Bezug auf das Essen noch einen Tipp: Die große Einkehr auf das Ende setzen, damit die Müdigkeit nicht einsetzen kann und es womöglich schwierig wird, nach dem Essen weiterzugehen. Außerdem sei die Belohnung am Ende dann umso größer.
Kurz oder lang
Wanderungen können kurz und lang sein. Für Einsteiger eignen sich Strecken, die rund zehn Kilometer lang sind. Beispielsweise der sieben Kilometer lange Blaustrümpflerweg in Stuttgart, mit einer besonderen Attraktion: der Fahrt mit der Zahnradbahn.
Weitere Infos zum Blaustrümpflerweg
Für erfahrene Wanderer, die auch eine Herausforderung suchen, bieten sich Fernwanderungen an, wie beispielsweise der 158 Kilometer lange Albschäferweg, der in zehn Etappen, also Tagen, zurückgelegt werden kann. Wem das dann doch zu viel ist, kann natürlich auch einzelne Etappen auswählen.