Zum Auftakt der 11. Böblinger Songtage hat der Hamburger Liedermacher Niels Frevert das Publikum begeistert. Am Freitag und Samstag stehen weitere Konzerte in der Alten TÜV-Halle an.
Immer wieder windet sich Niels Frevert um das Mikrofon, schließt die Augen, singt mal mit zarter, mal brüchiger Stimme zu aparten Gitarrenakkorden: „Wenn Dein Herz in Schutt und Asche liegt, ist da immer noch die Musik.“
Kurz vor Ende des gut eineinhalbstündigen Konzerts in Böblingen hängen die meisten der knapp 150 Zuhörerinnen und Zuhörer dem Hamburger Singer-Songwriter längst an den Lippen. Der Liedermacher hat auch nach gut 35 Bühnenjahren nichts von seinem Charisma verloren. Gemeinsam mit seinen Bandkollegen Martin Hornung (Klavier) und Christoph Bernewitz (E-Gitarre) sorgt Niels Frevert mit einem poetischen wie energiegeladenen Konzert für einen eindrücklichen Auftakt der 11. Böblinger Songtage.
Sperrige Begriffe klingen poetisch
Der 57-Jährige lässt es zu Beginn noch ruhig angehen. Das Trio entwickelt dichte Klangteppiche, auf die Niels Frevert seine eigenwilligen Texte und charmanten Melodien setzt. Der Hamburger zieht vermeintlich sperrige Alltagsbegriffe ins Poetische, verdreht Redewendungen und hat immer wieder Mut zu gewagten Formulierungen.
Seine Songs tragen Titel wie „Waschbeckenrand“, „Brückengeländer“, „Niendorfer Gehege“ oder auch „Ich würde dir helfen, eine Leiche zu verscharren, wenn’s nicht meine ist“. Alltagsbeobachtungen, Gesellschaftsbeschreibungen und Liebeslieder finden sich in neuen, ungewohnten Kontexten: „Du bist erste Klasse, ich bin zweite – triffst du mich im Speisewagen?“.
Fans können jede Zeile mitsingen
Im letzten Drittel des Konzerts wird es krachiger, Niels Frevert schlägt die Akustikgitarre härter an, seine Bandkollegen geben mehr Gas – das erhöht Wucht und Dynamik, wenn auch der vielschichtige Klang darunter etwas leidet. „Putzlicht“ vom gleichnamigen Album gehört zu Freverts Hits, einige der angereisten Fans können jede Zeile mitsingen. Die Hymne „Fremd in der Welt“ steht exemplarischen für den spannungsgeladenen Gestus vieler Lieder. Niels Frevert positioniert sich in den Songs gerne als melancholischer Außenseiter und trifft mit seinen wohlklingenden Melodien doch mitten ins Herz des Publikums.
Im Laufe der Jahre haben sich die Böblinger Songtage zu einer wichtigen Adresse für die deutschsprachige Singer-Songwriter-Szene entwickelt. Andreas Wolfer, der das dreitägige Festival 2014 als städtischer Veranstaltungsmanager ins Leben gerufen hat, darf sich über ein wachsendes Publikum freuen – mit Rekordzahlen im vergangenen Jahr. Bei der aktuellen Auflage sind die Zahlen ordentlich, es gibt aber noch Luft nach oben. „Mit 160 bereits verkauften Karten für Freitag und 130 für Samstag bin ich ganz zufrieden“, sagte Wolfer am Donnerstag, „dennoch hoffe ich, dass kurzfristig schon noch ein paar mehr Besucher kommen.“
Prominenter Gast lobt die Songtage
Den Auftaktabend eröffnet hatte die Sängerin und Pianistin Charlotte Brandi, deren Kompositionen zwischen Popsong und Chanson changieren. Die Dortmunderin kämpfte mit dem anfangs noch arg verhaltenen Publikum, zeigte dabei aber komödiantische Fähigkeiten – nicht ohne Frotzeleien. „Ihr seid doch musikalisch, oder? Wir im Ruhrgebiet stellen uns das immer so vor, dass im Schwabenland alle Cello spielen“, sagte Brandi kichernd. Zum Konzert in Böblingen kam sie direkt von einem Theaterprojekt aus Augsburg, was sich auf ihren Auftritt auszuwirken schien. „Ich sollte wohl irgendwann mal Kabarett machen.“
Prominenter Zuhörer am Donnerstagabend war Dieter Thomas Kuhn, der als Interpret deutscher Schlager seit den 1990er-Jahren zur bundesweiten Berühmtheit wurde. „Ich bin im vergangenen Jahr auf die Böblinger Songtage aufmerksam geworden und habe einen Abend besucht“, berichtete der Tübinger am Rande des Konzerts in der Alten TÜV-Halle, „da hat es mir so gut gefallen, dass ich genau verfolgt habe, wer diesmal kommt.“ Niels Frevert kenne er schon lange und besuche gerne die Konzerte des Hamburgers. „Das Festival hier finde ich super“, lobte Kuhn die Veranstaltung, „eine schöne Größe und ein tolles Programm.“
Kultband kommt am Samstag
Programm
Am Freitag treten Pascal Blenke, Lina Maly und Enno Bunger auf, am Samstag spielen nach Jonas Gavriil und Matze Rossi noch Die Sterne um Sänger Frank Spilker, die in den 1990er-Jahren die „Hamburger Schule“ mitbegründet haben.
Info
Die Konzerte finden in der Alten TÜV-Halle im Mönchweg in Böblingen statt, Beginn ist um 18 Uhr. Der Eintritt kostet 29 Euro, ermäßigt 14,50 Euro.