Mittelaltermärkte gibt es mittlerweile in viele Städten und Dörfern. Böblingen hat sich deshalb einen besonderen Schwerpunkt ausgedacht – und erfreut damit vor allem die kleinen Gäste.
Nanu, eine Frau in langem Gewand und Fellumhang steigt aus dem Auto und läuft den Schlossberg hoch. Der Mann neben ihr, ist das etwa ein Wikinger? Beide wirken in der Kulisse von Verkehrsampeln und Zebrastreifen wie aus der Zeit gefallen, doch am Marktplatz oben sind sie genau dort, wo sie hingehören: im Mittelalter.
Nun ja, fast, zumindest drei Tage lang konnten am Wochenende alle Besucher auf dem Mittelaltermarkt in Böblingen eintauchen in die Welt von Burgfräuleins, Rittern und Drachen. Menschen in Funktionsjacken und Gummistiefeln schlenderten gleichermaßen wie Gewandete von Stand zu Stand, ließen sich wahlweise Steinkrugbecher oder mitgebrachte Trinkhörner mit Met befüllen und wippten zu den Klängen von Gitarrenlauten und Trommeln im Takt.
Im Gewand zum Mittelaltermarkt
Max und Sophia waren aus Rottweil nach Böblingen gekommen, um ihre Gewänder auszuführen. Ihre Nachnamen wollten die beiden nicht verraten, aber sie zeigten gerne ihre aufwendigen Kostüme. „Ich stelle einen Meuchelmörder aus der Wikingerzeit dar“, sagte der 32-jährige Mittelalterfan. Er trug Lederstiefel, eine Pluderhose, einige Tuniken darüber und einen Umhang aus Lammfell. Außerdem lederne Armschienen und einen Rüstgürtel, an dem Äxte, ein Schwert, ein Dolch, ein Sax-Messer und ein Trinkhorn hingen. Seine Freundin wollte eine Schildmaid darstellen, eine nordische Kriegerin. Waffen fehlten ihrem Kostüm noch, die wolle sie noch nach und nach besorgen, erzählte sie. „So ein Gewand ist ein Prozess, das ist nie fertig. Man holt sich Inspiration bei den anderen Leuten“, sagte Sophia. Gelegenheit hat sie dazu oft, denn zusammen mit ihrem Freund, dem Wikinger, besucht sie sämtliche Mittelaltermärkte in der Umgebung. „Die sind wie Familientreffen, weil man immer Gleichgesinnte um sich hat“, sagte Max.
Auch viele Beschicker schätzen genau das: Das Zusammenkommen mit Menschen, die das Mittelalter genauso lieben. Ewa Ostermann ist so jemand. Sie bietet zusammen mit ihrem Mann Bogenschießen und Axtwerfen im Innenhof der Stadtverwaltung an. „Ich mache das seit knapp 26 Jahren“, sagte die Frau, die im Saarland als Sattlerin arbeitet und an den Wochenenden nebenberuflich von Mittelaltermarkt zu Mittelaltermarkt tingelt.
Sieben Märkte in sieben Wochen
Sieben Märkte wird sie mit ihrem Mann in den nächsten sieben Wochen ansteuern. Im Hof, gleich hinter ihrem Schießstand, hatten die beiden ein großes Stoffzelt aufgeschlagen, wo sie in Feldbetten schliefen und ein gusseiserner Ofen für Wärme sorgte. Abends setzten sie sich manchmal noch mit anderen Marktbeschickern zusammen, erzählte Ewa Ostermann, „den Met-Händler kennen wir“.
Warum nimmt man so ein Vagabundendasein auf sich? „Um den Leuten das Bogenschießen näherzubringen“, sagte sie. Sie selbst sei über einen Mittelaltermarkt zu ihrem Hobby gekommen und sei fasziniert von dem traditionellen Sport, der so nur in wenigen Schützenvereinen angeboten werde. „Man braucht Kraft, aber es ist auch sehr meditativ und entspannend“, sagte sie. Auch Kinder hätten Spaß daran und es bereite ihr Freude, ihnen die richtige Haltung und Atmung beizubringen und ihnen in die Konzentration zu helfen.
Theater und Handwerk für Kinder
Die kleinen Gäste sind genau die Zielgruppe des Böblinger Mittelaltermarktes. „Wir sind eine Kinder- und Familienveranstaltung“, sagte die Citymanagerin Kira Morgan auf die Frage, was den Böblinger Mittelaltermarkt von vielen ähnlichen Märkten in der Umgebung abgrenze. Andernorts liege der Schwerpunkt häufig bei Schaukämpfen, „bei uns auf dem Thema Märchen“. Bereits am Mittwoch war der Märchenherbst gestartet mit Aufführungen des Theater Tredeschin Stuttgart und des Orpheus Theater aus Haigerloch mit Stücken wie Dornröschen, Frau Holle oder Hans im Glück. Tränen gab’s bei Kindern, die wegen ausverkaufter Vorführungen nicht zuschauen konnten.
Stattdessen konnten sie aber bei einer Märchenrallye Aufgaben lösen und eine Zaubernuss knacken, einer Prinzessin helfen, vom Turm der Stadtkirche eine goldene Kugel heraufzufischen, Seile herstellen, Kerzen ziehen oder ein Wappen bemalen. „Die Kinder können aktiv werden und in das Thema eintauchen“, sagte Morgan und freute sich über die große Zahl an Besuchern, die den Marktplatz belebten. Der Standort habe sich bewährt: „Die Kulisse ist super und Familien können ihre Kinder springen lassen.“