Bürgermeister Matrohs wird von den Hexen der Narrenzunft Deizisau abgeführt. Foto: Roberto Bulgrin

Auch im Kreis Esslingen übernehmen am schmotzigen Doorschdich die Narren die Macht. Ein Überblick über die Närrischen Tage im Kreis.

Esslingen - Am schmotzigen Doorschdich über­nehmen die Narren auch in der Stadt und im Kreis Esslingen traditionell die Macht. Mit Rathausstürmen wurden in Baltmanns­weiler, Deizisau, Hoch­dorf und Köngen die närrischen Tage ein­geläutet. In Berk­heim tagte das Narren­­gericht und in Ober­esslingen formierte sich am Freitag ein bunter Faschings­zug.

Süßer Regen aus dem Publikum

Normalerweise werfen Hästräger und andere Narren Bonbons auf die Zuschauer. Beim Umzug der Herderschule in Oberesslingen ist das anders: Da kommt der süße Regen aus dem Publikum. In 20 Jahren hat sich die „Herderfasnet“ im Stadtteil fest etabliert. Ob in guten oder schlechten Zeiten für die Esslinger Fasnet: Einmal begonnen, hat die Herderschule keinen Fasching ausfallen lassen. Anfangs war man „wild“ unterwegs, ohne Polizei und Absperrung, erinnert sich Maria Nuding, die damals Lehrerin an der Schule und Initiatoren des Ganzen war. Sie ließ sich von einem Besuch bei der Fasnet in Villingen-Schwenningen inspirieren. „Da habe ich gedacht, was die dort hinkriegen, das müssen wir in Esslingen auch schaffen“. Die fröhlichen Grundschüler, die die Geschäfte abklapperten, kamen damals sehr gut an. Also ging die Geschichte weiter, im Lauf der Zeit stießen auch echte Hästräger dazu. Vor fünf Jahren wurden die eigenen „Herderguggen“ gegründet. Kurz vor Umzugsbeginn wuselt am Freitag der Schulhof. Dann blasen die Guggen zum Start. Die Rektorin begrüßt besonders die Ehemaligen, die bei der hauseigenen Guggenband mitspielen und an diesem Tag von ihren weiterführenden Schulen frei bekommen haben. Die Polizei fährt vorneweg, gefolgt vom Holzkarren mit der dröhnenden Musikanlage. Mit Absperrband wird der Umzug zusammengehalten, dessen Teilnehmer unterwegs fleißig Bonbons aufsammeln. Frank Schönrock ist einer der spendablen Zuschauer; er wartet mit seiner Bonbontüte, bis sein Enkel im Zug vorbeikommt. „Ich finde das schön, das ist schon ein bisschen ein Traditionsumzug“, sagt er und würde sich noch mehr Hästräger wünschen.

Schneemann vor dem Gesicht

Der Bürgermeister als Schneemann verkleidet und die acht Gemeinderäte, kostümiert als Rentiere, haben sich dem Motto angepasst. „Frozen – Eiskalt in Deizisau – zieht euch warm an“ heißt es an diesem „schmotzigen Donnerstag“ in der Ortsmitte. Über eine Leiter und durch das Fenster klettern die Hexen der Narrenzunft Deizisau mit Glockengeläut ins Rathaus von Bürgermeister Thomas Matrohs. Dieser ist auf seinen 12. Rathaussturm mit anschließender Narrentaufe gut vorbereitet: „Habt ihr letztes Jahr verstanden? Hier im Rathaus habt ihr nicht zu landen“, ruft er den Hexen aus dem Fenster zu. Ein Gegenruf der Narren: „Du hosch koi Chance gega uns“. Matrohs und die Gemeinderäte werden als Gefangene nach Draußen geführt. Die große Narrenmenge wartet: Kinder mit ihren Eltern, die Guggenmusik-Gruppe „Granada Fetza“, die Schlegler und Schendmärra. Es folgt das Narrengericht. „So kann das nicht weitergehen, wie ihr mit unseren Steuergeldern umgeht“, sagt eine Närrin. Bürgermeister Matrohs antwortet: „Ich sehe mich der Anklage schuldig – aber wir haben kein Geld mehr.“

Keine Chance für König Simon

Seit Freitag haben in Baltmannsweiler die Narren das Sagen. Bürgermeister Simon Schmid wurde um Punkt 15.01 Uhr von den Kolba Hexa seines Amtes enthoben. Die Hexen stürmten mangels Fenster die Notfalltreppe hinauf, überwältigen den Ortschef und trugen ihn unter Getöse auf einer Liege aus dem Rathaus. Die Schaulustigen hatten wenig Mitleid mit dem entmachteten Bürgermeister. Vor dem Rathaus musste sich der Schultes den Anschuldigungen der Kolba Hexa stellen. Dabei kamen Themen aufs Trapet, die den Bürgern in Baltmannsweiler und Hohengehren unter den Nägeln brennen. Schmid konterte in seiner Königskluft und verlangte sogar ein Flugverbot über Baltmannsweiler – und das nicht nur für die Hexen. Doch alle Versprechungen, Aufgaben schneller abzuarbeiten, brachten Ex-König Simon nichts. Er wurde für die Dauer der Fasnet in Rente geschickt, und es blieb ihm nichts anderes übrig, als den goldenen Rathausschlüssel unter dem Jubel der Menge an die Kolba Hexa zu überreichen. Mit dem Narrenruf „Ratza Buz, lass raus die Wutz“ übernahmen die Narren das Ruder in der Schurwaldgemeinde. Die Sau Glogg Gugga aus Köngen sorgten für die Musik.

Schultes im rosafarbenen Kleidchen

Fasnetbegeisterte und Neugierige versammelten sich am dem schmotzigen Donnerstag vor dem Rathaus in Köngen, um die diesjährige Fasnetsaison einzuläuten. Der Narrensamen sprang schon aufgeregt vor dem Eingang des Rathauses herum und wartete auf Süßigkeiten. Um exakt 17.59 Uhr fiel dann endlich der Startschuss mit lautstarker Musik. Für gute Stimmung sorgten die 32 Köngener Guggenmusiker von „Sau-Glogg-Gugga“.

Schließlich stürmten Hexen über eine Leiter durch ein Fenster das Rathaus. Nach wenigen Minuten öffneten sich die Rathaustüren und die Hexen präsentierten Bürgermeister Otto Ruppaner. Der hatte sich als Magd mit schwarzen langen Haaren und einem rosafarbenen Kleidchen verkleidet und den Kindern natürlich die ersehnten Süßigkeiten mitgebracht. Der Rathaussturm, der zum 18. Mal stattfand, „hat eine lange Tradition und auch im Rathaus schmücken wir dafür ein bisschen“, sagte der Schultes. Der Vorplatz des Rathauses biete den richtigen Raum für die Fasnetssause. Der Nachwuchs ließ sich derweil ihre Süßigkeiten schmecken und schauten gebannt zu, wie der Narrenbaum aufgestellt wurde. Der bleibt traditionell bis Aschermittwoch stehen.

Narren fällen mildes Urteil

Die Berkheimer Hästräger der Waschweiber, Berk-Hexen, Flegga-Kaschber, Stoiriegel-Goischter und Erlenwölfe hatten wieder einen Kummerkasten aufgestellt. So konnten die Berkheimer den Narren ihre Sorgen kundtun, und der KaWoGoHeWa Oliver Ramsch trug diese beim Narrengericht dem Bürgerausschuss vor. „Zwölf Anklagen werden erhoben“, verkündet die Figur, die alle Berkheimer Narrenzünfte in einem Leib vereint. Die Anklagen drehen sich besonders um Verkehrsanliegen: Gerne hätten die Berkheimer überdachte Sitzbänke an den Bushaltestellen, zudem einen erhöhten Bordstein an der Haltestelle „Im Wiesengrund“. In Reimform fordert der KaWoGoHeWa zudem Bodenwellen in der Köngenerstraße, um das Tempolimit durchzusetzen. „Weil der Bürgerausschuss die Aufgaben des letzten Jahres aber so kreativ und überzeugend gelöst hat, fällt das Urteil milde aus“, so Ramsch. Der BA soll die Friedhofsbänke erneuern oder sich Bonbon werfend am Umzug in Berkheim beteiligen. Mitglieder des Ausschusses entschieden sich für beides.

Hexen übernehmen das Ruder

Fasnetspartymusik schallte aus den Lautsprechern vor dem Hochdorfer Rathaus, wo sich große und kleine Narren versammelt hatten, um das alljährliche Spektakel der Dalba Hexa mitzuverfolgen. Schnell war klar: Der Hochdorfer Schultes hat bis Aschermittwoch nichts mehr zu melden, stattdessen übernehmen während der Fasnet traditionell die Narren in der Gemeinde das Ruder.

Natürlich kam Rathauschef Gerhard Kuttler, der sich mit seiner gesamten Mannschaft kostümiert hatte, bei der Schlüsselübergabe nicht ganz ungeschoren davon. Oberhexe Uwe Dannecker nahm ihn, wie sich’s gehört, ins Gebet. Die erste Schelte gab’s für die etwas problematische Bürgermeister-Stellvertreterwahl nach den Gemeinderatswahlen. Trotz 50 Prozent neuem Blut im Gremium hätten zudem alte Diskussionen nach wie vor Bestand. Ganztagsschule laute hier das „Unwort, das wohl ewig geischtert durch den Ort“, klagte der Schultes sein Leid. So stehe zu allem Übel sogar der Bürgerentscheid auf der Kippe.

Der Hexe brannte dagegen ein ganz anderes Thema unter den Nägeln – der riesige Neubau im Breitwiesenareal, der gar die Halle gänzlich verdecke. Bei aller Krittelei fielen aber auch die positiven Ereignisse des vergangenen Jahres nicht gänzlich unter den Tisch. So etwa das Hexen-Jubiläum, das unter anderem mit einem großen und bestens besuchten Umzug ausgiebig gefeiert wurde.

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