Johannes M. Fischer liest in der Dieselstraße. Foto: Petra Weber-Obrock

In der Vor-Premiere des Buches „...und manchmal platzt der Kragen“ schafft es Johannes Maria Fischer problemlos, sein Publikum fast zwei Stunden lang zu faszinieren.

Esslingen - Auch 31 Jahre nach der Wiedervereinigung scheinen die ostdeutschen und die westdeutschen Bundesländer noch immer nicht zusammengefunden zu haben. Vielleicht braucht es den Blick von außen, um zu erklären, warum sich „Ossis“ und „Wessis“ oft wie Außerirdische von zwei weit entfernten Planeten gegenüberstehen. Der thüringische Ministerpräsident und Linken-Politiker Bodo Ramelow und sein Biograf, EZ-Chefredakteur Johannes Maria Fischer, sind Grenzgänger von West nach Ost, die mit beiden Perspektiven vertraut sind. Und so ist Fischers brandneue Ramelow-Biografie „. . . und manchmal platzt der Kragen“ weit mehr als das Porträt einer Person. Stattdessen wagt der Autor einen Parforceritt durch 50 Jahre deutsch-deutsche Geschichte, bei dem er auch unbequeme Themen anspricht.

Vor-Premiere mit druckfrischem Buch

Am Dienstagabend stellte Fischer sein Buch in einer Vor-Premiere im Außenbereich des Esslinger Kulturzentrums Dieselstraße einem Publikum vor, das sich begeistert mit auf die Reise in ein deutsch-deutsches Leben nehmen ließ. Organisiert und begleitet wurde die Lesung von der „Esslinger Initiative für Gemeinsinn“, die schon viele Jahre die „Politische Matinee“ in der Dieselstraße verantwortet. In einer kurzen Begrüßung durch Moderator Reinhold Riedel ließ Johannes Maria Fischer sein Publikum erst einmal an seiner Freude über die druckfrischen Bücher teilnehmen, die erst nachmittags von einem Kurier gebracht worden waren. „Das riecht noch so gut nach Druckerschwärze.“

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Fischers Enthusiasmus kommt nicht von ungefähr, hat der ehemalige Chefredakteur der „Thüringer Allgemeinen“ doch jahrelange akribische Recherchen für seine Arbeit verwendet. In zahllosen Interviews mit Ramelow persönlich, seinen Mitarbeitern, Freunden und Familienangehörigen kristallisierte sich dessen komplexe Persönlichkeit heraus. „Ramelow ist ein Mensch voller Ecken, Kanten und Widersprüche. Gottgläubig, bieder, ein bisschen Bohème, ein wenig Revoluzzer.“ Fischers Interesse an dieser Person spiegelt sich in jeder Zeile und endet auch dann nicht, wenn dem Politiker „der Kragen platzt“.

Kein leichter Weg in das politische Spitzenamt

Ramelow wurde die Laufbahn als Spitzenpolitiker nicht in die Wiege gelegt. Als Kind aus einfachen Verhältnissen lernte er zunächst den Beruf des Einzelhandelskaufmanns, bevor er sich in der Gewerkschaft HBV engagierte. In den Neunzigern vertrat er im Osten die Interessen der Kalibergleute in Bischofferode, die für den Fortbestand ihres Bergwerks in den Hungerstreik getreten waren. Das Buch ist in vier großen Kapiteln aufgebaut, die sich den Themen mit Unterkapiteln nähern und immer wieder den Schulterschluss mit der Geschichte suchen, die Fischer nicht als lineare Entwicklung, sondern als widerspruchsvollen Prozess sieht, in dem „Wimpernschläge“ und kleine Abzweigungen große Veränderungen bewirken können. Zudem ist es hochpolitisch.

Eine Reise durch die deutsche Geschichte

Ging es bei den Aktivitäten der Treuhand um Sanierung oder Abwicklung ostdeutscher Betriebe – oder wurden diese sogar „platt gemacht“, wie es im Osten Deutschlands häufig heißt? Wie weit war der Verfassungsschutz in die Aktivitäten des Nationalsozialistischen Untergrunds NSU verwickelt? Stand Ramelow auf der Mörderliste von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt? Und gleich eingangs die Geschichte eines großen Tabubruchs, detailliert und plastisch erzählt: Wie sich der FDP-Politiker Thomas Kemmerich 2020 mit den Stimmen der AfD zum Ministerpräsidenten von Thüringen wählen lässt und die damalige Landeschefin der Linken, Susanne Hennig-Wellsow, ihm einen Blumenstrauß vor die Füße wirft. Ramelow scheint dabei immer im Brennpunkt der politischen Ereignisse zu stehen.

Doch Fischers Buch als politische Analyse zu sehen, würde zu kurz greifen. Ramelows Leben voller Schicksalsschläge liest sich so spannend wie ein Krimi. In seiner Lesung jedenfalls schaffte es Johannes Maria Fischer problemlos, sein Publikum fast zwei Stunden lang zu faszinieren.

Johannes Maria Fischer: „. . . und manchmal platzt der Kragen“. Edition Überland, Leipzig. 336 Seiten, 26 Euro.

Das Buch

Johannes Maria Fischer. „…und manchmal platzt der Kragen.“ edition überland Verlagsgesellschaft mbH. 26,- €. ISBN 978-3-948049-14-0

Der Autor

Johannes Maria Fischer ist Chefredakteur der Eßlinger Zeitung. Geboren an der Mosel, siedelte er gleich nach der Wende nach Ostdeutschland über, um das Land kennen zu lernen. Er blieb dort mehr als 30 Jahre und lebte unter anderem in Erfurt, wo er als Chefredakteur der Thüringer Allgemeinen auch Bodo Ramelow kennen lernte. Er hat mehrere Journalisten-Preise gewonnen. Zudem wurde er mit seinem Brandenburger Team mit dem Preis für Zivilcourage gegen Rechtsradikalismus, Antisemitismus und Rassismus ausgezeichnet.

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