Sebastian Faiß, Katrin Graf-Faiß und ihre Kinder freuen sich, dass sie die Kelter nutzen können. Foto: Ait Atmane - Ait Atmane

Statt Traubensaft fließt in der Aichelberger Kelter bald Honig. Sebastian Faiß wird mit seiner Frau dort die Bio-und Erlebnis-Imkerei Goldblüte eröffnen.

AichwaldSeit der letzten Annahme von Trauben im Jahr 2015 ist es ruhig geworden in der Aichelberger Kelter. Doch das soll sich ändern: Kinder, Erwachsene und Bienen werden Leben in das Baudenkmal bringen, wenn Familie Faiß mit ihrer Erlebnisimkerei „Goldblüte“ einzieht. Statt Traubensaft fließt dann der Honig.

Seit dem 1. April sind Sebastian Faiß und Kathrin Graf-Faiß offizielle Pächter der Kelter. „Wir sind zuversichtlich, dass das cool wird“, sagt Sebastian Faiß. Er findet, dass „Goldblüte“ mit ihrem erlebnispädagogischen Ansatz bestens in diese historischen Mauern passt. Was vermutlich ziemlich einzigartig sei: „Dass man mit einer Erwerbsimkerei in so ein Gebäude zieht, das gibt es eigentlich nicht“, sagt er. Die Vorbereitungen waren nicht einfach, fast zwei Jahre vergingen mit Ortbegehungen und zahlreichen Gesprächen mit dem Bürgermeister, Vertretern des Bauamts und des Denkmalschutzes. Aber die Zusammenarbeit mit den Behörden sei ausgesprochen positiv gewesen, betont der Imkermeister, und auch der Gemeinderat habe das Projekt unterstützt. Aus seinen Reihen kam sogar jemand auf die Familie Faiß zu, als sie gerade erst vorsichtig mit dem Gedanken spielte, sich in der Kelter einzunisten.

„Das ist eine schöne Folgenutzung“, findet Ortsbaumeister Ansgar Voorwold. Nachdem die Gemeinde 2008 die Kelter für 300 000 Euro saniert hatte, sei es umso wichtiger, dass sie sinnvoll genutzt werde. Dafür seien Umbauten nötig, aber mit den Plänen der neuen Pächter gebe es keinerlei Denkmalschutz-Probleme, sagt der Ortsbaumeister, denn die Substanz des Gebäudes werde nicht angefasst: „Da entsteht sozusagen ein Haus im Haus“. Mittels Holz-Trennwänden will das Ehepaar Faiß verschiedene Bereiche schaffen: Abstellflächen für die Gerätschaften, ein Honiglager und einen Mitmach- und Erlebnisbereich, in dem Kinder zum Beispiel ihren eigenen Honig schleudern können. Die Grundstruktur bleibt ebenso erhalten wie das kleine Stüble im Anbau und die mächtige Balkenkonstruktion, die seit Jahrhunderten trägt.

Ob sie die gesamte Produktion in die Kelter verlegen werden, wissen Sebastian und Katrin Faiß noch nicht. Das wird sich entwickeln, sagen sie, so wie sich die gesamte Imkerei entwickelt hat. Eigentlich war die Sache mit den Bienen zunächst nur ein Hobby. Dann beschloss Sebastian Faiß, der bereits studierter Betriebswirt und Landwirt war, die Imkerausbildung zu machen und hängte den Meister noch hinten dran – jetzt bildet er selbst andere aus. Der Honig war immer ausverkauft, die Bienenvölker wurden immer mehr. Zwischen 80 und 140 sind es inzwischen, manche stehen auf der Schwäbischen Alb oder im Welzheimer Wald, andere auf dem Reichenbacher Rathausdach oder am Fuß des Fernsehturms. Bald werden weitaus mehr von ihnen in Aichelberg heimisch sein, denn das Ehepaar hat auch die Streuobstwiesen rund um die Kelter mitgepachtet und wird sie bei Kursen und Führungen einbeziehen.

Die ersten Führungen kamen zustande, nachdem eine Kita zu Besuch war und immer mehr Anfragen von Interessierten eingingen. Sie wurden so gut angenommen, dass Sebastian Faiß und seine Frau das Konzept der Mitmach-Imkerei für Kinder und Erwachsene entwickelten. Eine ganze Reihe von Veranstaltungen steht im Rahmen der Remstalgartenschau an, einige davon in der Aichelberger Kelter. Im Dorfleben ist die Familie fest verankert. Sebastian Faiß ist in Aichelberg groß geworden wie es jetzt seine Kinder Max und Lisa tun. Katrin Graf-Faiß kommt zwar aus Stuttgart, fühlt sich aber auf dem Schurwald zu Hause. So war es keine Frage, dass das Sommerfest des Musikvereins Aichelberg auf dem Kelterplatz mit ihnen als Pächter weiter stattfinden wird. „Wir wären die Ersten, die heulen, wenn es keinen Summerwine mehr gibt“, sagt die 38-Jährige.

Die nächste Zeit dürfte ziemlich turbulent werden, denn zum einen beginnt die Bienensaison, in der der Imker einmal die Woche nach jedem Volk schauen muss. „Wesensgemäße Bienenhaltung“ ist in der mittlerweile bio-zertifizierten Imkerei oberstes Gebot. Zum andern arbeiten beide Ehepartner Teilzeit in ihrem „Brotberuf“ und wollen quasi nebenbei in wenigen Wochen den Umbau stemmen – und das größtenteils in Eigenarbeit. Hilfe bekommen sie von einem befreundeten Schreiner und anderen Fachleuten im Familien- und Freundeskreis. Und indirekt auch von den Bienen, denn von denen haben sie gelernt, sich nicht in Hektik versetzen zu lassen. Sonst stechen sie nämlich.

Jahrhunderte im Gebälk

Das genaue Baujahr der Aichelberger Kelter ist nicht bekannt. In Aichelberg heißt es, sie sei nach der Feldkirche das ältestes Gebäude in Aichwald. „Wir gehen davon aus, dass sie Ende des 18. Jahrhunderts erbaut wurde“, sagt Ortbaumeister Ansgar Voorwold. Bei rund 250 Quadratmetern Grundfläche ist die Kelter elf Meter hoch, eine beeindruckende Balkenkonstruktion trägt das Dach. Auch heute noch liegt das Gebäude etwas abgerückt vom Ortsrand, von seinem Vorplatz aus hat man eine herrliche Sicht auf die Ausläufer des Schurwalds und das Remstal. Die Aichelberger Weingärtner haben dort über Jahrhunderte hinweg ihre Trauben gekeltert, jetzt geben sie sie in Endersbach ab.

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