Verbände raten davon ab, das Arbeiten in Teilzeit für Lehrkräfte zu beschränken oder zu verbieten (Symbolfoto). Foto: Patrick Pleul/dpa

Was tun gegen den Lehrkräftemangel? Ein Vorschlag war, die Möglichkeiten für Teilzeitarbeit zu begrenzen. Bildungsgewerkschaften und Verbände halten das für kontraproduktiv.

Berlin - Trotz des grassierenden Lehrkräftemangels in Deutschland raten Verbände und Bildungsgewerkschaften davon ab, Teilzeit-Möglichkeiten für Lehrerinnen und Lehrer einzuschränken. Sie befürchten, dass Nachteile besonders für Frauen entstehen und das Gegenteil von dem erreicht wird, was gewollt ist: Mehr Menschen für den Lehrerberuf zu gewinnen.

"Eine Politik, die diesen Weg zu gehen versucht, verschlimmert die Lage", sagte die Vorsitzende des Deutschen Philologenverbands, Susanne Lin-Klitzing, den Zeitungen der Mediengruppe Bayern (Donnerstag). Mit weniger Teilzeitmöglichkeiten würden zwar kurzfristig Mehrkapazitäten geschaffen, aber der Beruf würde ausgerechnet für diejenigen unattraktiver, die ihn derzeit noch am meisten wählten: junge Frauen, ergänzte der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger.

Die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Maike Finnern, sagte der Deutschen Presse-Agentur: "Umgekehrt wird ein Schuh draus: Die Arbeitsbedingungen müssen deutlich verbessert werden, um wieder mehr Menschen für den eigentlich wunderbaren Beruf als Lehrkraft zu gewinnen und diejenigen, die jetzt in den Schulen arbeiten, zu zufriedenen Beschäftigten zu machen." Ähnlich äußerte sich auch der Vorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), Gerhard Brand.

Was war der Vorschlag?

Die Ständige Wissenschaftliche Kommission (SWK), ein Beratergremium der Kultusministerkonferenz, hatte im Januar angesichts des Lehrkräftemangels vorgeschlagen, die Möglichkeiten für Teilzeitarbeit zu begrenzen. "Hier liegt die größte Beschäftigungsreserve", hatte das Gremium in einer Stellungnahme festgestellt und konkret angeregt, eine Reduzierung der Arbeitszeit auf unter 50 Prozent nur "bei Vorliegen eng gefasster Gründe" zu gewähren, zum Beispiel wegen der Betreuung kleiner Kinder.

Der Expertenkommission zufolge liegt die Teilzeitquote im Lehramt mit rund 47 Prozent deutlich über der bei Erwerbstätigen insgesamt (29 Prozent). "Familiäre, gesundheitliche und organisatorische" Gründe spielen demnach eine Rolle, etwa wenn Beschäftigte in der Familiengründungsphase sind, aber auch "die Beanspruchung im Unterricht".

VBE-Chef Brand bestätigte das: "Immer mehr Lehrkräfte arbeiten in Teilzeit oder können sich das vorstellen, weil die Belastung bei einer Vollzeitstelle zu hoch ist. Vollzeit arbeiten bedeuten nicht selten 50 Wochenarbeitsstunden, die auf Dauer nicht leistbar sind - zumal ohne Perspektive, dass es wieder anders wird."

An den allgemeinbildenden Schulen - also ohne die Berufsschulen - war die Teilzeitquote im Schuljahr 2021/2022 auf den höchsten Wert der vergangenen zehn Jahre geklettert: Knapp 41 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer arbeiteten nicht Vollzeit, wie das Statistische Bundesamt Mitte Februar mitgeteilt hatte. Bei Lehrerinnen lag die Quote mit 48,2 Prozent mehr als doppelt so hoch wie bei Lehrern (20,1 Prozent).

Insgesamt unterrichten an allgemeinbildenden und beruflichen Schulen in Deutschland mehr als 800.000 Lehrkräfte. Auf absehbare Zeit kommen nach Prognosen von Wissenschaftlern und der Kultusministerkonferenz aber deutlich weniger ausgebildete Lehrkräfte nach, als angesichts der Entwicklung der Schülerzahlen und der Abgänge von Lehrern in den Ruhestand gebraucht werden. Mehr als 12.000 Stellen sind nach Angaben aus den Ländern bereits jetzt unbesetzt.

Was sagen Prognosen zum Lehrkräftemangel?

Die SWK hatte in ihrem Gutachten die düstere Vorhersage gemacht, dass das Personalproblem "aller Voraussicht nach in den kommenden 20 Jahren bestehen bleiben" werde und gemahnt: Allen Akteuren im Schulsystem müsse klar sein, dass die Gesellschaft vor einer historischen Herausforderung stehe, die größte Anstrengungen erfordere. Vorgeschlagen hatten die Experten deshalb auch die Prüfung eines höheren Unterrichtspensums für Lehrkräfte und gegebenenfalls größere Klassen und Hybrid-Unterricht in oberen Gymnasialklassen. Die Gewerkschaften hatten die Vorschläge umgehend kritisiert.

Ganz einer Diskussion über weniger Teilzeit verschließen will sich Lehrerverbandspräsident Meidinger allerdings nicht. Man könne grundsätzlich eine Debatte darüber führen, ob über familienbedingte Teilzeit hinausgehende Möglichkeiten moderat eingeschränkt werden sollten, sagte er. Es sollten aber nicht von heute auf morgen Änderungen in Kraft gesetzt werden, weil dies tief in die Lebensplanung vieler Menschen eingreife.