Die Hochdorfer Regio-Rad-Station im Breitwiesenareal ist wieder voll besetzt mit Rädern. Ausgeliehen werden sie nur selten. Foto: /Katja Eisenhardt

Mit großen Erwartungen war Regio-Rad als Ergänzung zu Bus und Bahn gestartet. Jetzt steigen immer mehr Städte und Gemeinden vorzeitig aus. Jüngstes Beispiel: Hochdorf im Kreis Esslingen. Der Betreiber steht in der Kritik. Aber das ist nicht der Hauptgrund.

Immer mehr Städte und Gemeinden in der Region kehren dem Bikesharing-Anbieter Regio-Rad den Rücken. Jetzt will auch Hochdorf einen Schlussstrich unter die Zusammenarbeit ziehen – nach weniger als zwei Jahren. Der Vertrag mit dem Anbieter, der in der Kommune seit Ende 2021 zwei Verleihstationen betreibt, soll auf Ende Oktober vorzeitig gekündigt werden. Die Unzufriedenheit mit dem Angebot, aber auch die Enttäuschung über die geringe Nachfrage sind mit Händen zu greifen.

Über Monate waren zu wenige Räder verfügbar

In Hochdorf wie auch andernorts war Regio-Rad einst mit großen Erwartungen gestartet. Das Angebot ist als Ergänzung des öffentlichen Nahverkehrs konzipiert und soll ein Baustein der Mobilitätswende in der Region sein. Von Mai bis August 2022 gab es im gesamten Netz jedoch massive Probleme mit der Verfügbarkeit der Räder. An den beiden Standorten in Hochdorf – im Breitwiesenareal und im Gewerbegebiet – sollen vereinbarungsgemäß eigentlich je ein Fahrrad sowie vier Pedelecs mit elektrischer Tretunterstützung stationiert sein. Stattdessen waren über Monate oftmals nur ein, zwei Räder verfügbar. Als Ursache nennt Regio-Rad Vandalismus sowie Verzögerungen bei der Reparatur durch Lieferprobleme und krankheitsbedingte Personalausfälle.

Seit vergangenem August sind die blauen Räder zwar wieder an Ort und Stelle, ausgeliehen wurden sie seitdem jedoch nur selten. Nur 22 Hochdorfer nahmen das Angebot 2022 in Anspruch. Auch Pendler schwangen sich laut einer aktuellen Auswertung nur gelegentlich in den Sattel der Hochdorfer Leihräder. Im zentral gelegenen Breitwiesenareal wurden im vergangenen Jahr 39 Ausleihen und 37 Rückgaben registriert, an der Station im Gewerbegebiet sogar nur sieben Ausleihen und vier Rückgaben.

In Freiberg hat sich ein neuer Betreiber gefunden

Der Hochdorfer Gemeinderat steht mit seinem Beschluss, vorzeitig aus dem eigentlich bis Ende 2026 laufenden Vertrag auszusteigen, indes nicht alleine da. Zuvor hatten bereits Schorndorf, Winterbach und Backnang (Rems-Murr-Kreis) sowie Marbach (Kreis Ludwigsburg) und Renningen (Kreis Böblingen) das Ende ihres Engagement angekündigt. Bereits zum Ende des vergangenen Jahres wurden zudem vier Stationen in Wolfschlugen, Freiberg (Kreis Ludwigsburg), Weinstadt (Rems-Murr-Kreis) und eines Partners in Stuttgart abgebaut. Die Station am Bahnhof Freiberg wird seit Anfang dieses Jahres von der S-Bahn Stuttgart finanziert.

Die Hochdorfer Räte zogen nun die Reißleine, weil sie die jährlich anfallenden Kosten von 8000 Euro angesichts der spärlichen Nachfrage als nicht verhältnismäßig ansahen. Aber auch die Unzufriedenheit mit dem Anbieter spielte wohl eine Rolle.

Dass die Bahn-Tochter DB Connect, die hinter Regio-Rad steht, trotz der nicht im vereinbarten Umfang erbrachten Leistung im vergangenen Jahr der Gemeinde nur 20 Prozent der Kosten erließ, war in den Augen der Kommunalpolitiker unangemessen. Als zu kompliziert wurde zudem die Handhabe des Leihsystems kritisiert. Teils funktionierten die Räder auch nicht reibungslos und die Anbindung an den Nachbarort Reichenbach, der selbst über keine Station verfügt, sei mangelhaft.

Das Netz wird ausgedünnt

Ralf Maier-Geißer, der Leiter des Referats Strategische Planung und Nachhaltige Mobilität bei der Stadt Stuttgart und Gesamtkoordinator von Regio-Rad Stuttgart, bedauert indes die Entscheidung der Aussteiger und hält sie für übereilt. Zumal diese wieder zu weißen Flecken im derzeit noch engmaschigen Regio-Rad-Netz führe. „Natürlich ist ein flächendeckendes Angebot immer besser, zumal die Nutzer die Räder überall in den teilnehmenden Städten und Gemeinden leihen und zurückgeben können. Mit dem Ausstieg fehlen dann wieder ein paar Trittsteine des Mosaiks“, so Maier-Geißer. Das Angebot sei interkommunal ursprünglich mit einer Vertragslaufzeit bis Ende 2026 gestartet.

Allerdings habe das System im vergangenen Jahr gekrankt, räumt der Koordinator ein. Das lasse sich nicht abstreiten. „Zu den genannten Ursachen kam durch die anhaltende Coronapandemie mit Homeoffice und Homeschooling ein ohnehin verändertes Mobilitätsverhalten.“ Das vergangene Jahr sei deshalb nicht repräsentativ. Mittlerweile sei das Verleihsystem dank zahlreicher Verbesserungen seitens des Betreibers jedoch auf einem guten Weg und die Stationen wieder verlässlich mit Rädern besetzt.

Gibt es 2026 einen Betreiberwechsel?

Mit Vandalismus habe man auch in Stuttgart zu kämpfen gehabt, mehr noch als in den ländlichen Gebieten, berichtet Maier-Geißer. Die Landeshauptstadt, die ebenfalls eine Kündigungsoption zum 30. April hat, will diese anders als Hochdorf gleichwohl nicht ziehen. Das hätten die Stuttgarter Stadträte jüngst entschieden. „Es wurde diskutiert, aber einstimmig beschlossen weiterzumachen.“ Erst 2025 solle Bilanz über das Mobilitätskonzept gezogen werden, kündigt Maier-Geißer an. Im Anschluss gebe es wohl eine neue Ausschreibung, ob es dann mit der DB Connect als Betreiber weitergeht, müsse sich zeigen. In Hochdorf werden die Stationen indes schon ab November abgebaut. Im Frühjahr und Sommer können die Räder noch genutzt werden.

255 Stationen in der Region

Netz
Nach dem Stand vom Februar sind neben der Landeshauptstadt Stuttgart 49 weitere Städte und Gemeinden der Region an Regio-Rad beteiligt. Das sind laut Ralf Maier-Geißer insgesamt 255 Stationen, 119 davon in der Stadt Stuttgart. Im Laufe des ersten Halbjahrs 2023 ist der Aufbau von rund 40 weiteren Stationen in der Region vorgesehen, wovon voraussichtlich neun Stationen in Stuttgart hinzukommen.

Kosten
Die Stadt Stuttgart bezahlt für ihre derzeit 119 Stationen jährlich über 900 000 Euro. Die Gemeinde Hochdorf kostet die Bereitstellung der Räder jährlich nach Abzug der Förderung durch den Verband Region Stuttgart noch rund 8000 Euro.