Marian Schreier Foto: LG/Julian Rettig - LG/Julian Rettig

Der 29-jährige Bewerber mit SPD-Parteibuch hat sich Schweizer Kampagnen-Experten ins Boot geholt. Finanzieren will Schreier seinen Wahlkampf aus Eigenmitteln, Spenden und durch eine Crowdfunding-Kampagne.

StuttgartDie Kernbotschaft, die von Marian Schreiers Wahlkampfauftakt ausgehen soll, ist am Samstag schnell klar: Hier will einer alles anders machen. Andere Ansprache, andere Formen der Beteiligung, andere Finanzierungswege. Eben alles anders, als es etablierte Parteien üblicherweise anstellen, um einen OB-Sessel zu erobern. Und statt halber Butterbrezeln gibt es an diesem Tag in der schicken Eventlocation in der Eberhardstraße für die etwa 250 interessierten Bürger, die den Jungpolitiker zum ersten Mal erleben wollen, Maultaschen am Stiel. Der 29-jährige Tengener Bürgermeister, der im November ohne Unterstützung seiner Partei, der SPD, Stuttgarter OB werden möchte, macht also Ernst. Mit der Agentur Rod Kommunikation plant er eine „überparteiliche Kampagne“, die stark auf plattformbasierte Bürgerbeteiligung setzt. Die Schweizer Experten um David Schärer sind bislang unter anderem spezialisiert auf Kampagnen bei Volksabstimmungen und halfen zuletzt, die Abschaffung der Radio- und Fernsehgebühren in der Schweiz zu verhindern.

Kleinstbeträge im Visier

Finanzieren will Schreier seinen Wahlkampf aus Eigenmitteln, Spenden und vor allem durch eine Crowdfunding-Kampagne. „Wir werden den Leuten zeigen, dass man auch mit Kleinstbeträgen etwas bewirken kann“, sagt Schreier. Er hofft, mindestens 250 000 Euro einzusammeln. Neue Wege will der Rathauschef der 4500-Einwohner-Stadt Tengen auch bei der Organisation seines Wahlkampfs beschreiten: Neben Freunden, Wegbegleitern, der Agentur Rod sowie über die Beteiligungsplattform „nationbuilder“ angeworbenen aktiven Unterstützern soll ein „Sounding Board“ das fachliche Know-how liefern. Schreier versteht sich nicht nur als „politisches Start-up“, er organisiert seinen Wahlkampf auch so, inklusive Vokabular aus dem modernen Projektmanagement. Ein „Sounding Board“ ist ein Fachbeirat, der bei Sachfragen die nötige Expertise zusteuert. Das alles, inklusive des eloquenten Auftritts, erinnert nicht zufällig an die Wahlkampfmethoden Emmanuel Macrons – auch der Franzose hat seine Unterstützer und damit letztlich seine Wähler zu einem Gutteil über digitale Plattformen mobilisiert. „Wir stehen im Auge des Sturms großer Veränderungen“, sagt Schreier, als er auf inhaltliche Aspekte zu sprechen kommt. Um der Wohnungsnot Herr zu werden, regt er eine „Stiftung Wohnen“ an, die systematisch Grundstücke und Gebäude aufkaufen soll, um sie der Spekulation zu entziehen. „Das macht Zürich schon seit 25 Jahren.“

„Ideenlabor“ geplant

Um innovative Lösungen und Konzepte für die Stadt zu entwickeln, will er ein „Ideenlabor“ installieren. Ein „Hub“ innerhalb der Verwaltung, ein Innovationsnetzwerk, soll für die gesamte Fachverwaltung der Stadt als eine Art Dienstleister etabliert werden. „Die bisherigen Mechanismen in der Verwaltung“, sagt er, „können mit der rasanten Entwicklung nicht Schritt halten.“ Doch ein fertiges Programm, sagt der Verwaltungs- und Politikwissenschaftler, habe er noch nicht. Auch das soll unter Beteiligung möglichst vieler entwickelt werden. Wer das kritisiere, würde jenem „konventionellen Denken, das verantwortlich ist für den bisherigen Stillstand“, folgen. Unter den Zuhörern sind viele Ältere – obwohl die Kampagne vor allem junge Wähler zwischen 16 und 35 Jahren in den Fokus nimmt.

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