Geschichten aus dem Esslinger Rotlichtmilieu in der Stadtkirche: Die Ausstellung gibt Frauen in der Prostitution eine Stimme. Foto: Roberto Bulgrin

Gewalt, Scham, Einsamkeit – doch nicht alles ist negativ. Prostituierte aus dem Kreis Esslingen erzählen von Beweggründen und Sehnsüchten. Warum sind viele gegen ein Sexkaufverbot?

Ein Mosaik aus Schmerz, Verlust, Zweifel und Entscheidungen – so beschreibt eine Frau ihr Leben in der Prostitution im Kreis Esslingen. Ihre Erfahrungen packt sie in Lyrik: „Die Haut vergisst nichts. Sie merkt sich jede Rolle, jede Verwechslung mit Liebe.“ Zu hören sind diese Worte derzeit in der Esslinger Stadtkirche. Eine Ausstellung dort beleuchtet die vielen Schattenseiten des Rotlichtmilieus. Sie richtet den Blick aber auch auf die Frauen, die darin leben. Es sind zehn Geschichten voll Gewalt, finanzieller Notlagen, aber auch der Faszination und der Sehnsüchte nach Sicherheit und echter Liebe. Was sie zeigen: Das Leben von Prostituierten auch im Kreis Esslingen ist sehr prekär. Dennoch fordern weder die Frauen selbst, noch die Ausstellungsmacherinnen von der Beratungsstelle Rahab ein Sexkaufverbot.

Aktuelle Zahlen zur Prostitution im Kreis Esslingen gibt es nicht. Zuletzt wurden für 2023 Daten veröffentlicht, damals waren 118 Prostituierte offiziell gemeldet und es gab acht Bordelle. Doch Expertinnen gehen von einer großen Dunkelziffer aus. Zwar ist Prostitution in Deutschland grundsätzlich legal – doch Ausbeutung, Gewalt, Menschenhandel und organisierte Kriminalität sind im Milieu gang und gäbe. Die Geschichten aus dem Kreis Esslingen zeigen: Viele Frauen sind in finanziellen Notlagen in der Prostitution gelandet, manche auch unter Androhung von Gewalt zum Sexverkauf gezwungen worden. Aber nicht alle. Eine Frau sagt, dass sie schon als Kind hübsche und stilvolle Prostituierte bewundert und sich selbst zum Einstieg entschieden habe.

Sexarbeiterin im Kreis Esslingen: „Meinen Körper hat die Prostitution gestohlen“

Neele Petikis, Silvia Vintila, Kreisdiakoniechefin Tanja Herbrik, Daniela Helfrich und Claudia Brendel (von links) bei der Vernissage zur Ausstellung in der Esslinger Stadtkirche. Foto: Roberto Bulgrin

Doch auch diese Frau schildert Probleme wie finanzielle Not und Gewalt. Andere psychische und physische Beschwerden durch den Beruf. „Ich fühlte mich, als hätte ich meine Seele in Rumänien zurückgelassen. Meinen Körper hat die Prostitution gestohlen“, erzählt eine Frau, die in Deutschland gearbeitet hat, um für sich und ihren Sohn in der Heimat den Lebensunterhalt zu sichern.

Dennoch erhebt die Ausstellung keine politische Forderung. „Uns geht es darum, die Situation von Menschen in der Prostitution darzustellen“, sagt Claudia Brendel, bei der Kreisdiakonie unter anderem Leiterin des Projektes Rahab, das Menschen in der Prostitution berät. Ihr Team hat in Zusammenarbeit mit der Künstlerin Daniela Helfrich die Ausstellung konzipiert. Die Prostituierten sind auf Bildern zu sehen, über einen QR-Code kommen die Besucherinnen und Besucher jeweils die passende Geschichte der dargestellten Frau zu hören. Dennoch sind die Protagonistinnen nicht zu erkennen – Helfrich hat sie in ihren Gemälden entfremdet und Mitarbeitende der Kreisdiakonie haben die Lebensgeschichten eingesprochen.

Beraterin für Prostitutierte: „Wir sehen, dass sich in der Gesellschaft etwas ändern muss“

„Wir sehen, dass sich in der Gesellschaft etwas ändern muss“, sagt Rahab-Beraterin Neele Petikis. „Aber wir stellen uns auf keine Seite.“ Auch nicht auf die der Befürworter des sogenannten nordischen Modells. Dieses sieht vor allem ein Sexkaufverbot und eine Bestrafung der Kunden vor – und keine Kriminalisierung der Prostituierten selbst. Doch die Einführung solcher Regelungen in Deutschland würde für jene, die aktuell in der Prostitution arbeiten, auch Risiken bedeuten. Sie bräuchten Hilfe, um von einem Job, in dem sie keine Ausbildung benötigen und meist ein Dach über dem Kopf haben, wegzukommen. Das gehe nicht von heute auf morgen, erläutern die Rahab-Expertinnen.

Die wenigsten Prostituierten zeigen Gewalt und Menschenhandel an

In der Beratung drängen sie niemanden in eine Richtung. Die wenigsten Frauen zeigten beispielsweise gewalttätige Freier oder Menschenhandel an – und auch dem Rahab-Team erzählen sie meist nicht alles. Vielmehr gehe es oft um Fragen wie behördliche Antragstellungen oder Zugang zu medizinischer Versorgung. „Wir sind einfach da für die Frauen, wenn sie uns brauchen – egal was passiert und wie sie sich entscheiden“, sagt Rahab-Beraterin Silvia Vintila. Oft bekomme sie von ihren Klientinnen zu hören, das sie die einzige sei, die nichts von ihnen wolle.

Was sich ändern müsse? Es dürfe nicht normal sein, in ein Bordell zu gehen, sagt Claudia Brendel. Und es dürfe für Menschen keine Option sein, in die Prostitution zu gehen, ergänzt Neele Petikis.

Prostitution und Aufklärung

Ausstellung
Bis 27. Februar werden im Turmzimmer und der Sachskapelle in der Evangelischen Stadtkirche St. Dionys in Esslingen jeweils von 9 bis 18 Uhr die Bilder der Künstlerin Daniela Helfrich unter dem Titel „Echt entfremdet“ gezeigt.

Kreis Esslingen
Wie viele Menschen im Landkreis in der Prostitution arbeiten, ist nicht bekannt. Die Rahab-Expertinnen gehen von einer hohen Dunkelziffer aus – zumal saisonal, etwa zu großen Messen oder dem Cannstatter Volksfest, mehr Frauen in den Bordellen sind als sonst. Hotspots sind Leinfelden-Echterdingen mit großen Betrieben wie dem „Luxor“ und einem Laufhaus, das bald wiedereröffnen soll. Außerdem Nürtingen mit vier Bordellen sowie Esslingen mit dem Eroscenter. Mindestens vier Freier am Tag brauche man, um die laufenden Kosten – beispielsweise die Zimmermiete – decken zu können, schildert eine der Prostituierten in der Ausstellung.