Sara Eisenburger bangt um Freunde aus Russland und aus der Ukraine. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Der Krieg gegen die Ukraine weckt bei alten Menschen böse Erinnerungen an die eigenen Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg. Die Unruhe in Pflegeheimen ist deshalb gestiegen, wie ein Besuch in St. Ulrich, einem Stuttgarter Heim der Caritas, zeigt.

Die Bilder im Fernsehen zeigen die Realität unerbittlich. Zerbombte ukrainische Städte. Menschen, die mit bloßen Händen ihre durch Druckwellen zerstörte Wohnung wieder bewohnbar machen. Frauen, die um ihre Söhne bangen. Flüchtlinge, die in Nachbarstaaten vor dem Nichts stehen. Diese Bilder wecken den Zorn gegen den russischen Präsidenten Putin, der den Angriff auf die Ukraine zu verantworten hat. Und sie rufen bei vielen älteren Menschen die bösen Bilder von damals wach, aus dem Zweiten Weltkrieg, von Flucht und Vertreibung von Millionen Menschen nach 1945.

Das Trauma sitzt tief

Im Haus St. Ulrich, einem Altenheim des Caritasverbands Stuttgart, sind am Nachmittag einige Bewohner im Wintergarten zusammengekommen. Unter ihnen Sara Eisenburger. Im vergangenen Jahr ist sie 100 Jahre alt geworden. Sie hört sehr schlecht, ihre Hüfte schmerzt, aber am meisten leidet sie unter dem Krieg in der Ukraine. „Ich habe dort und in Russland sehr viele liebe Bekannte“, sagt sie, ich bedaure sehr, was sie jetzt erleben müssen.“ Sara Eisenburger hat als junge Frau in einem Dorf in Siebenbürgen (Rumänien) gelebt. „Dort hat man die jungen Deutschen zusammengesammelt und nach Russland gebracht, zum Arbeiten“, erzählt sie. Fünf Jahre lang habe sie dort geschuftet, mal auf dem Feld, mal in einer Putzkolonne, mal in einer Ziegelfabrik. „Aber man hat mich immer gut behandelt. Ein Paar war zu mir wie Mutter und Vater. Was wird nur aus den Leuten dort?“, fragt Sara Eisenburger verzweifelt.

Das Thema treibt allen in der Runde Tränen in die Augen. Horst Jobst ist 80 Jahre alt und als Kind mit Mutter und Großmutter aus Prag vertrieben worden. „Erst nach acht Jahren ist mein Vater aus der russischen Gefangenschaft wieder heimgekommen“, erzählt er. „In keiner guten Verfassung, er war wohl malariakrank.“ Jobst kennt die Not der Nachkriegsjahre, hat im Abendgymnasium aber schließlich sein Abi gemacht und im Pharmazeutischen Dienst gearbeitet. Er weiß, was es heißt, wenn ein Lebenswerk zerschlagen wird und in der Fremde neu aufgebaut werden muss. „Es ist verantwortungs- und gewissenlos, was Putin da macht“, sagt er.

Nachrichten verstärken die Trauer

Maria Sonnberger (83) erzählt: mit sechs Jahren seien sie und ihre Familie „im Viehwagen aus der Tschechoslowakei abtransportiert worden. Nach Ellwangen ins Auffanglager“. Ihren Onkel hätte die Miliz direkt vom Feld geholt, „der durfte nicht mal was einpacken“, sagt sie. Eine Pflegerin ergänzt: „Wenn Frau Sonnberger die Nachrichten sieht, erzählt sie uns, dass ihr Bruder mit 18 Jahren im Krieg gefallen ist.“

Der 81-jährige Ewald Rückerl betont, er habe „vom Krieg fast nix mitgekriegt“; außer, dass man seine Familie aufs Land verschickt habe. Aber je mehr er versucht, zu analysieren, was den Krieg in der Ukraine ausgelöst hat und welchen Nachrichten man noch glauben kann, desto mehr überkommt auch ihn die Rührung.

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Schuldzuweisungen an Landsleute gibt es im Haus St. Ulrich nicht. „Viele unserer Mitarbeiterinnen stammen aus den ehemaligen Balkanstaaten oder sind aus Syrien. Die belastet der Krieg alle sehr“, sagt Heimleiter Michael Kaesmacher. Und so teilen alle die Last schrecklicher Kriegserlebnisse. Eine Altenpflegerin mit russischen Wurzeln sagt: „Es macht mich sehr traurig, was gerade passiert.“ Ihren Namen will sie nicht nennen. Ihre Nachbarn würden sie seit Kriegsbeginn nicht mehr grüßen, selbst eine Freundschaft sei an diesem Krieg zerbrochen: „Plötzlich hieß es, ich solle nicht mehr zurückschreiben“, erzählt sie den betretenen Zuhörern. In St. Ulrich aber sei das ganz anders: „Das ganze Pflegeteam unterstützt mich.“

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Viktoria Hocharuk ist mit 25 Jahren eine der jüngsten im Pflegeteam von St. Ulrich. Viktoria stammt aus der Ukraine, spricht ukrainisch, russisch und nach nur vier Jahren in Deutschland perfekt deutsch. Bei aller Trauer über das Schicksal ihrer Landsleute und ihrer Familie – Mutter und Schwester sind aus Kiew zu ihr nach Deutschland geflohen – das Verhältnis zu ihrer Kollegin aus Russland bleibt ein enges.

Abwechslung ist erwünscht

„Zurzeit weinen die Leute sehr oft“, sagt Christine Galwa, und auch sie ist nah am Wasser gebaut. Sie stammt aus Polen und hat ihre Wohnung dort Flüchtlingen zur Verfügung gestellt. Auch sie braucht Beistand. Die Seelsorgerin bietet Gesprächsrunden und Freiluftgottesdienste an. Und alles, was ein bisschen Abwechslung verschaffe, sei ausdrücklich erwünscht, sagt Heimleiter Kaesmacher. „Das Team kann Vorschläge machen wie zum Beispiel mehrere Kino-Tage pro Woche oder dass man mal Pizza bestellt, das Budget gibt das her.“ Der dringlichste Wunsch der Gesprächsrunde im Wintergarten liegt nicht in seiner Hand: „Dass Frieden einkehrt und alle gesund bleiben.“