Die Einbahnstraßenregelung der „Schwimmer-Autobahn“ sorgt dafür, dass sich niemand in die Quere kommt, wie hier im Höhenfreibad Killesberg. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Das Festival „Stuttgart am Meer“ kommt bei den ersten Besuchern gut an. Glücklich dürften zudem vor allem jene gewesen sein, die am Wochenende ins Freibad konnten. Im Höhenfreibad Killesberg ging es drinnen entspannt zu.

Stuttgart - Als in der Gluthitze der Mittagszeit die ersten Gewitterwolken über den Kessel drängen, flattern die maisgelben Sonnenschirme lustig in der willkommenen Brise. Es ist das passende Bild zur Stimmung, in der sich beim Festival „Stuttgart am Meer“ der erste Schichtwechsel abspielt. Eine zunehmend belebte Szenerie am Stadtpalais, wenn sich die zitronengelben „Dünen“ der Installation Stück für Stück füllen. Serielle Inseln fürs solitäre Sonnenbad, fürs Tête-à-tête mit kühlen Drinks, die Füße im Mini-Pool unterm Tischchen. Auch fürs Familien-Picknick taugt die Düne, Grillage inklusive. Und weil an der Basis ein schmaler Sandkasten integriert ist, ist zum Beispiel auch Aurelia (7) beschäftigt: „Ich habe einen See gebaut“, erzählt sie.

„Stuttgart am Meer“: die Trockenübung als Illusion. Wie Urlaub fühle sich das durchaus an, sagt ein Gast, und „mit geschlossenen Augen und ein bisschen Fantasie“ lasse sich das an- und abschwellende Rauschen vom nahen Verkehrsknoten her „im Kopf sogar in Meeresrauschen verwandeln“. Auch die Besucherin Nicole meint: „Eine schöne Sache. Hier kam man’s aushalten!“

Weitere Termine hat das Ehepaar schon gebucht

Sowieso habe Stuttgart „so viel zu bieten“, findet Franziska, ganz bewusst fahre sie dieses Jahr nicht weg. „Das Konzept ist gut“, sagt sie über „Stuttgart am Meer“. Es wird nicht gesagt, was man wegen Corona nicht machen kann, sondern was möglich ist.“ Im übrigen sehe man hier, „wie man mit der Thematik verantwortungsvoll umgehen kann“. Das sei sonst anstrengend genug, findet ihr Schwester, sie sauge hier Urlaubsfeeling ein: „Das kreative Moment tut auch der Psyche gut. Man kann entspannen und sich was Gutes gönnen.“ Dafür haben sie nicht nur eine Düne geordert, sondern auch das vegetarische Grillpaket: „Der Sommer wird schön. Ich liebe diese Stadt,“ bekennt Franziska.

Einfach mal die Füße ausstrecken wollten Claudia und ihr Mann, bei einem Kaffee und einem Bierchen: „Wegen Corona geht uns soviel ab! Kein Theater, keine Oper, keine Konzerte. Da ist jede Abwechslung, jede Anregung willkommen“, sagen sie. Klar hätten sie bereits weitere Termine gebucht.

Sommerfeeling herrscht auch sonst rund ums Palais. Auf der Schmetterlingswiese tanzen die Weißlinge von Restblüte zu Restblüte, die Tische auf der von Schilf und Bambus gesäumten Terrasse sind besetzt. Wer es zwischendurch gerne mal ganz kühl hat, der hat die Ausstellungen im Palais übrigens fast für sich alleine.

Um 15.30 Uhr beginnt die Nachmittagsschicht am Wochenende

Eine lange Schlange dagegen am Eingang zum Höhenfreibad Killesberg. Um 15.30 Uhr beginnt am Wochenende die Nachmittagsschicht. In der Pause wurde geputzt, einschlägige Stellen sind nun desinfiziert, inklusiv der Gitterstäbe am Eingangstor. Das findet Tobias, 28, ein bisschen übertrieben. Gleichwohl freut er sich: „Im Lockdown hatte ich nicht geglaubt, dass ich bald aus dem Homeoffice rauskomme und wir noch einen einigermaßen normalen Sommer mit Freibad erleben werden“, sagt der IT-ler aus Stuttgart-West. Wie am Schnürchen läuft dann der Zugang. Mit Abstand werden die Buchungen gescannt. Nach 20 Minuten sind die meisten am Ziel. 700 Badegäste dürfen zeitgleich rein.

Corinna und Petra, beide 13, vorneweg, dicht gefolgt von Benjamin (10) und Jonathan (7) stürmen regelrecht hinein. Magisch zieht es sie ins kühle Nass. Derweil verteilen sich die Badegäste auf der Liegewiese, die sonst auch mal das Zehnfache an Menschen fasst. Für einen 52-Jährigen aus Feuerbach ist das Freibad sonst „ein zweites Wohnzimmer“. Jetzt versuche er eben, Einzelkarten zu ergattern. Schön sei es trotzdem, zumal diesen Sommer „die Stresser nicht hier sind“. Ihm fällt aber auch auf: „Senioren fehlen fast ganz. Die scheitern an der Online-Schwelle“, vermutet er. Vielen fehlten jetzt bestimmt soziale Kontakte. Lange Gesichter sieht man auch am Kiosk, seit 68 Jahren als Familienbetrieb geführt. Wo sonst um diese Zeit die Schlange in drei Reihen ansteht, gibt es nun „Einzelbesuche“.

Wenig zu tun hat auch die Bademeisterin Elvira Pietschmann: „Alles ist sehr übersichtlich und entspannt. Die Leute halten sich an die Regeln. Sie sind froh, dass wir überhaupt offen haben. Wer da ist, genießt das in diesem Sommer wahrscheinlich noch viel mehr als sonst.“

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